Sonntag, 11. September 2011

Sonnenschein als Handelsware


Wer gelegentlich die als Fernsehsender getarnte Einschlafhilfe namens N24 schaut, kennt das: Die stündliche Wettervorhersage wird seit einiger Zeit gesponsort von einer Billigfluglinie. Nicht, dass das noch ein Problem wäre; diese Welt ist sowieso schon bis in den letzten Winkel mit Werbung zugemöllert, dass es darauf auch nicht mehr ankommt. Dass die freundliche Stewardess bzw. die als Stewardess verkleidete Fernsehmoderatorin, die das Wetter der kommenden Tage verkündet, bei jeder Gelegenheit darauf hinweist, dass einen ihr Arbeitgeber da irre günstig hinfliegen könne, ist auch verzeihlich. Mir ist plattes, dafür offenes und eindeutiges Sponsoring immer noch lieber als verdeckte PR-Kampagnen, zum Beispiel, wenn so genannte Experten, die in Wahrheit Lobbyisten sind, in Talkshows herumramentern. 
 
Richtig nervig an der Sache ist etwas anderes: Der Dame tut es fast immer ganz furchtbar leid, wenn es irgendwo regnet bzw. die Temperaturen irgendwo unter 25 Grad sinken. Sie klingt dann immer wie eine beste Freundin, die über den Verlust des Goldhamsters hinwegtröstet und tut in einer Tour so, als ob ein bisschen Regen eine mittlere Naturkatastrophe wäre.

Und damit habe ich ein Problem. Das hieße nämlich, dass das Gelingen eines Urlaubs einzig und allein davon abhängt, wie lange und wie kräftig Freund Lorenz vom Himmel leuchtet.

Sehen wir einmal davon ab, dass immer mehr Menschen in diesem Land ihren Urlaub zwangsweise auf dem heimischen Balkon verbringen – wenn sie über einen verfügen – gibt es tatsächlich Menschen, die Regen nicht weiter stört oder die ihn sogar mögen. Die genießen es, barfuß durch einen Sommerregen zu laufen oder einen verregneten Tag mit Tee und einem guten Buch zu vergammeln. Ich zum Beispiel habe eher kühlere Sommer gern: Erstens, weil ich Hitze nicht gut vertrage und zweitens, weil die Freibäder dann so leer sind, dass ich ungestört meine Bahnen schwimmen kann. Auch Wanderer freuen sich über gemäßigte Temperaturen und halten einen gelegentlichen Regenschauer gut aus. Dann sind da noch jene sonderlichen Gestalten, die ihren Urlaub dazu nutzen, ihren Horizont zu erweitern, indem sie sich schöne Dinge anschauen, wie Museen, Galerien oder interessante Städte. Die kommen auch prima ohne pralle Sonne klar. Wer an die Nordsee fährt, tut dies nicht unbedingt nur, um jeden Tag 30 Grad zu haben – das kann man in den Touristenghettos am Mittelmeer billiger bekommen – sondern eben weil einem auch mal der Wind um die Nase weht und Körper, Geist und Seele gehörig durchlüftet.

Es soll sogar schon vorgekommen sein, dass noch nicht komplett verbohrte Menschen aus dem Urlaub zurückgekommen sind und erzählen, zunächst enttäuscht gewesen zu sein wegen des Wetters, am Ende jedoch ganz begeistert waren, weil sie Dinge erlebt und gesehen hätten, die ihnen bei zwei Wochen Sonnenbaden verborgen geblieben wären.

Was die Flugverticker jedoch via N24 transportieren, reduziert die schöne Übung des Reisens auf die Dämlack-Gleichung: viel Sonne = viel Erholung. Das ist nicht nur Schwachsinn, sondern leistet auch jenen Simpeln Vorschub, die törichterweise glauben, das Leben sei in allen Aspekten planbar. Ich fühle mich von so was jedenfalls verarscht.

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