Sonntag, 25. September 2011

Troll-Typologie. Ein Versuch


 "Opinions are like assholes. Everybody has one and they all stink."
(Harry Callaghan)

In der Süddeutschen Zeitung schrieb sich Leo Lagercrantz, der ehemalige Chefredakteur einer verbreiteten schwedischen Online-Zeitung, den Frust über die Trolle in den Kommentarsektionen von der Seele, deren Beiträge er über Jahre moderiert hatte. Das nervenaufreibende Debattieren hat letztlich dazu geführt, dass er seinen Job aufgegeben hat. Seine Diagnose: Trolle sind in der Regel einsam und traurig. Das mag sein, doch arbeitet Lagercrantz sich vor allem an einer bestimmten Sorte Troll ab. Das wird aber der Vielgestaltigkeit dieser Szene nicht im Ansatz gerecht. Eine kleine Typologie tut daher dringend Not:

Der Verschwörungstheoretiker
Der Klassiker schlechthin. Zeitweise hat man das Gefühl, das Internet sei nur für ihn erfunden worden. Eher Nervensäge als Troll. Der große Checker, der genau weiß, was die Welt wirklich antreibt und im Innersten zusammen hält. Behauptet gern, früher auch einmal so naiv gewesen zu sein wie die anderen Ignoranten hier, bis er eines Tages das Licht der Wahrheit erblickt hat und ihm alles klar wurde. Hat es sich seitdem zur Aufgabe gemacht, die Menschheit aufzuklären. Kennt alles von Dan Brown und Tom Clancy auswendig. Reagiert in der Regel verschnupft oder mitleidig auf Gegenargumente. Im fortgeschrittenen Stadium ergeht er sich oft nur noch in Andeutungen, weil man - pssst! - ja schließlich nicht offen reden darf, sonst kommen sie und holen einen. Stopft seine Beiträge meist mit einer großen Menge Links zu obskuren Internetseiten voll, fällt häufig durch den gönnerhaft-herablassenden Ton des weisen Durchblickers auf ("Ach, ihr armen, braven Schäfchen habt ja keine Ahnung...") oder nervt mit konspirativ gehaltenen Denkanstößen ("Denken Sie da mal drüber nach!").

Der professionelle Polit-Troll
Es gibt kaum handfeste Beweise, aber vor allem bei Artikeln zu wirtschaftlichen und sozialen Themen kommt der Verdacht auf, dass in den Kommentarspalten teilweise professionelle, von Think Tanks und Lobbyorganisationen bezahlte Kommentatoren am Werk sind. Sie geben sich als Privatpersonen aus und hauen jedem Mitkommentator, der nicht einstimmen will ins neoliberale Credo oder es gar wagt, zum Beispiel weiteren Sozialabbau eher kritisch zu sehen, umgehend die Kommunismuskeule auf die Glocke und werden dabei gern persönlich („Ach, Sie finden es wohl toll, auf Kosten der hart arbeitenden Allgemeinheit zu leben!“ „Wollen Sie etwa Verhältnisse wie in Nordkorea?“). Ihr erklärtes Ziel ist es, Diskussionen gar nicht erst aufkommen zu lassen bzw. aufkommende Diskussionen im Keim zu ersticken. Wie gesagt, es ist nur ein Verdacht, doch wird er genährt durch die Tatsache, dass Profi-Trolle meistens zu Zeiten, zu denen die Mehrheit der Menschen arbeiten muss, sofort auf dem Posten sind, um die reine Lehre zu verteidigen. Das lässt darauf schließen, dass sie die entsprechenden Internetseiten bzw. die Kommentare penibel verfolgen, um jederzeit zuschlagen zu können. Wer's nicht glaubt, sehe sich bitte die SPIEGEL-online-Foren an.

Der pubertäre Provokations-Troll
Eine vielerorts aussterbende Gattung, da Beiträge von Zeitgenossen, die in erster Linie Streit suchen, indem sie, gern zu später Stunde und sichtlich alkoholisiert, andere Kommentatoren anpöbeln, in der Regel von Moderatoren gelöscht werden. Haben einen gewissen Unterhaltungswert, weil sie – aber nicht nur sie – sich dann lautstark über Zensur beschweren oder auch die Moderatoren beschimpfen. Gern genommen werden auch wilde Spekulationen über das defizitäre Sexualleben von Andersdenkenden. Insgesamt scheinen sie eher bemitleidenswerte Gestalten zu sein, denn sie verfügen offenbar oft nur über alte, schadhafte Hardware, zum Beispiel Tastaturen, auf denen DIE SHIFT-TASTE KLEMMT.

Der indignierte Schöngeist
Häufig in den Kommentarspalten sich anspruchsvoll gebender Zeitungen zu finden. Jammert als eingefleischter Kulturpessimist ständig über die stetig nachlassende Qualität der Beiträge herum und hält der Redaktion Vorträge darüber, dass dies oder jenes einer ehemals anspruchsvollen Zeitung wie dieser unwürdig sei. Sieht seine hohen intellektuellen Ansprüche in einer Tour von stümperhaften Schreiberlingen beleidigt und nimmt jeden Tippfehler persönlich.
Eng verwandt mit dem indignierten Schöngeist ist der Oberlehrer, der vermutlich die Zensurengebung seines alten Deutschlehrers nie wirklich verarbeitet hat. Leitet seine Beiträge gern ein mit differenzierten Formulierungen wie: „Gaaanz schlechter Artikel, Herr/Frau Soundso! Thema verfehlt, sechs, setzen!“ Oberlehrer wirken immer dann besonders komisch, wenn sie auf Defizite bei Rechtschreibung und Zeichensetzung herumreiten, gleichzeitig aber aus ihren Beiträgen deutlich wird, dass es damit selbst nicht so genau nehmen.

Der Islamkritik-Troll
Nervt gewaltig. Frühstückt Muselmanen und rottet sich mit Gleichgesinnten zusammen, um dann die Kommentarspalte eines Artikels, der ihm und seinen Kumpels nicht passt, mit mahnenden bis beleidigenden Kommentaren zu fluten und alles niederzumachen, was nicht auf seiner Linie liegt. Die neurotische Fixierung vieler Islamkritik-Trolle lässt sich an ihrer beeindruckenden Fähigkeit erkennen, von jedem noch so abseitigen Thema, zum Beispiel einer Reportage über einen Hotelier auf Hallig Menschenleer, sofort eine Verbindung zur drohenden Islamisierung Europas im Allgemeinen bzw. zur Gewalttätigkeit muslimischer Immigranten im Besonderen knüpfen zu können. Böse Zungen nennen so etwas auch Paranoia. Ihre beliebtesten Argumentationstechniken sind, sich a) bei ihren Verbalinjurien auf das Grundrecht der Meinungsfreiheit zu berufen, umgekehrt aber jede abweichende Meinung als irrelevant bzw. lächerlich oder naiv hinzustellen, und sich b), meistens ziemlich larmoryant, als von einer Meinungsdiktatur politisch korrekter Gutmenschen Verfolgte zu inszenieren.
Was passiert, wenn dem Islamkritik-Troll zu lange freie Hand gelassen wird, lässt sich am Beispiel der bedauernswerten Kolumnistin Mely Kiyak studieren, die über Monate hinweg derart übel beleidigt wurde, dass die Frankfurter Rundschau nicht nur die Kommentarfunktion für ihre samstägliche Kolumne deaktiviert hat, sondern auch im Umfeld der Trolle recherchiert hat. Ein klarer Fall für die Staatsanwaltschaft.

Der Fanatiker
Ist, wie alle Erleuchteten, felsenfest davon überzeugt, dass allein der Weg, den er und seine Gesinnungsgenossen für sich als einzig richtigen entdeckt haben, die Welt noch retten kann. Fanatiker rekrutieren sich oft aus den Reihen von Veganern oder militanten Antirauch-Aktivisten. Es dürfte kaum noch ein Kochrezept mehr veröffentlicht werden, bei dem die Kampfveganer nicht im hohen Ton moralischer Entrüstung und in heiligem Zorn insistieren, dass Fleisch essen Mord, Jagd Sadismus, Tierhaltung schlimmer als KZs, Milchprodukte Diebstahl und Honig eine Vergewaltigung von Bienen sei. Wirken schnell ermüdend, weil ihre Argumente seit zwanzig Jahren im Kern die gleichen sind. Haben, wie alle Fanatiker, nicht begriffen, dass die meisten Menschen mithilfe litaneiartiger Moralpredigten eben nicht zu ändern sind, sondern oft noch rebellischer werden. Das bringt sie zusätzlich in Rage und das Spiel geht wieder von vorne los. Kapieren auch nicht, dass sie mit diesem Gehabe ihre eigentlich edlen Ziele diskreditieren, weil die Mehrheit der Nichtveganer kaum noch anders kann, als Menschen, die sich vegan ernähren, pauschal für verkrampfte, freudlose Missionare zu halten. Der Spott, den sie dafür häufig ernten, bringt sie dann noch mehr auf die Palme und so weiter und so fort.

Der notorische Abo-Kündiger
Kommt in allen Debatten bei Online-Zeitungen und anderen kommerziellen Angeboten vor. Droht lustigerweise andauernd damit, sein Abo, das er selbstverständlich seit Jahrzehnten hat, mit sofortiger Wirkung zu kündigen. Zack, da hat er es ihnen aber gegeben! Richtig witzig wird es, wenn beispielsweise Islamkritik-Trolle jammerlappig behaupten, seit Ewigkeiten taz- oder Frankfurter-Rundschau-Abonnenten zu sein, jahrelang still und geduldig dem Niedergang der geliebten Zeitung zugesehen hätten, aber jetzt das Maß voll und endgültig Schluss sei.
Sagen wir mal so: Wenn nur die Hälfte aller auf diese Weise von Kündigung bedrohten Abos tatsächlich existierte, dann hätten die Printmedien in Deutschland keine Probleme.

Das U-Boot
Auch diese Spezies ist themenunabhängig in fast allen Debatten zu finden: Gibt sich als persönlich betroffen aus, um seiner Meinung einen gewissen Nachdruck zu verleihen bzw. moralischen Druck aufzubauen. Sei es zum Thema Arbeitslosigkeit ("Wenn ich so was lese, könnte ich ausrasten! Ich bin selbst arbeitslos, bin dankbar für die großzügigen Sozialleistungen und komme mit dem Geld ganz prima aus."), Bologna-Studiengänge ("Ich kann über die faulen Säcke nur lachen! Ich habe selbst eine 65-Stunden- Woche an der Uni und immer Zeit für Party und Hobbys..."), Migration ("Ich stamme selbst aus Absurdistan und kann die Deutschen nur warnen vor ihrem naiven Umgang mit Islam..."), Gesundheit ("Wenn Ihnen auch einmal ein 16-Tonnen-Gewicht auf den Fuß fallen würde, so wie mir, dann würden Sie nicht mehr so leichtfertig daherreden...") oder Sicherungsverwahrung von Sexualstraftätern ("Meine Tochter ist vor xxx Jahren von so einem Dreckschwein **** worden. Wissen Sie, was man da empfindet als Mutter, Sie gefühlloser Klotz???) - sie sind überall. Das Problem an diesen Gestalten ist naheliegenderweise, dass ihre Behauptungen grundsätzlich nicht überprüfbar und somit nicht ernst zu nehmen sind. Trotzdem schaffen sie es gelegentlich, einem ein schlechtes Gewissen zu machen, vor allem, wenn sie als Opfer von Verbrechen auftreten.

Der verhinderte Journalist
Hierbei handelt es sich um die Sorte Troll, die Lagercrantz am meisten auf den Senkel gegangen ist und die ihn letztlich bewogen hat, seinen Job an den Nagel zu hängen. Schreibt Kommentarspalten mit ellenlangen, meist theoretisch-philosophisch unterfütterten Ergüssen über seine Weltsicht, die wirklichen Schuldigen an der Misere der Welt sowie mit fein ausgearbeiten Essays über die Unfähigkeit des Autors voll. Klammert sich gern an bestimmte Autoren, zettelt Privatfehden mit ihnen an und betrachtet die Kommentarspalte als seine persönliche Spielwiese. Hält sich selbst oft für ein begnadetes Schreibtalent, hat aber leider nicht begriffen, dass zu den wichtigsten Anforderungen journalistischen Schreibens die Fähigkeit gehört, auf den Punkt zu kommen.
Da der tägliche Textaussstoß dieser Sorte Troll häufig den von professionellen Journalisten bei weitem weit übersteigt, stellt sich die Frage, ob diese Menschen sonst nichts zu tun haben bzw. warum diese Menschen nicht selbst etwas auf die Beine stellen, um der Welt ihre Gedanken mitzuteilen. Es war noch nie so einfach, einen eigenen Blog ins Netz zu stellen. Brauchen sie vielleicht die Person eines Autors, an der sie sich abarbeiten? Möglicherweise glauben sie auch, es würde ihnen automatisch eine gewisse Aufmerksamkeit sichern, wenn sie auf einer viel gelesenen Webseite kommentierten. Das dürfte in den meisten Fällen ein Trugschluss sein, denn kaum jemand liest gern schlecht formatierte, seitenlange Aufsätze in 8 Punkt-Schrift.

Für weitere Vorschläge bin ich dankbar.

1 Kommentar :

  1. Vielleicht lässt sich ja diese Typologie wesentlich kürzen, nämlich auf Lagercrantz' eigene Diagnose: "Trolle sind in der Regel einsam und traurig."
    Die Ausarbeitung in all die "phänotypischen" Varianten ist Feuilleton.

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