Sonntag, 18. September 2011

Verabschiedet euch, Junggesellen!


Es ist eine Pest, und sie geht nicht weg: Man sitzt gemütlich in einer netten Kneipe, verleibt sich das eine oder andere alkoholische Getränk ein und verdiskutiert angeregt im Kreise netter Menschen das Weltgeschehen. Dann: Arschgeigenalarm, Stufe dunkelrot. Eine lermende Horde junger Männer oder Frauen, alle mit dem gleichen, voll witzigen T-Shirt gekleidet, entert das Etablissement und fällt über die Gäste her: Entweder bekommt man für teuer Geld Krimskrams aufgeschwatzt (meistens eklige Likörchen mit angeblich lustigen Namen oder - huiii! - Kondome mit Geschmack) oder man muss demütigende Spielchen mit ansehen, bei denen das künftige Ehegespons dazu gezwungen wird, sich in aller Öffentlichkeit zum Horst zu machen. Und wenn man freundlich sagt, dass man am allgemeinen Lustigsein bitteschön nicht teilnehmen möchte und noch einen schönen Abend wünscht, dann muss man darauf gefasst sein, mit Schmähungen eingedeckt zu werden, von denen „Spaßbremse“ noch die bei weitem harmloseste ist. Es gibt Momente, in denen auch der langmütigste Menschenfreund schlagartig Phantasien entwickelt, in denen grausame Folter- und Hinrichtungsrituale eine zentrale Rolle spielen. Schlimmer ist eigentlich nur noch, während einer längeren Bahnfahrt den Waggon mit Kegelclubs beiderlei Geschlechts teilen zu müssen.

Auf meiner persönlichen Hitliste waren die vorläufigen Höhepunkte dieser Landplage der Abend, an dem ich in einem Biergarten nicht weniger als drei mal von so einer Bande angewanzt wurde und der Abend, an dem ein freundlicher Wirt dem Mob die Tür wies und daraufhin Prügel nebst Verwüstung seines Ladens angedroht bekam. Die Polizei hat der Sache schnell ein Ende gemacht. Da zahlt man doch gern Steuern.

Nein, ich habe nichts gegen feiern und Spaß haben, wirklich nicht. Es ist auch nicht nur der karnevalsartige Zwangscharakter des ganzen, der so stört. Es ist das piefige Deppenverständnis von Ehe, das viele dabei offenbaren: Wer allen Ernstes glaubt, so eine armselige Veranstaltung wäre der letzte Abend in Freiheit, danach käme nur noch Knast, sollte sich das mit dem Heiraten noch einmal gründlich überlegen.

Im Übrigen ist es nicht mein Job, für die Hochzeitsfeier einer völlig fremden Person auch nur einen einzigen, verdammten Euro rauszurücken. Wer das freiwillig tun möchte – bitte sehr, aber lasst mich in Ruhe, wenn ich nein sage. Ein Obdachloser, der beim Verkauf seiner Obdachlosenzeitungen so vorginge, säße längst in Haft. Und, ich weiß, das ist hart, aber das dräuende Eheglück bzw. -unglück einer völlig fremden Person ist mir ebenfalls komplett egal. Weiterhin ist es mir egal, wie viel Mühe ein völlig fremder Trauzeuge sich mit der Vorbereitung dieser Erregung öffentlichen Ärgernisses gegeben hat. Und wenn ich sage, dass ich bitte nicht mit solcher Feierei behelligt werden möchte, dann wünsche ich, dass das verdammt noch mal respektiert wird. Alles Andere grenzt an Nötigung.

Warum machen diese Event-Agenturen eigentlich nicht zur Abwechslung mal etwas Sinnvolles und richten außerhalb der Städte umzäunte Freigelände für so was ein oder buchen eine Mehrzweckhalle? Da können die Krawallbacken sich die ganze Nacht lang gegenseitig vollgrölen und sich ihre superwitzigen Kinkerlitzchen andrehen. Es würden sich Getränkestände und Fressbuden ansiedeln und gute Geschäfte machen. Gaukler, Stripperinnen und Vermieter dieser unsäglichen Bierbikes würden ihre Dienste feilbieten und alle wären glücklich: Das Partyvolk hätte seinen Spaß unter seinesgleichen und diejenigen braven Bürger, die Lustigkeit nicht in Dezibel messen, könnten in Ruhe den Abend genießen.

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