Mittwoch, 12. Oktober 2011

Ausgekultet


Wann der Kult in mein Leben trat, weiß ich nicht mehr genau. Es muss irgendwann in den Achtzigern gewesen sein. Der ältere Bruder eines Schulfreundes erzählte etwas von Rocky Horror Picture Show und Blues Brothers. Der Mann studierte in Münster, und das provinzielle Münster war damals für das heranwachsende Kind einer randständigen, mittelgroßen Ruhrgebietsstadt die große weite Welt. Dort organisierte der AStA immer zum Semesterabschluss so genannte Kultfilm-Happenings: In einem extra gemieteten Programmkino wurde einer dieser Filme als Sondervorstellung gezeigt und alle erschienen in entsprechender Kostü-mierung. Bei Blues Brothers waren das natürlich Sonnenbrillen und schwarze Anzüge. Bei Rocky Horror Picture Show ging es bunter zu: Ein, zwei ganz mutige Herren sollen gar in Korsage und Strapsen aufgelaufen sein. Viel mehr können es aber auf keinen Fall gewesen sein. Wer Münster kennt, weiß warum. Jedenfalls war der Kern des Spaßes, bei diesen Vorstellungen wichtige Dialogzeilen im Chor mitzusprechen beziehungsweise gemeinsam bestimmte Dinge zu tun, zum Beispiel bei der Hochzeitsszene in Rocky Horror Picture Show mit Reis zu werfen. Der Studiosus erzählte all das mit beinahe verschwörerischer Stimme und meinte, das sei absolut Kult.

Da war es, das magische Wort! So ging das also auch. Bis dahin war ich gewohnt, Filme entweder vor einem flimmernden Fernseher mit schlechtem Bild anzusehen oder in einem muffigen Kino, wofür man einen erklecklichen Teil seines Taschengeldes hinlegen musste. Dann gab es noch Videoabende, zu denen Freunde einluden, die in einem mit Videorecorder ausgerüsteten Haushalt wohnten, wenn sie sturmfreie Bude hatten. Dort wurden dann bis in die Morgenstunden bei Chips und Cola mehrere Filme hintereinander durchgesessen. Egal, wie man sich Filme ansah, sie wurden passiv konsumiert. Ich war begeistert von der Kreativität der Studenten und ich wollte wissen, wann so etwas wieder stattfinden würde, denn dann wollte ich unbedingt dabei sein. Ich bekam zur Antwort, das gönge leider nicht, denn man würde nur mit Studentenausweis (das genderneutrale 'Studier-endenausweis' war noch unbekannt) eingelassen. Und weil mir so was damals Respekt abnötigte, tröstete ich mich mit der Aussicht, nach dem Abitur auch bald Zugang zu solch erlauchten Kreisen erlangen zu können.

Für Kult, das immerhin hatte ich gelernt, braucht es die Fähigkeit zur Ironie und die Aura der Exklusivität, ein Bewusstsein, einer Avantgarde der Eingeweihten anzugehören. Ironie hatten wir vor allem von der Zeitschrift MAD gelernt, die, damals herausgegeben vom genialen Herbert Feuerstein, einen Jugendlichen mit dem nötigen Rüstzeug ausstattete. In MAD wurden Leserbriefschreiber lächerlich gemacht und durch die Filmparodie-Comics nahmen wir bald kaum noch einen ernst gemeinten Film mehr wirklich ernst. Ganz nebenbei lernten wir mehr über Dramaturgie, Charakterisierungen und Figurenkonstellationen als aus Büchern und Zeitschriften. Im Deutschunterricht tauchten Filme als eigenständige Kunstform nicht auf; eine staubtrockene Literaturverfilmung oder die Fernsehproduktion eines Theaterstücks durchstehen zu müssen, war schon das höchste der Gefühle.

Über die endlos scheinende Zeit ohne den ersehnten Studentenausweis tröstete ich mich auf Videoabenden mit VHS-Kassetten von Das Leben des Brian, Kentucky Fried Movie und Die unglaubliche Reise in einem verrückten Flugzeug hinweg. Das reichte immerhin, um montags in der Schule bei den Leuten intellektuell auf dicke Hose zu machen, die sich, wenn sie nicht gleich in die Disco gingen, langweilige, bonbonbunte 08/15-Aufsteigerfilme des damals angesagten Brat Pack oder, schlimmer noch, Action-schrott mit Schwarzenegger bzw. miese Propagandastreifen wie Top Gun anschauten.

Natürlich hatte es schon vor dieser Zeit Dinge gegeben, die die quasi kultische Verehrung einer eingeschworenen Fangemeinde genossen: Die Liebe zu Autos wie der Ente, dem Golf GTi und dem VW Käfer oder zu Motorrädern von Harley Davidson wurde in entsprechenden Kreisen gepflegt. Auch Bands wie Pink Floyd, die Beatles oder Stones hatten ihre treuen Anhänger, die alles sammelten, dessen sie habhaft werden konnten. Aber das waren keine Massenphänomene, sondern eher so etwas wie Kanin-chenzuchtvereine oder Liedertafeln.

Was mir nicht klar war: Das Kult-Getue hatte die beste Zeit hinter sich, ehe ich überhaupt damit angefangen hatte. Ab den frühen Neunzigern wurden Kult-Events immer öfter professionell und vor allem kommerziell aufgezogen. Weil auf einmal alle rasend ironisch waren, verlor das Ganze bald jede Exklusivität und wurde zum x-beliebigen Spaßbackenevent für die Massen. Kein Wochenende verging, ohne dass irgendeine gesponsorte Party mit dem Zusatz 'Kult' veranstaltet wurde. Das hätte noch als Demokratisierung einer ursprünglich akademischen Vergnügens durchgehen können, wenn nicht die werbetreibende Industrie das enorme Potenzial des Kults um Filme, Bands und anderes entdeckt und die frisch wiedervereinigte Republik mit einem wahren Kult-Teppich überzogen hätte. Es wurde für einige Zeit förmlich zum Erfolgsmodell, irgend etwas 'Kultiges' anzupreisen. Geschmacksverirrungen aus den Siebzigern, für die wir als Schüler geteert und gefedert worden wären, wie etwa Schlaghosen, waren plötzlich wieder total in, im Vorjahr erschienene Hollywoodfilme wurden zum Kult erklärt, Sampler-CDs enthielten 'Kult-Hits', Dieter Thomas Kuhn und Guildo Horn türmten Erfolg auf Erfolg, Metal-Fans, denen es sonst nicht heftig genug sein konnte, fanden auf einmal ABBA gar nicht mal sooo übel und auch unschuldige Lebensmittel kamen nicht davon: Der Inhaber einer Essener Imbissbude pries seine Currywurst als 'Kult-Produkt' an, wenn ich mich recht entsinne.

Nach kurzer Zeit reagierten wir nur noch peinlich berührt, wenn ein Abiturient mit Schlaghose, Tri-Top-T-Shirt und Prilblumen-Buttons auf der Drillich-Umhängetasche des Weges kam. Es hatte sich ausgekultet. Es nervte. Wenn das böse Wort heutzutage irgendwo in der Werbung auftaucht, ist das nur mehr ein sicheres Zeichen dafür, dass dem Texter absolut nichts Originelles eingefallen ist, und das ist auch gut so. Dabei hätten wir es schon ganz zu Anfang besser wissen können: 1984 ließ Rötger 'Brösel' Feldmann seinen damals noch sehr amtlichen Werner sagen, er sei mitnichten eine Kultfigur, wenn hier jemand Kult mache, dann Bauer Horst mit seinem Lanz-Traktor. Im nächsten Bild war Horst auf dem Trecker zu sehen. Aus dem Auspuff machte es: „Kult! Kult! Kult!“.

Damit war eigentlich alles gesagt, was wir hätten wissen müssen.

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