Samstag, 15. Oktober 2011

Berufliche Neuorientierung


Als ich gestern nachmittag im Auto auf dem normalerweise durchaus hörbaren Sender Deutschlandradio Kultur Berichterstattung und Analysen über die Brandsätze im Berliner Nahverkehr hörte, dachte ich erst: „Ah, Terrorismusexperte – der letzte echte Männerberuf!“. Dann kam mir in den Sinn, dass große Karrieren meist mit einer gesunden Portion Selbstbewusstsein beginnen. Damit, dass man sich sagt: „Was der kann, das kann ich schon lange!“ Also beschloss ich, mich zu bewerben:



An den Intendanten/Chefredakteur
[beliebiger Sender/beliebiges Printmedium]


Bewerbung als Terrorismusexperte


Sehr geehrte Damen und Herren,

ich bewerbe mich bei Ihnen als Terrorismusexperte, weil ich über alle, für diese anspruchsvolle Tätigkeit erforderlichen Kenntnisse und Kompetenzen in hohem Maße verfüge:

  • Ich habe nicht wirklich eine Ahnung, dafür immer eine Meinung.
  • Eine Sammlung schicker Anzüge samt der passenden Krawatten.
  • Ich habe nicht nur das Vorwort von Der Krieg in unseren Städten gelesen, sondern  auch Der Baader-Meinhof-Komplex auf DVD gesehen.
  • Eine durch traumatische Erfahrungen mit meinen Achtundsechziger-Lehrern seit früher Jugend sorgsam gehegtes Ressentiment, dass die Linken an allem Schuld sind
  • Wenn gerade keine Linken da sind, können wir uns auch gerne auf Islamisten einigen.
  • Die Fähigkeit, fünf Minuten am Stück sehr besorgt in eine Kamera zu schauen.
  • Eine sonore, Vertrauen erweckende Stimme. 
  • Ein sechsmonatiges Praktikum bei der PR-Agentur Bausch und Bogen. Die drei Kundenbefragungen, an denen ich während dieser Zeit mitarbeiten durfte, lassen sich problemlos als wissenschaftliche Studien ausgeben.

Sie sagen, wer der Böse ist, ich liefere in fünf Minuten jederzeit ein knackiges, höchst seriös wirkendes Statement. Egal, ob Relativieren, Verharmlosen, latente Unruhe erzeugen oder Panik machen – ich habe alles drauf. Man kann in diesen Zeiten nicht wachsam genug sein. Es ist mir daher ein Herzensanliegen, an der Manipulation Aufklärung der Bevölkerung zu arbeiten.

Meine Gehaltsforderungen sind übrigens moderat: Mit einem Honorar in Höhe meines momentanen Monatsgehalts für ein fünfminütiges Interview oder eine kurze Glosse bin ich einverstanden, sofern Sie mir vertraglich zusichern, mir zwei Mal pro Woche einen entsprechenden Auftrag verschaffen zu können. Mehr Zeit habe ich momentan leider nicht, denn ich habe ein Manuskript für ein Buch in Arbeit, das Ende des Jahres im Kopp-Verlag erscheinen wird.

Ich freue mich auf unsere Zusammenarbeit.

Mit freundlichen Grüßen

Stefan Rose


Wenn ich an die Beiträge denke, die ich im Radio hören musste, dann sollte das locker genügen. Jetzt wird durchgestartet!

Kommentare :

  1. Witzig, mir ging es fast genauso, gestern, beim Autofahren und gleichzeitig das "Gebrabbel" auf d-radio-kultur anhören müssen.

    Allerdings, auf so eine "reaktion" bin ich nicht gekommen, hab' zwischendurch den Sender gewehselt - um dann, komplett auszuschalten.

    Schön, dass du so konkret geworden bist.

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  2. Wow, der Bewerbungsbrief überzeugt mich! Da liefere ich bei Bedarf gerne auch noch ein passendes Empfehlungsschreiben zu! Nicht, daß ich irgendwie Ahnung von sowas hätte, aber ich krieg's hin, daß es super professionell aussieht. ;)

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  3. Oh, Gott! Das ist der Hammer, ich lach mich tot. Du kannst wirklich eine Karriere als Terrorismusexperte machen :)

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