Freitag, 7. Oktober 2011

Besteuerte Fette


Es war zu erwarten: Nach den Rauchern kommen nun die Dicken verstärkt ins Visier des Gesetzgebers: Dänemark hat eine Steuer auf gesättigte Fette in Nahrungsmitteln eingeführt. Pro Kilogramm gesättigter Fette werden 16 Dänische Kronen (ca. 2 €) fällig. Dadurch werden Molkereiprodukte wie Butter oder Sahne etwa 20 Prozent teurer, Fleisch und Käse je nach Fettgehalt zwischen drei und fünf Prozent. Importierte Ware, deren Gehalt an gesättigten Fetten nicht deklariert ist, wird gleich mit einer erhöhten Pauschale belegt. Man räumt offen ein, die Bürgerinnen und Bürger zum Kauf von Nahrungsmitteln mit einem geringeren Anteil an gesättigten Fetten erziehen zu wollen und erhofft sich dadurch eine Entlastung der Sozialkassen, weil auf lange Sicht weniger Behandlungskosten für Menschen mit ernährungsbedingten Krankheiten anfallen würden

Das Fiese ist nun, dass gesättigte Fette nicht nur in vermeintlich bösen Lebensmitteln wie Fertigpizza, Hamburgern und Schokoriegeln enthalten sind, sondern auch in guten, fast naturbelassenen wie in Bio-Butter und vielen Fischarten. Problematisch ist auch, dass nicht nur die tatsächlich in einem Lebensmittel enthaltenen gesättigten Fette gemessen und versteuert werden müssen, sondern auch die zur Zubereitung verwendeten, wie etwa Frittierfett. Es dürfte also ein erheblicher Aufwand auf die Anbieter zubereiteter Lebensmittel zukommen. Fragen Sie einmal Ihren Bäcker, ob er weiß, wie viel Prozent gesättigte Fette genau die Berliner in der Auslage enthalten. Auch der Fettgehalt von Pommes Frites kann, abhängig von der Kartoffelsorte, der Frittiertemperatur und der Qualität des verwendeten Öls, erheblich schwanken.

Die Kosten für die Umsetzung dieses Gesetzes tragen in erster Linie die Lebensmittelhersteller und Rohstofflieferanten, die diese erhöhten Kosten (Steuern plus Aufwand für Messungen und Berechnungen) natürlich an die Verbraucher weitergeben. Die einzige Belastung für die Staatskasse dürften die Kosten sein, die durch die Überwachung der Einhaltung des Gesetzes entstehen. Diesen Kosten stehen jedoch Teile der erhofften Steuermehreinnahmen entgegen. Gesetze wie diese sind in der Regel für den Gesetzgeber sehr billig zu haben.

Maßnahmen wie diese sind aus ernährungswissenschaftlicher Sicht reiner Aktionismus und es ist höchst fragwürdig, dass sich sowohl am durchschnittlichen Gewicht als auch an der Lebenserwartung der Dänen irgend etwas signifikant ändern wird. Es gibt durchaus Hinweise, dass die angeblich rasant ansteigenden Zahlen bei Übergewicht, Diabetes und anderen Zivilisationskrankheiten nicht zwingend in direktem Zusammenhang mit der Ernährung stehen. Weitgehend einig ist man sich inzwischen jedenfalls, dass unterschiedliche Menschen zum Teil höchst unterschiedlich auf Inhaltsstoffe in der Nahrung reagieren. Die Grundannahme, dass Fett fett macht, ist längst überholt. Das gilt auch für viele andere Ernährungsdogmen, die größtenteils auf Erkenntnissen von geradezu erschreckender Vorläufigkeit beruhen. Ein gutes Beispiel ist die Panik um das Acrylamid, das jüngsten Studien zufolge, wohl doch nicht so krebserregend ist, wie man ursprüglich dachte.

Auch das Argument mit der zu erwartenden Entlastung der Sozialkassen ist gewagt, wenn man bedenkt, dass die Gesundheits-gefahr, die angeblich von gesättigten Fetten ausgeht, gelinde gesagt, umstritten ist. Sollte sich ein messbarer Effekt durch deren Reduktion über die Nahrungsaufnahme einstellen, dann dürfte er, wenn überhaupt, erst in ein paar Jahrzehnten nachweisbar sein. Weil es momentan im Trend liegt, Menschen Vorschriften über ihre Ernährung zu machen, werden Einsparungen sich eher durch die Psychologie dieser Steuer ergeben: Viele, die sich über die steigenden Preise auch vermeintlich gesunder Lebensmittel ärgern, werden sagen: Seht ihr, wegen der undisziplinierten Dicken, die sich nicht im Griff haben und nicht so toll auf ihre Ernährung achten wie unsereins, müssen wir alle tiefer in die Tasche greifen. Wenn es gelingt, die Bevölkerung im Glauben zu halten, Übergewicht und daraus resultierende Erkrankungen seien einzig die Folge individuellen Fehlverhaltens und mangelnden Willens zum richtigen Leben, dann kann man übergewichtigen Menschen auch bestimmte Behandlungen verweigern oder sie ihre Medikamente selbst bezahlen lassen.

Wenn der Nutzen dieser Steuer aber derart fragwürdig ist, warum wurde sie vor kurzem trotzdem eingeführt?

Ganz einfach: Weil man Geld braucht. 2009, als man in Dänemark über die Einführung der Fettsteuer erstmals ernsthaft nachgedacht hat, hatte die dortige Regierung ein kleines Problem: Der Spitzensteuersatz der Einkommenssteuer war in bester neoliberaler Manier von 63 auf 56 Prozent gesenkt worden. Um den zu erwartenden Steuerausfall zu kompensieren, ersann man ein Paket an Maßnahmen, zu denen die Fettsteuer, aber auch eine stärkere Besteuerung von Energie gehört. Davon erhofft man sich Steuereinnahmen in Höhe von ca. 190 Mio. € im Jahr.

Und hier liegt vermutlich die wahre Ursache für das plötzliche Interesse der dänischen Regierung am Fettkonsum der Dänen: Die so genannte 'Gesundheitssteuer' hat mit Gesundheit nicht das Geringste zu tun, sondern ist schlicht eine neue Verbrauchssteuer, zu deren Einführung man sich genötigt sah, um Reiche bei der Einkommensteuer entlasten und Menschen mit kleinen und mittleren Einkommen dafür in die Tasche greifen zu können, denn die werden durch solche Abgaben immer überproportional belastet. Man sollte das im Hinterkopf behalten, wenn auch bei uns – nur aus Gründen der Volksgesundheit, versteht sich – über eine Sonderbesteuerung von Fett und Zucker nachgedacht wird.

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