Montag, 17. Oktober 2011

Brain Farts, 17.10.2011


Henkelmänner

Wenn die Occupy Wall Street-Bewegung schon jetzt eines erreicht hat, dann, dass sie den Hans-Olaf Henkels dieser Welt eines ihrer beliebtesten Argumente aus der Hand geschlagen hat: Dass die Amerikaner generell ein entspannteres, positiveres Verhältnis zu obszönem Reichtum hätten, ganz im Gegensatz zu den neidzerfressenen, kryptosozialistischen Deutschen, die dem braven Leistungsträger nicht die Butter auf dem Brot gönnten. Danke dafür!


Denunze des Tages 1
Die Basis der ,neuen' Bewegung sind die Veteranen der vorausgegangenen ,Aufstände', Leute, die sich beim Sozialamt die Stütze abholen, um auf dem Heimweg gegen den repressiven Staat zu protestieren.“
Wo wohl? Klar. Damit wäre dann auch das Weltbild des Stammtisches wieder im Lack.


Denunze des Tages 2

Eine ganz feine Idee vom ollen Henryk M. Broder (wo sich möglicherweise das oben zitierte Blatt bedient hat):
„Wenn sie den Banken wirklich eines auswischen möchten, könnten sie es dennoch tun. Statt auf die Straße zu gehen, sollten sie einfach ihre Konten kündigen, sich die Guthaben auszahlen lassen und die Arbeitsämter verständigen, dass sie die Stütze demnächst bar auf die Hand ausbezahlt haben möchten. Wenn nur 100.000 “Kapitalismuskritiker” so etwas machen, kommt das Bankensystem ins Schleudern. Und zwar nachhaltig. Aber das werden sie nicht tun, denn erstens sind sie dazu, wie gesagt, zu blöde, zweitens haben sie keine Ahnung, wie Geld funktioniert ("Staatsknete") und drittens wollen sie nur ein wenig Rambazamba machen, bevor sie einen Bausparvertrag abschließen.“
Mensch, Broder, Sie alter Fuchs! Sie glauben also, wenn 100.000 Kapitalismuskritiker, die alle Stütze beziehen, sich diese in bar auszahlen ließen und den Banken auch ihre weiteren fürstlichen Zahlungen vorenthielten, dann käme das ganze Bankensystem nachhaltig ins Schleudern? Ja? Schön, ich wollte nur sicher sein, das richtig verstanden zu haben.

Rechnen wir einmal nach: Nehmen wir eine großzügig kalkulierte, durchschnittliche Stütze von 700,-- € pro Taugenichts und Monat an (356,-- € Grundsicherung + 300,-- € Zuschuss für Miete und Heizung + sonstige Aufwendungen). Verwaltungskosten zählen nicht, weil die Betroffenen darüber nicht verfügen können. Dann müssen wir noch annehmen, die 100.000 Revoluzzer hätten allesamt Vermieter, die die Miete in bar kassieren. Weiterhin unberücksichtigt bleiben Transferempfänger, die bei ihrer Bank in der Kreide stehen und Zinsen zu zahlen haben – wie gesagt, wir wollen großzügig sein. Ferner sehen wir davon ab, dass viele Zahlungen heutzutage nur noch bargeldlos möglich sind, d.h. ohne Beteiligung des Bankensystems nicht zu leisten sind. Schließlich ignorieren wir auch noch die Tatsache, dass bei etlichen ALG-II-Beziehern die Miete durch das Jobcenter direkt an den Vermieter überwiesen wird, die Hausbank der Betroffenen diese also oft gar nicht zu Gesicht bekommt. Multiplizieren wir diese 700,-- € mit 100.000, dann kommen wir auf 70 Mio. €, die dem Bankensystem dadurch monatlich durch die Lappen gehen würden.

Nun sind 70 Milliönchen natürlich kein Pappenstiel, aber glauben Sie, Broder, allen Ernstes, das Bankensystem ließe sich damit nachhaltig erschüttern? Vor allem, wenn man bedenkt, dass so ziemlich die ganze Kohle sowieso bei den Banken landet, und zwar in Form von Mietzahlungen und Ausgaben für Konsumgüter, weil Vermieter und Einzelhändler sich ihre Einnahmen normalerweise nicht in bar unters Kopfkissen legen. 

Und so was glaubt ernsthaft, Kapitalismuskritiker hätten keine Ahnung, wie Geld funktioniert! Für das Rechnen habe ich übrigens noch nicht einmal einen Taschenrechner gebraucht.

Ach, und eine Frage noch: Wie und wo kriegt man als Empfänger von Stütze eigentlich einen Bausparvertrag abgeschlossen? Würde mich wirklich interessieren.


offene Türen
Es heißt, Politiker aller Fraktionen, bis hin zur FDP (hört, hört!) zeigten für die Proteste Verständnis. Soso, aha. Ich habe mal irgendwo gelesen, dass es in Arbeitszeugnissen zu den Höchststrafen gehört, wenn es heißt: „Herr/Frau X zeigte für seine/ihre Arbeit Verständnis.“

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