Dienstag, 4. Oktober 2011

Dream Theater: A Dramatic Turn Of Events (2011)


Schon wieder zwei Jahre rum? Zeit für ein neues Album der Progressive-Metal-Götter Dream Theater. Nachdem Drummer und Band-Mitbegründer Mike Portnoy letztes Jahr überraschend ausgestiegen ist und die restlichen vier in Mike Mangini einen Nachfolger gefunden hatten, fragten sich natürlich viele Fans: Was kann der Neue? Mangini macht seinem Ruf, alles andere als ein musikalisches Leichtgewicht zu sein, alle Ehre. Der Mann ist ein Vollprofi, der sich nahtlos einfügt in die Firma. Man hat sich im Hause Dream Theater für die sicheren Variante entschieden, wie schon in der Dokumentation The Spirit Carries On zu sehen war. In kommerzieller und vielleicht auch persönlicher Hinsicht ist das verständlich, künstlerisch führt es meist nicht weiter. Andererseits können gerade eingeschworene Fans manchmal ziemlich konservativ sein, haben Bewährtes gern und goutieren allzu heftiges Experimentieren nicht unbedingt. Egal, für wen man sich letztlich entschieden hätte, ein Weitermachen unter dem alten Namen wäre vermutlich in keiner Konstellation ganz ohne Enttäuschungen möglich gewesen.

Der Opener On The Backs Of Angels war bereits einige Wochen vor Erscheinen des Albums im Netz zu hören: Nach leisen Keyboard-Effekten und einem sich allmählich aufbauenden Intro, das stark an Pull Me Under erinnert, gibt es zunächst die volle Bombast-Breitseite mit mächtigen Chorsamples. Die Reminiszenzen an Pull Me Under gehen weiter: Melodische Gitarrenlicks zur Einleitung des Refrains und jede Menge krumme Rhythmen in den Strophen. Vielversprechender Auftakt.

Nach dem kürzeren Build Me Up – Break Me Down mit elektronischen Beats und Schmalz-Refrain, der Frickel-Orgie Lost Not Forgotten und dem grenzkitschigen, melodischen This Is The Life (aber tolles Gitarrensolo!) ist Bridges In The Sky der nächste Höhepunkt nach dem Opener. Beginn: Was ist das denn? Wettrülpsen? Ein Ochsenfrosch? Nein, buddhistischer Gutturalgesang, der von gregorianisch angehauchten Chören abgelöst wird. Gerade, wenn der geneigte Hörer beginnt, in esoterische Gefilde abzuheben, erklärt John Petrucci die Schmusestunde mit einem brachialen Hochgeschwindigkeitsriff unmissverständlich für beendet. Es folgen neun Minuten Abwechslung, Wumms und Spielfreude, und wenn zum Schluss der Mönch wieder chantet, dann macht sich Zufriedenheit breit, weil soeben eines dieser akustischen Brillantfeuerwerke über einen hinweg gerauscht ist, die einen damals zu Dream Theater gebracht haben.

Outcry beginnt vielversprechend, aber neuerliches, ausführlichstes Gefrickel im Mittelteil, das wieder einmal die stupenden instrumentalen Fähigkeiten aller nicht singenden Beteiligten zur Geltung bringt, aber den Song ein wenig aus dem Ruder laufenlässt. Es mag kontrovers sein, ist es doch bekannt, dass ein nicht unbeträchtlicher Teil der Fans solche Demonstrationen von Virtuosität sehr schätzt, aber hier wäre weniger vermutlich mehr gewesen, denn der eigentliche Song bietet mit seinen teils abgedrehten Harmoniewechseln schon mehr als genug.

Auf die kurze Ballade Far From Heaven folgt mit Breaking All Illusions der nächste echte Höhepunkt des Albums: Nach ordentlich abrockendem Beginn heben wir ab in die Sphären von Pink Floyd & Co: Über einer sanften Basslinie und einem Keyboard-Teppich soliert sich Petrucci hymnisch in lichte Höhen. Ein schöner Ausflug in sanftere Richtungen des Genres. So was ist auf den vorigen Alben ein wenig zu kurz gekommen und erfreut alle Hörer, für die es nicht immer nur metallisch hart sein muss. Hach, nett!

Zum Schluss Beneath The Surface, noch eine Kuschelballade zum Feuerzeuge schwenken. Wer's mag...

Gesamteindrücke: Handwerklich-technisch wie immer über jeden Zweifel erhaben. Mike Mangini füllt die Portnoy-Lücke spielend, James LaBrie singt anstatt zu quetschen und Jordan Rudess bemüht sich redlich um größere Vielfalt an Keyboardsounds. Ich kann mich übrigens nicht erinnern, in den letzten Jahren beim Hören eines neuen Dream-Theater-Albums so häufig ein breites Grinsen im Gesicht gehabt zu haben, weil seit längerer Zeit hier und da wieder die reine Spielfreude aufblitzt. Es mag nur meine Wahrnehmung sein, aber die Band schien sich nach Portnoys Weggang gesagt zu haben: „Jetzt erst recht!“, und das ist streckenweise deutlich zu hören.

Insgesamt ein mehr als solides Album, das einem frohe Stunden beschert, aber das im Titel gegebene Versprechen eben nicht einlöst: Ein Dramatic Turn Of Events, eine Neuerfindung der Marke Dream Theater findet nicht statt. Vielleicht wäre das, wie gesagt, auch zu viel verlangt. Man ist seit Jahren bestens etabliert, hat eine große, treue Fangemeinde, macht sein Ding und das möglichst gut. Nur eines ist diesmal wirklich anders: Hatten die meisten bisherigen Alben eine Art inhaltliche Überschrift ohne deshalb zwingend Konzeptalben zu sein, so lautet jetzt die Marschroute: Keine konzeptueller Kram, back to the roots und einfach mal eine Stunde und neun Tracks lang gute Musik gemacht wie damals auf Images And Words und Awake. Auch wenn das neue Album nicht an diese Glanztaten heran reicht: Im Gegensatz zur eher unfokussiert und planlos daher kommenden Systematic Chaos und zur soliden Black Clouds... war das nicht die schlechteste Idee.

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