Sonntag, 23. Oktober 2011

Verziehungs- und Fressfernsehen


Scripted Super Nanny

Es soll Menschen geben, die sich in bildungsbürgerlicher Nonchalance Illusionen machen über den aufklärerischen Gehalt von Formaten wie Die Super Nanny, so nach dem Motto: Ja sicher, es ist nicht unproblematisch, es ist reißerisch, es ist möglicherweise inszeniert, es geht vor allem um Voyeurismus, aber wenn damit dem einen oder anderen armen Kind geholfen werden kann, dann lässt es sich doch irgendwie rechtfertigen. Außerdem gucke ich das ja schließlich nicht. Wer immer noch so denkt, sollte sich unbedingt Folge 78 von Holger Kreymeiers hervorragendem Online-Magazin fernsehkritik.tv ansehen (leider lässt sich das Video hier nicht direkt einbetten, sonst hätte ich es getan).

Es ist ziemlich einfach, sich über Menschen wie Franziska und Alexander zu erheitern, weil sie nicht die perfekte, gelackte Hochglanz-Mittelschicht-Idylle hinbekommen. Es ist billig, sich über Alexanders sächsischen Dialekt lustig zu machen oder über Franziska, die manchmal vielleicht nicht gar so redegewandt erscheint wie man es selbst gern wäre. Ich kann das alles nicht finden, sondern halte die beiden für ziemlich normal. Mal ehrlich: Passen diese beiden wirklich in das Bild vom Transferempfänger-Mob, der, wenn er nicht gerade sein Hartz IV versäuft, in einer Tour seine Kinder misshandelt und in die Kamera humpft? Wie gesagt, der Umgang dieser zeitweise schon überfordert wirkenden Eltern mit der Kleinen ist möglicherweise alles andere als perfekt; vermutlich brauchen sie auch wirklich Hilfe. Aber sie erscheinen im Gespräch weder dumm noch unreflektiert, eher rührend bemüht. Bleibt die Frage, warum sich zwei, nicht vollends mit dem Klammerbeutel gepuderte Menschen für so ein Format hergeben. Vielleicht haben sie sich wirklich blenden lassen vom möglichen Nutzen des Ganzen. Menschen können aus Verzweiflung oder Ratlosigkeit manchmal sehr unkluge Dinge tun. Oder es ging schlicht ums Geld: Die Aussicht auf einen Tausender für eine Woche Stress in der Wohnung kann für eine junge Familie, die nicht zu den besser gestellten im Lande gehört, in bestimmten Lebenslagen sehr verlockend sein.

Die eitle Selbstinszenierung der, wie sie nicht müde wird, zu betonen: Diplom-Pädagogin Saalfrank, die sich hauptberuflich als Heilige Johanna der Unterschichtenkinder aufplustert und nebenberuflich unschuldiges Papier vollschmiert, wenn sie nicht gerade zu irrelevanter Musik flache Sprechblasentexte singsangt, wirkt im Lichte von Kreymeiers Recherchen noch verlogener und erbärmlicher als man eh schon befürchten musste. Ich bin kein Diplom-Pädagoge, aber Kinderschutz sieht definitiv anders aus. Übrigens hat Kreymeier dankenswerterweise auch die Vertragsunterlagen von Tresor TV, der Produktionsfirma der Super Nanny, online gestellt.

Wäre es nicht eine Idee, eine ähnliche Sendung ausschließlich in schicken Mittel- und Oberschicht-Haushalten zu produzieren? In Häusern, die aussehen wie frisch aus der Putzmittelwerbung? Dann würden vielleicht all die, die sich bei der Super Nanny selbstzufrieden den Lachs streicheln, sehen, wie viel an Lieblosigkeit, Vernachlässigung, Überforderung und Psychoterror gerade auch in diesen Familien herrschen kann. Das wäre dann wirkliche Aufklärung.


Car Crash TV

Seit einigen Jahren ist es im Privatfernsehen Mode, Menschen dabei zu filmen, wie sie sich an möglichst großen und kalorienreichen Essensportionen den Magen verderben. Solche Sendungen gehören zu einem Genre, für das es im Englischen die nicht wirklich übersetzbare Bezeichung Car Crash TV gibt: Sendungen wie ein Autounfall. Man weiß, man sollte nicht hinsehen und man wird ein schlechtes Gewissen haben deswegen, aber die Mischung aus Abscheu und Neugierde, die in einem aufsteigt, macht es fast unmöglich, zu widerstehen.

(via SPIEGEL online) Jumbo Schreiner
In Deutschland ist Jumbo Schreiner der Doyen solch televisionärer Fressorgien. Sichtlich mit einem ebenso robusten wie voluminösen Verdauungsapparat ausgestattet, begibt sich der Zweimeter-Trumm im Auftrag des PRO7-Formats Galileo in unregelmäßigen Abständen auf große Tour, um in allen Ecken des Landes gastronomische Angebote zu testen, die mit „Der/Die/Das größte...“ beginnen. Immer wenn ihm so eine Mega-Portion serviert wird, bekommt sein Gesicht den Ausdruck eines Vierjährigen an Heiligabend. Dann greift er erst mal zu Waage und Maßband, um genüsslich zu überprüfen, ob die 1,50-Meter-Pizza oder das 2-Kilo-Schnitzel auch wirklich halten, was sie versprechen.

In den USA geht das erwartungsgemäß noch extremer. Verglichen mit Adam Richman ist Jumbo Schreiner ein gemütlich-provinzieller Gourmand, eine „Mischung aus Graf Zahl und Krümelmonster“, wie Christian Buß meinte. Adam Richman meint es in seiner bei uns auf dmax ausgestrahlen Sendung Man V Food nämlich bitter ernst.

Der an anderer Stelle bereits erwähnte Charlie Brooker fasste das Geschehen im Guardian so zusammen: „Man V Food ist in vieler Hinsicht obszön, mehr noch als das aber einfach bekloppt. Das Format könnte nicht schlichter sein: Jede Woche reist Richman in eine Stadt und testet die berüchtigsten Vielfraß-Tempel am Ort. Jene uramerikanischen Restaurants, in denen alles gegrillt wird oder in einer Fritteuse von der Größe eines Swimmingpools zu Tode gebrutzelt wird. Häuser, in denen jede Mammutportion automatisch mit Typ 2-Diabetes als Gratisbeilage aufgetischt wird. Solche Läden haben oft ein so genanntes Challenge-Menü auf der Karte: Eine so absurd große Portion, dass jeder, der sie schafft, mit seinem Portrait an der Wand verewigt wird. Am Ende jeder Episode nimmt es Richman mit einer dieser Herausforderungen auf. Daher der Name.“


Das Fiese daran: Adam Richman ist nicht gerade ein Hänfling, aber auch nicht übermäßig dick. Während Jumbo Schreiners Physiognomie den Zuschauer in jedem Moment daran erinnert, dass solche Exzesse ihren Preis haben können, suggeriert Richmans Erscheinung, dass das eigentlich kein Problem ist.

Aber auch das geht schlimmer: Die YouTube-Sendereihe Epic Meal Time dreht das Rad noch eine Umdrehung weiter. Hier wird man Zeuge, wie Harley Morenstein und sechs seiner Freunde möglichst hochkalorische Abwandlungen bekannter Gerichte zubereiten. Es kommen fast immer absurde Mengen von Bacon zum Einsatz, als Allzweckgewürz dient Jack Daniel's-Whiskey und am Bildrand läuft ein Kalorienzähler mit. Als wäre das noch nicht genug, grölt die Bande die ganze Zeit in einem äußerst nervigen HipHop-Ghettoslang herum, bevor sie sich in Barbarenmanier mit entsprechender Geräuschkulisse über die Fett- und Proteingranaten hermacht.


Auch hier die Frage, welche Sehnsüchte und Bedürfnisse da bedient werden. Diese Sendungen sind erfolgreich. Es ist Kokolores, sich Illusionen zu machen darüber, dass das nicht der Fall wäre. Privatfernsehen pflegt alles nicht Erfolgreiche nach kurzer Zeit wieder abzusetzen, und erfolgreich ist in der Regel, was Bedürfnisse und Sehnsüchte bedient. Zum Einen gibt es da sicher eine nicht immer eingestandene Lust am Ekel, der sich einstellt, wenn man sieht, wie hier mit Essen umgegangen wird. Vielleicht aber handelt es sich auch um eine Art Männerrefugium, wo man es noch so richtig pubertär krachen lassen kann und es artikuliert sich im Erfolg dieser sich häufenden Sendungen ein stiller Protest gegen den allgegenwärtigen Imperativ, sich verdammt noch mal gesund und vernünftig zu ernähren, am besten völlig fleisch- und fettfrei. Fast alle anderen Unangepasstheiten wie Alkohol und Zigaretten dürfen im Fernsehen nicht mehr in positivem Lichte erscheinen, also wendet man sich anderen Tabubrüchen zu: Zum Beispiel Essen, dem mittlerweile der Ruf vorauseilt, der Sex des fortgeschrittenen Alters zu sein.

Ist es spießig, engstirnig oder altersbedingt, so etwas dekadent zu finden, gar einen Anflug von Kulturpessimismus zu verspüren? Für Heranwachsende mag es in Ordnung gehen, sich die Zeit mit Fress-, Sauf- und Furzwettbewerben zu vertreiben, aber für Erwachsene? Dünkelhaft zu fordern, Fernsehen müsse ein Volkserziehungsheim sein, in einer Tour Moral predigen und bessere Menschen machen, ist meistens Quatsch mit Soße, denn auch sinnfreie Unterhaltung kann ganz nett sein. Das moralinsaure Zeigegefinger, von wegen mit dem Essen spielt man nicht, in Afrika verhungern die Kinder bzw. man sei Anno 47 auch für Ungenießbares dankbar gewesen, hat bei vielen Kindern wohl eher zu nachhaltigen Irritationen geführt als dass es die Welt verbessert hätte. Trotzdem: Bei solchen Sendungen ist es kaum möglich, nicht daran zu denken, wie viele Menschen jeden Tag auf der Welt verhungern.



Kommentare :

  1. Das deutsche Fernsehen ist nicht mal mehr trash, es ist einfach nur noch grottenschlecht. Und das meine ich jetzt nicht als TV-Kritiker, der gerne ein besseres TV-Programm hätte, dafür schaue ich zu wenig TV.

    Fernsehen ist ein Spiegel der Gesellschaft, Demokratie pur. Denn was nicht gesehen wird, was keine Einschaltquoten bzw. keine Marktanteile generiert, wird von den Programmmachern gnadenlos abgesetzt. Insofern sagt das TV-Programm mehr über den Zuschauer aus, als ihm wohl lieb ist.

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  2. Ach übrigens, haben wir eine (leider vernachlässigte) Rubrik zum Thema:


    "Nicht vergessen...abschalten!"


    Ist bei uns ja alles ein wenig versteckt ;-)

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  3. Ups, danke für den Tipp, epikur. Sehr nett, wirklich. Ich habe übrigens gerade diese Zumutung namens "Unterwegs in der Weltgeschichte" mit Kerkeling unter den Fingern.

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