Freitag, 21. Oktober 2011

Gehsse inne Stadt...


… wat macht dich da satt? Ne Currywurst. Ah, Currywurst! DAS deutsche Nationalgericht. Höhepunkt hiesigen kulinarischen Schaffens, Kult-Fastfood von der Maas bis an die Memel, um das die Welt uns beneidet. Alle lieben Currywurst, nicht wahr?
  
Bullshit.

So hätten es aber professionelle Blähbacken aus Boulevardredaktionen und PR-Agenturen gern, denn diese Leute hatten nach der Wiedervereinigung in ihrem neu entdeckten Patriotismus ein Problem: Abgesehen von ein paar kleinsten gemeinsamen Nennern wie Schnitzel mit Pommes, Döner Kebab, Pizza und Spaghetti Bolognese gibt es nicht wirklich etwas, das als von einer breiten Mehrheit als solches akzeptiertes gesamtdeutsches Nationalgericht hätte durchgehen können. Nicht einmal das gern genommene Sauerkraut zählt, denn da überholen uns die Franzosen mit ihrem Choucroute garnie locker. Und weil Kleingeister und Dumpfbacken so was nicht aushalten, kam auf der Suche nach dem Nationalgericht die Currywurst ins Visier. Als einschneidend muss der Tag gelten, an dem Ex-Kanzler Schröder sich als Fan outete. 

(via TITANIC)
Bis dahin hatte die Currywurst ein eher verschämtes Schattendasein auf Volksfesten und in Frittenbuden gefristet. Eigentlich war sie nur in Berlin, in Hamburg und im Ruhrgebiet flächendeckend zu bekommen (und in der VW-Werkskantine in Wolfsburg natürlich). Herbert Grönemeyer hatte sie irgendwann nicht mal unlustig zu einem Text von Diether Krebs besungen, aber das hatte außer dem komischen Effekt kaum weitere Folgen. 
"Die meisten Deutschen glauben, der Kyffhäuser hätte etwas mit Drogen zu tun, Currywurst wäre ein klassisch deutsches Nationalgericht und der Bundeskanzler wäre der höchste Job in unserem Staat." (Martin Maier-Bode)
Die Wahrheit ist: Das Ausland beneidet uns mitnichten um die Currywurst, sondern begegnet der seltsamen Speise normalerweise mit einer Mischung aus Mitleid und Amüsement. Das ist nichts Ungewöhnliches: Die Schotten haben ihren Haggis und es ist ihnen ziemlich egal, was das Ausland darüber denkt. In Dänemark gibt es knallrot gefärbte Wiener Würstchen und auch da gibt man einen Dreck auf die Meinung des Auslands. Ähnliches gilt für geruchsintensiven, vergammeltem Fisch in Schweden und Island oder frittierte Insekten in Fernost. Es geht völlig in Ordnung, eine Vorliebe für skurrille Genüsse zu pflegen, so lange man nicht ernsthaft meint, die ganze restliche Welt müsse das auch voll toll finden. So was hat nur nötig, wer mit sich selbst schwer im Unreinen ist.

Nebenbei bemerkt, lasse ich als Ruhrpöttler, wenn es um Currywurst geht, nur die lokale Variante, bestehend aus einer klein geschnittenen Bratwurst, eventuell mit Curry- und etwas Chilipulver und einer möglichst hausgemachten heißen Sauce, wirklich gelten. Einige wenige Imbisse gibt es, die verwenden eine gute Wurst von einem braven Metzgersmann und haben bei der Herstellung der Sauce einen echten Ehrgeiz. Hier, und nur hier lohnt sich ein Besuch. Für den Rest gilt: Traurige Massenware, lieblos ertränkt in einem aufgewärmten, übersüßten Pamp aus dem Großmarkt.

Mit der Berliner Variante bin ich nie wirklich warm geworden. Ich kann einer zerschnittenen und gebratenen Brühwurst mit kaltem, süß-säuerlich-scharfem Ketchup nicht viel abgewinnen. Die Version ohne Darm ist schon besser, aber die kalte Sauce killt es für mich wieder. Von Chichi-Varianten mit Blattgold und Schampus sollte man lieber schweigen. Das ist dekadentes Gehabe von Parvenüs mit 'Sansibar'-Aufkleber auf der Protzkarre, die es in ihrer grenzenlosen Langeweile voll lustig finden, mal ein wenig auf Proll zu machen. Solche Gestalten finden alles total irre, so lange es nur neu und originell ist. Wenn es irgendwie angesagt wäre, warme Pferdeäpfel zu verspeisen, dann würde es sehr bald schicke Locations geben, in denen Exkremente verschiedener Rassen zu erlesenen Weinen kredenzt würden. So lange nur das Fernsehen da ist.

Ja, Currywurst kann ganz nett sein und hat von Zeit zu Zeit ihre Berechtigung: Als Grundlage oder Abschluss einer zünftigen Zechtour zum Beispiel. Sie ist aber weder besonders raffiniert noch der Gipfel der Genüsse. Erst recht eignet sich der proletarische Snack nicht als großsprecherisch aufgejazztes Nationalsymbol. Und im Ausland angeben sollte man auch nicht mit ihr.

Könnten wir also bitte mit der nervigen Aufplusterei aufhören? Danke.
"Mann, Mann, Mann! Ghaddafi ist tot, der Euro vermutlich beim Teufel, die Regierung ein einziges Chaos, halb Japan immer noch verstrahlt und der hat nix Besseres zu tun, als über Currywurst zu bloggen!"
"Sie irren sich, mein Lieber, Sie irren sich! Auch Currywurst ist politisch!"

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