Mittwoch, 26. Oktober 2011

Glückliche Menschen und marktfrische Salate


„Glückliche Menschen“, sagte Jean-Marc Reiser, „gehen mir auf den Sack.“ Sorry, liebe attraktive Mittdreißigerin im Roadster an der Ampel, das geht jetzt nicht gegen Sie. Sie haben vermutlich eine piccobello Wohnung, den Schrank voll teurer Klamotten, einen solventen, Sie liebenden Lebenspartner, machen tolle Reisen und haben immer noch Geld übrig. Weil Sie alles richtig gemacht haben im Leben und ich eben nicht. Nein, das geht auch nicht gegen euch zwei persönlich, strahlendes junges Paar in der Fußgängerzone, das, Hand in Hand und teure Boutiquentäschchen schwingend, an mir vorbeischwebt. Erst recht nicht gegen Sie, sichtlich erfolgreicher Glatzkopf mit Anzug (ohne Schlips!) und fettem Macherchronometer an der Flosse, der im Café bei Latte Macchiato auf seinem iBook mit seinen fünftausend facebook- und XING-Kontakten schwer am networken ist. Es gibt Tage, da kann ich diese ganzen Hackfressen nicht mehr sehen und ein Gang in die Stadt wird zur Geisterbahn. Aber so was darf man ja nicht sagen heutzutage, sonst kommt die neoliberale Gesinnungspolizei und brandmarkt einen als faul und neidisch. Glück und Erfolg wird man ja wohl noch zeigen dürfen, schluchzbuhu!

Natürlich kann es sein, dass ich diesen armen Menschen Unrecht tue. Vielleicht ist die Karre der Lady ein Leihwagen, die Plünnen Second Hand und der Freund hat gerade Schluss gemacht. Vielleicht hat er sich gestern verschuldet, damit sie shoppen gehen kann und beide sind für den Moment wirklich glücklich: Sie über die neuen Klamotten, er darüber, sie glücklich gemacht zu haben. Und vielleicht ist der Typ im Café eine kreuzarme Socke. Prekarisierter Freiberufler, der Laptop auf Kredit, die Rolex unecht, der Zwirn geliehen und ohne regelmäßige elterliche Zuwendungen kommt er nicht über den Monat. Natürlich kann es sein, dass ich oberflächlich bin.

Denn um Oberflächen geht es. Wir werden vollgeprötert mit oberflächlichen Idealbildern. Wer behauptet, das, womit uns die werbetreibende Industrie Tag für Tag zukleistert, sei ihm komplett egal, da stünde er drüber, sollte aufpassen, sich nichts in die Tasche zu lügen. Die Werbefritzen tun das jedenfalls nicht, sonst gäbe es den ganzen Müll nämlich nicht. Selbst wer seinen Fernseher konsequenterweise abschafft, beseitigt damit nur eine Quelle, aber ganz entgehen wird auch er ihnen nicht, den Abziehbildern vom konsumistischen Glück. Wo linkische Papis, die den Eindruck erwecken, dass man ihnen damals noch nicht einmal in der Unbegabtenabteilung der örtlichen Sonderschule aus Mitleid einen Abschluss hinterhergeworfen hätte, riesige Einfamilienhäuser und tolle Familen haben, wo Modelmutti sich dann ganz um das Haushaltsmanagement kümmern kann. Wo alle todschick gekleidet sind, kaum arbeiten müssen, die Putzfrau das Loft auf Hochglanz hält und nie jemand sein Konto überzieht für seinen Traum vom Glück. Natürlich ist das alles kunterbunter und gequirlter Quark. Genau so wie die Botschaft, das Maß an persönlichem Glück hänge allein vom persönlichen Konsum ab, die uns da unterschwellig reingeschraubt wird. Und die Unzufriedenheit mit unserem Leben, die wir manchmal spüren, ist beabsichtigt. Denn Unzufriedenheit erzeugt Bedürfnisse. All das ist trivial und sonnenklar. Man sollte wirklich drüber stehen. Trotzdem möchte man an manchen Tagen nur noch kotzen.

Apropos Café: Ein Blick in die Speisekarte offenbart eine zunehmende Seuche unter Gastronomen und Großabfütterern, Salate und Gemüse mit dem Wichtigtuer-Attribut ‚marktfrisch’ zu bepatzen. Was soll das heißen? Heißt das, jeden morgen latscht der Küchenchef oder ein Weißkittel seines Vertrauens zum Markt und nimmt jeden Salatkopf, jede Kohlrabi einzeln in die Hand, um liebevoll die 'Marktfrische' zu prüfen? Das mag bei Kleinbetrieben ja vielleicht noch angehen, aber bei Kantinen und Mensen, die ihren Bedarf an Salat- und Gemüse eher in Tonnen statt in Kilogramm angeben? Die allmorgendliche Karawane wäre bald eine neue Sehenswürdigkeit der Stadt.

Wem auf dem Wochenmarkt schon einmal vergammelte Ware untergejubelt wurde, weiß, dass ‚marktfrisch’ so ziemlich alles bedeuten kann: Das Zeug kann im Morgengrauen noch in der Erde gesteckt oder schon seit zwei Wochen im Kühlhaus vor sich hin oxidiert haben. Kommt beides frisch vom Markt. ‚Marktfrisch’ ist pures Blähsprech. Klingt toll und bedeutet, wie so oft, überhaupt nichts. Mir würde es reichen, wenn Salate und Gemüse ganz einfach ‚frisch’ wären. Oder ist das vielleicht eine neue Taktik in der Gastro-Szene, um sich gegen lästige Beschwerden von Gästen zu wappnen? „Ja, stimmt schon, der Radicchio ist welk und hat Würmer, aber wir behaupten auch nur, dass er ist frisch vom Markt ist. Und was die einem so andrehen heutzutage, brauche ich Ihnen ja wohl nicht zu erzählen. Tut mir leid, da können wir nichts für.“

Ah, Pläte klappt den Apple zu und zahlt sein Milchschaumgetränk. Vielleicht doch noch mal die Karte. ‚Marktfrische Salate’? Um Gottes Willen! Thunfischpizza ist heute im Angebot. Die Sonne ist wieder herausgekommen, die Blätter sind gülden. Und einen Raucherraum gibt’s auch. Glückliches Nordrhein-Westfalen.


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