Samstag, 1. Oktober 2011

In Praise Of Charlie Brooker


Die britische Medienlandschaft funktioniert ein wenig anders als die deutsche: Die zu recht berüchtigten Tabloids wie The Sun, Daily Star, Daily Express u.a. lassen sogar die BILD-Zeitung zuweilen geradezu seriös erscheinen. Ähnliches gilt für Klatschmagazine wie Hello! oder Look: Man hat den Eindruck, dass in Großbritannien kein Z-Promi einen Schluckauf haben oder einen fahren lassen kann, ohne gleich eine Horde Reporter am Hals zu haben, die Tags darauf jedes noch so kleine Detail seitenlang auseinander dröselt. Auch das Fernsehen ist da nicht anders: Um eine Ahnung von dem zu bekommen, was Privatsender wie Sky, ITV und Channel 4 tagtäglich so ausstrahlen, muss man nur das Schlimmste aus mehreren deutschen Privatsendern zusammen rühren und mit fünf multiplizieren.

Doch auf der Insel gilt: Wo viel Schatten ist, da ist auch Licht. Man geht sicher nicht zu weit, wenn man zum Beispiel den Guardian, auch dank seiner investigativen Verdienste, eine der besten Zeitungen der Welt nennt. Der Guardian hat maßgeblich zur Aufdeckung des Telefonabhörskandals um Rupert Murdoch beigetragen und verfolgt eine innovative Online-Strategie, die ohne Bezahlmodell auskommt. Außerdem schreiben dort und bei den anderen Broadsheets (Times, Independent, Telegraph) Tag für Tag die hervorragendsten Kommentatoren und Kolumnisten. Auch die gute alte BBC bringt immer noch Außerordentliches zuwege: Drei Folgen Sherlock (2009) wiegen hunderte Tatorte auf.

Einer der interessantesten Autoren des Guardian ist ein etwas zerknautscht und säuerlich dreinblickender Zeitgenosse namens Charlie Brooker. Als regelmäßiger Leser der Online-Ausgabe habe ich vor einiger Zeit angefangen, seine montägliche Kolumne mit immer weiter steigendem Vergnügen zu lesen. Bei meinem letzten England-Aufenthalt fiel mir auf, dass der Mann drei Bücher veröffentlicht hat, die ich mir sofort gekauft habe. Ich wurde nicht enttäuscht.

Brooker ist 1971 geboren. Das bedeutet, er gehört zur ersten Generation, die in ihrer Kindheit und Jugend durch das Fernsehen geprägt wurde. Und wie viele dieses Alters hegt er eine innige Hassliebe zu diesem Medium: Einerseits kann er nicht davon lassen, andererseits sieht er sehr klar, wie vor allem Privatsender die Gesellschaft immer mehr verdummen. Seine Karriere ließ zu Anfang nicht darauf schließen, dass er einmal einer der gefragtesten Menschen in den britischen Medien werden würde: Nach einem abgebrochenen Studium arbeitete er zunächst als Verkäufer. In den Neunzigern schrieb er Kritiken für Computerspielemagazine und zeichnete Cartoons. Irgendwann wurde der Guardian auf ihn aufmerksam und druckte seine Fernsehkolumne Screen Burn regelmäßig. Bald darauf erschien auch eine wöchentliche Kolumne zu allgemeinen Themen. Dabei handelte er sich manchmal mächtigen Ärger ein: 2004 löste seine Kolumne anlässlich der Wiederwahl von George W. Bush, in der er sich fragte, wo Leute wie John Hinckley seien, wenn man sie am nötigsten bräuchte, solch heftige Proteste aus, dass sie von der Seite entfernt werden musste. 2007 hat er David Cameron und die Tories so übel beschimpft, wie das wohl nur in Großbritannien möglich ist. In Deutschland hätte es vermutlich einstweilige Verfügungen gehagelt.

Darüber hinaus hat er für BBC 4 zwei Staffeln Screenwipe produziert, in denen er genüsslich über das Fernsehen im allgemeinen herzieht und arbeitet an der dritten Staffel der Sendung Newswipe, die sich im speziellen mit den Nachrichten befasst. Außerdem tritt er regelmäßig bei der satirischen Wochenshow 10 'o Clock live bei Channel 4 auf, Der Höhepunkt seines Schaffens ist sicher die sechsteilige Reihe How TV Ruined Your Life: Hier arbeitet Brooker mit grimmigem Humor anhand von sechs Aspekten (Angst, Alter, Karriere, Liebe, Wissen und Fortschritt) aus, wie das Fernsehen unsere Wahrnehmung der Welt zum Schlechteren verändert:

How TV Ruined Your Life - 1/6: Fear (Direktlink)


How TV Ruined Your Life - 2/6: The Life Cycle (Direktlink)

How TV Ruined Your Life - 3/6: Aspiration (Direktlink)
(Diese Folge empfiehlt sich zum Einstieg)

How TV Ruined Your Life - 4/6: Love (Direktlink)

How TV Ruined Your Life - 5/6: Progress (Direktlink)

How TV Ruined Your Life - 6/6: Knowledge, Teil 1/2 (Direktlink)
Teil 2/2 (Direktlink)

Müsste man seinen Stil anhand deutscher Pendants beschreiben, dann kann man ihn sich am ehesten als eine Mischung aus Oliver Kalkofe, Harald Schmidt und Georg Schramm vorstellen. Sein Hassliebe zur Verdummungsmaschine Fernsehen ist so leidenschaftlich wie die von Kalkofe, sein Humor so ätzend wie der von Schmidt in seinen besten Zeiten und sein Blick auf die Gesellschaft so scharf wie bei Schramm. Das Ganze natürlich auf britische Art, das heißt noch ein Tick härter, wortgewaltiger und abgedrehter. Außerdem macht er keinerlei Anstalten, sich aus dem Fernsehen zurück ziehen zu wollen.

Auch alles andere ist dank YouTube verfügbar. Einfach 'Charlie Brooker Screenwipe' oder Ähnliches in das Suchfeld eingeben und alle, die es Englischen mächtig sind, werden reich belohnt: Es gibt nicht nur viel zu lachen, sondern auch viel zu verstehen. Außerdem ist das Herz gewärmt, weil man das Gefühl hat, nicht allein zu sein mit seinem Ärger über die Medienlandschaft und was sie mit Menschen macht.

Übrigens: Obwohl Brooker neben Kindern, Konservativen und Mode weniges so sehr verachtet wie die Ehe, soll er letztens doch die Produzentin Connie Huq geheiratet haben. Eigentlich schätze ich es nicht, wenn Menschen ihre Prinzipien verraten, dennoch wünsche ich in diesem speziellen Fall alles Gute.

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