Montag, 3. Oktober 2011

Jammert gefälligst nicht rum, das Ausland beneidet uns!


Man reibt sich die Augen und braucht ein Glas Wasser: Die ZEIT fühlte sich, vermutlich anlässlich des heutigen Feiertages, bemüßigt, eine nicht weniger als sieben Seiten lange Jubelarie über unser gelobtes Land zu drucken. Sechseinhalb Seiten Stimmungsmache voller Friede, Freude, Eierkuchen über das schönste, angesehenste und überhaupt großartigste Land der Welt. Bislang kannte man so was nur von Amerikanern, wenn ihnen im Hinblick auf ihr Vaterland die Pferde durchgingen.

Es gibt vor allem eine Menge O-Töne zu lesen: Ein Japaner hat in Deutschland das Protestieren gegen Atomkraft gelernt, am Goethe-Institut in Barcelona platzen die Deutschkurse aus allen Nähten, Montserrat kann es nicht abwarten, endlich in ihr Sehnsuchtsland zu emigrieren, Joaquin besteht sogar darauf, Joachim genannt zu werden, Laura aus Italien schwärmt von Berlin wie ein Studienrat von der Toskana, chinesische Delegationen geben sich die Klinke in die Hand, um etwas über Mülltrennung und Solarenergie zu lernen und so weiter. Zum Schluss noch der Ritterschlag des israelischen Malers Eldar Farber, dem es das sanfte Licht angetan hat und den das Bewusstsein seiner deutschen Bekannten um die Vergangenheit anrührt. Alle Welt beneide uns um unsere Stabilität, unser Bildungssystem, unser Umweltbewusstsein und, jawohl, auch um unsere Modelleisenbahnen. Auch die segensreichen Folgen der Agenda 2010 werden nicht vergessen, ebenso wenig wie die der Fußball-WM 2006.

Zwischendurch muss es sogar den Autoren ein wenig mulmig geworden sein ob so viel Einseitigkeit, weshalb sie auf einer halben Seite kurz die zum Teil menschenunwürdigen Bedingungen andeuten, mit denen sich griechische Arbeitsmigranten konfrontiert sehen. Auch internationale Kritik an der deutschen Wirtschaftspolitik wird erwähnt, aber das geht unter in diesem Hosianna.

Moral von der Geschicht: Wir Deutschen wissen überhaupt nicht, wie gut wir es haben und bemerken nicht, wie geachtet und bewundert wir mittlerweile sind. Zwar zofft man sich in der Regierung wie die Besenbinder, aber insgesamt machen Tante Angie, Onkel Guido und Onkel Wolfgang so ziemlich alles richtig, was man richtig machen kann. Also mal schön lieb sein und nicht dauernd rummeckern. Nach der Lektüre fragt man sich, warum unter der Überschrift kein Warnhinweis in rot gedruckt ist: Achtung! Lesen auf nüchternen Magen kann zu Diabetes und Sodbrennen führen.

Abgesehen davon, dass man mit 10 willkürlich ausgewählten O-Tönen und dem Statement einer fremden Autoriät (hier: Juan Goméz, Deutschland-Korrespondent von El País) so ziemlich alles irgendwie belegen kann, mag es ja sein, dass man als miesepetriger Inländer manches für selbstverständlich nimmt, was es anderswo keineswegs ist. Es mag tatsächlich stimmen, dass viele Deutsche auf hohem Niveau jammern. Aber ist das eine Entschuldigung dafür, mit keinem Wort auf die Frage einzugehen, ob die eigentliche Ursache für die angeblich massenhaften Migrationswünsche vornehmlich hoch qualifizierter junger Europäer (wenn es sie denn gibt) vielleicht doch reine wirtschaftliche Not ist und nicht neu entdeckte Liebe zu Deutschland? Warum taucht nirgends die Frage auf, wie es zu dieser Situation gekommen ist? Dass die deutschen Exportrekorde, die Wirtschaftshegemonie und das angebliche Jobwunder der letzten Jahre (vornehmlich bei Minijobs und prekären Beschäftigungsverhältnissen) vor allem erkauft wurde mit Lohndumping und Sozialabbau? Und dass das Ausland uns vor allem bewundert, mag man nach der Lektüre internationaler Pressestimmen zur Abstimmung am Donnerstag auch nicht so recht glauben.

Es ist von jeher ebenso beliebter wie bewährter Trick, notorische Nörgler zum schweigen zu bringen, indem man mit dem Finger auf das herunter gekommene Häuschen des Nachbarn zeigt und sagt, denen da drüben gehe es aber noch viel schlechter, die würden mit Handkuss mit einem tauschen wollen. Muckt ein Arbeitnehmer auf wegen mieser Bezahlung und unbezahlten Überstunden, wird gern auf andere Branchen verwiesen, denen es noch viel schlechter gehen würde. Und unglückliche Ehefrauen, die von ihren Männern mies behandelt werden, können sich immer noch damit trösten, dass er sie wenigstens nicht schlägt. Dieses Phänomen ist als Wippschaukeleffekt bekannt und wird seit langer Zeit von Regierenden eingesetzt, um sich in günstigem Lichte zu präsentieren:

"Sowohl die Macher der neoliberalen Ideologie wie auch ihre politischen Arme, die CDU/CSU, die FDP und die Bundeskanzlerin, brauchen Belege für den Erfolg ihrer Rezepte. Deshalb haben sie penetrant von Boom und Aufschwung XXL geredet, auch wenn die Daten dies überhaupt nicht hergaben. Sie – übrigens auch ihre Mitstreiter bei SPD und Grünen – haben behauptet, die Agenda 2010 und die Reformpolitik insgesamt sei ein großer Erfolg. Sie haben, um möglichst viel Licht auf ihre Arbeit zu lenken, andere Völker und Volkswirtschaften diskreditiert und herunter gemacht – ohne Rücksicht auf Verluste. Das funktioniert nach dem berühmten Wippschaukeleffekt. Je tiefer man den andern taucht, umso höher, größer und glänzender erscheint mal selbst. Helmut Schmidt und seine Leute haben das früher mit der SPD so gemacht. Ein bewährtes Prinzip." (Quelle: NachDenkSeiten)

Der Verdacht drängt sich auf, nein, es kann kaum anders sein, dass wir es nach Dem Land geht es gut und dem Glücksatlas mit einem weiteren Element der PR-Kampagne der Regierung zu tun haben, mit der sie ihre miserable Bilanz in der Öffentlichkeit aufhübschen möchte. Das nächste Mal etwas weniger durchsichtig, wenn ich bitten darf. Man kommt sich sonst noch für dumm verkauft vor.

Albrecht Müller, übernehmen Sie!

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