Dienstag, 18. Oktober 2011

Kampfname: Pattex


Adolf Sauerland hat es doch nur gut gemeint: Er wollte die Love Parade im Kulturhauptstadtjahr 2010 nach Duisburg holen und ein Sommerwochenende lang Partymetropole spielen in der leicht unglamorösen Hafenstadt, für die sich seit Horst Schimanskis endgültigem Verschwinden kaum mehr jemand so recht zu interessieren schien. Auch sein eigenes Image als etwas dröger Bürokrat wollte er wohl ein wenig aufpolieren. So etwas ist nicht verboten und kommt meist recht gut an beim Volke. Sauerland wollte die Love Parade unbedingt und er bekam sie. Ein PR-Debakel wie seiner Bochumer Amtskollegin Ottilie Scholz sollte ihm nicht passieren: Sie hatte 2009 die Ausrichtung der Love Parade aufgrund massiver Sicherheitsbedenken abgelehnt und galt daraufhin als graumausige Bedenkenträgerin, die, typisch deutsch, vor dem großen Wurf zurückschreckt. Ein Jahr später waren 21 Menschen tot und solche Stimmen verstummt. Ein Oberbürgermeister als Leiter der Stadtverwaltung ist in so einem Fall reif für den Rücktritt.

Bürgermeister Sauerland ist da nach wie vor anderer Meinung. Alle Aufforderungen dazu, auch aus der eigenen Partei, sind bislang an ihm abgeperlt wie Regenwasser an einer frisch gewachsten Motorhaube. Jetzt hat eine Bürgerinitiative fast 80.000 Unter-schriften für ein weiteres Abwahlverfahren gesammelt (eines ist im September 2010 im Stadtrat gescheitert). 55.000 hätten gereicht und man darf gespannt sein, wie Sauerland es diesmal schaffen wird, auch das als nicht hinreichenden Rücktrittsgrund zu betrachten. Im Rathaus werden auf jeden Fall schon einmal penibel die Unterschriftslisten überprüft, ob auch alle ihre Namen und Adressen korrekt eingetragen haben.

Man könnte versuchen, das Verhalten des CDU-Mannes Sauerland damit zu erklären, dass in Deutschland die Bereitschaft zum Rücktritt unter Konservativen traditionell geringer ausgeprägt ist als unter Sozialdemokraten. Politiker der Grünen und der Linken sind bislang noch nicht so häufig in die Verlegenheit gekommen. Zum Teil haben diese Unterschiede im Selbstverständnis der Parteien liegende Gründe: Vor allem die CDU hat immer deutlich mehr Wert auf Geschlossenheit nach außen gelegt als die SPD, wo man es tendenziell eher riskiert hat, als leicht zerrupfte Truppe dazustehen. Man erinnere sich an das sozialdemokratische Vorsitzendenkarussell der letzten zwanzig Jahre und vergleiche das mit den dagegen endlos wirkenden Pontifikaten der meisten CDU-Vorsitzenden. Man erinnere sich an Ex-Kanzler Kohl, der die Taktik des Aussitzens zur Kunstform erhoben hatte, ehe er angesichts seiner Verstrickung in die Spendenaffäre förmlich aus dem Amt getragen werden musste.

Aber Adolf Sauerland ist kein weitgehend von der Öffentlichkeit abgeschirmter Bundeskanzler oder Minister, der, wenn er will, in einer Art Blase leben und arbeiten kann. Er ist Oberbürgermeister einer mittelgroßen Provinzstadt im Ruhrgebiet. In dieser Funktion ist er eine Lokalgröße mit häufigem Kontakt zu Verbänden, Vereinen und Nachbarschaften. Warum klebt Sauerland immer noch so beharrlich am Stuhl? Was lässt ihn die Buhrufe bei öffentlichen Auftritten ertragen, vielleicht auch Beschimpfungen und Pöbeleien über sich ergehen lassen, wenn er nur über die Straße geht? Wer das Idiom der Menschen im Ruhrgebiet kennt, weiß im Übrigen, was das heißen kann. Warum setzt er sich der Wut, der Trauer und der Verzweiflung so vieler Leute aus? Wie geht er damit um, jeden Tag aufs Neue eine lebende Provokation zu sein für all die, die auch nach mehr als einem Jahr noch mit den seelischen Folgen zu kämpfen haben? Hat er nur Angst um seinen Pensionsanspruch, wie gemunkelt wird? Solche Sorgen sind in der Regel unbegründet, denn nach Jahrzehnten politscher Ochsentour und Gremienarbeit ist man so vernetzt, dass sich immer irgendein gut dotiertes Versorgungspöstchen findet, auch für einen ehemaligen Duisburger Bürgermeister.

Ein weiterer Unterschied zu Kohl ist: Kohl hatte damals nicht nur Konkurrenten um das Amt, die die Schwäche des alten Elefantenbullen witterten und für sich zu nutzen gedachten, es gab offenbar auch Leute, die ihm intern gesagt haben werden, dass er nicht mehr zu halten sei und dass jeder Tag, den er länger im Amt verbliebe, sein politisches Erbe weiter beschädigen würde. Es stellt sich die Frage, ob Sauerland nur umgeben ist von feigen Jasagern, die weder willens noch in der Lage sind, ihm in den Arm zu fallen, notfalls um den Preis eines eigenen, geräuschvollen Abgangs von der Bühne. Welche Abhängigkeiten herrschen da im engeren Kreis um ihn? Sind Karrieren abhängig von seiner Gunst und, wenn ja, welche? Wer weiß, wie verfilzt Lokalpolitik manchmal sein kann, muss kein Verschwörungstheoretiker sein, um solche Fragen zu stellen.

Natürlich ist Sauerland nicht schuld am Tod der 21 Menschen in dem Sinne, wie ein in flagranti ertappter Einbrecher schuld am Verschwinden des Familiensilbers ist, doch trägt er die politische Verantwortung. Und wer die politische Verantwortung für ein tragisches Unglück oder einen Skandal trägt, hat gefälligst zurückzutreten, egal wie oder wie tief genau er selbst darin verwickelt ist. Es genügt nicht, sich im juristischen Sinne nur nicht strafbar gemacht zu haben. Das ist aus gutem Grund so Sitte und hat weder etwas damit zu tun, sich feige davonzustehlen noch damit, an Politiker höhere moralische Maßstäbe anzulegen als an den Rest der Bevölkerung, aus deren Mitte sie gewählt werden. Man muss auch nicht vormodernes Tamtam wie die Würde des Amtes bemühen. Zurückzutreten nach einem solchen Ereignis ist vor allem ein Akt der politischen Hygiene. Es bedeutet, Platz zu machen, damit andere die Vorfälle untersuchen können und nötigenfalls auch ohne Rücksichten auf Zwänge des Amtes als Zeuge dienen zu können. Außerdem wäre die Versuchung, diese notwendige Arbeit aus seiner gut vernetzten Position heraus im eigenen Sinne zu beeinflussen, vielleicht gar Beweise verschwinden zu lassen, viel zu groß. Das alles ist der Preis eines politischen Amtes. Wer ihn nicht bereit ist zu zahlen, möge aus der Politik fernbleiben.

Daher offenbart Sauerlands fadenscheinige Begründung, er sähe es als seine Aufgabe an, die Untersuchung der tragischen Vorfälle verantwortlich zu leiten, nicht nur einen gravierenden Mangel an Amtsverständnis, sondern auch an Einfühlungsvermögen für die, die der Tag für Tag vor den Kopf stößt. Er verwechselt seine instinktlose Starrköpfigkeit weiter mit Ausdauer und Beharrlichkeit und nicht einmal die Tatsache, dass er bei offiziellen Anlässen seit Längerem von Freund wie Feind demonstrativ geschnitten wird, scheint ihm irgendwie zu denken zu geben.

Pädagogen nennen solche Personen normalerweise beratungsresistent, Psychologen, halb im Scherz: schmerzfrei.

'Pattex' ist übrigens ein eingetragenes Warenzeichen der Henkel AG, Düsseldorf, und wird hier deshalb verwendet, weil es in der Gegend, aus der ich komme, eine Bezeichnung für Menschen ist, deren Hosenboden damit eingeschmiert ist.

Keine Kommentare :

Kommentar veröffentlichen