Sonntag, 30. Oktober 2011

Tu felix Austria, furze!


Hartnäckigen Gerüchten zufolge sprechen Deutsche und Österreicher die gleiche Sprache, nämlich deutsch. Das mag in grenznahen Gebieten noch stimmen, ansonsten ist es komplett falsch. Wie falsch diese Annahme ist, wird einem klar, wenn man sich, Augen und Ohren offen, in Österreich aufhält.

hübsch: Bad Ischl
Im ehemaligen kaiserlichen Urlaubsort Bad Ischl zum Beispiel gibt es ein nettes Bistro namens K.u.K. Hofbeisl, das auf ebenso interessante wie sympathische Weise mit der imperialen Vergangenheit umgeht: Die schöne historische Einrichtung wurde weitgehend erhalten, das Essen verbindet Zeitgemäßes mit traditionellen Anklängen, serviert auf modern designtem Porzellan. Ich hatte 'Porca Miseria' von der Mittagskarte. Dahinter verbarg sich ein Ragout vom Schweinefilet in Weißwein-Majoranjus mit separat gereichten, gebratenen Semmelknödelscheiben. Alles war hausgemacht und ausgesprochen delikat (sagen Sie bitte niemals 'lecker', wenn ein Österreicher in der Nähe ist; nein, tun Sie's einfach nicht). Während ich auf das Essen wartete, hatte ich Gelegenheit, den Teil der Speisekarte näher zu studieren, in dem die Inhaber ihre Philosophie erläuterten – und mir kam fast der gespritzte Grüne Veltliner hoch, weil ich gegen einen Lachanfall ankämpfen musste: Der Laden sei der „G-Punkt“ der Stadt, lies: „Gefühlsverdichtungspunkt“. Ui! Und so verkrampft ging es weiter: Alles war mindestens „sensationell“, der Kaffee „legendär“, das ausgeschenkte Trumer-Pils „kühl prickelnd“ und so weiter. Ich hatte den Eindruck, dass da jemand sämtliche Ankober-Attribute aus einer billigen Werbebroschüre zusammen geschrieben hatte, nicht ohne alles zuvor durchweg in den Superlativ zu setzen. Gemessen daran, dass es sich um ein Szenelokal handelte, das ein junges, urbanes Publikum ansprechen wollte, war das alles mindestens einen halben Meter zu dick aufgetragen.

weniger hübsch: Andi und Alex (via oe24.at)
Man kann das natürlich für den peinlichen Ausrutscher eines einzelnen Gastronomen halten, der sich zum PR-Fuzzi berufen fühlt. Ist aber nicht so. Kürzlich sah ich mir aus purer Neugier per Livestream die ORF-Sendung Frisch gekocht mit Andi und Alex an. Für einen Norddeutschen war es das pure Grauen: Zwei nicht mehr ganz junge Köche mit reichlich Gel auf den Glitschköppen, Schmierfinkengrinsen in der Fresse und akuten Sprechdurchfall brutzelten 08/15-Rezepte zusammen und bedeckten dabei das Studiopublikum, die Fernsehzuschauer und sich gegenseitig mit einer soliden Ölschicht. Da war es wieder, das aufgeblasene Gequackel aus dem Beisl in Ischl, diesmal leider mit Ton. Nichts verließ die Hände der beiden unbeschleimt, nichts, was nicht mindestens mit 'sensationell' beraunzt wurde - „Du, Andi, probier amoi, da, schaust, die Erdäpfel am Biss gegart!“ „A Wahnsinn!“ „Du Alex, schau, wenn's das Saftl beim brodn über die Hendlbrüst' gibst, a Sensation!“ Bei den Kameraschwenks ins Publikum keimte der fiese Verdacht auf, dass Manfred Deix vielleicht doch nicht so sehr übertreibt. Nach nicht einmal fünf Minuten in dieser Geisterbahn überkam mich das dringende Bedürfnis, wahllos Ohrfeigen zu verteilen. Als der Alptraum nach etwa zwanzig Minuten ausgestanden war, fühlte ich mich wie Bill Murray in Ghostbusters: „Es hat mich voll geschleimt.“

Was wir nördlichen Nachbarn, denen es ja gern um Offenheit und Authentizität geht (was auch nicht immer unproblematisch ist), wohl nie verstehen werden, ist, wie die Jahrhunderte alte diplomatische Tradition des kaiserlichen Hofes vor allem das Wienerische geprägt hat. Daher erscheinen Ur-Wiener uns oft verlogen und hinterhältig. Jeder, der „Küss' die Haaand“ oder „g'schamster Diener“ hört, muss darauf gefasst sein, dass außer Hörweite auf das Übelste die Messer über ihn gewetzt werden. Es ist das konspirative Lavieren der habsburgischen Hinterzimmerdiplomaten, aus dem das kommt. Daher auch die im deutschen Sprachraum vermutlich einzigartige Fähigkeit, äußerst fiese Beleidigungen in überschwängliche Komplimente zu verpacken, die es in dieser Form wohl nur im Wienerischen gibt.

In so einem Klima gedeihen Korruption und Vetternwirtschaft auf das Schönste: Wer in Wien etwas werden und bleiben will, muss seine 'Freunderln' haben, sonst geht gar nichts. Natürlich ist es Blödsinn, sich auf die Schulter patschend, anzunehmen, Österreich sei in Gänze ein korrupteres Land als Deutschland. Das brühwarme Gekumpel wird nur offener und dreister gelebt als hierzulande und auch noch als Folklore ausgegeben, ähnlich dem berüchtigten Kölner Klüngel. Wie das im Showgeschäft funktioniert, war vor einigen Wochen in der ORF-Show Die große Chance, dem österreichischen Pendant zu Das Supertalent, zu beobachten: Dort trat ein Heurigenwirt auf, der verschiedene Motorengeräusche mittels Lippenfürzen imitieren konnte. So weit, so banal. Nicht banal war, dass der gute Mann zur Sicherheit von seinem Kumpel Michael Jeannée von der Kronen Zeitung auf die Bühne geschleppt wurde. Jeannée ist ein für seine Verbalinjurien landesweit gefürchteter Kolumnist der Kronen Zeitung, also in etwa das, was der äthanolbetriebene Franz-Josef Wagner bei der meistgelesenen Boulevardzeitung Deutschlands ist.

Die Jury war paritätisch besetzt: Sie bestand aus zwei Österreichern, dem Roncalli-Direktor Bernhard Paul und einer unbekannten Sängerin sowie aus zwei Nichtösterreichern, einer aus Russland immigrierten Baletttänzerin und dem Berliner Rapper Sido. Irgendwann platzte Sido der Kragen. Er meinte, jetzt sei bitte mal Schluss mit der arroganten Scheiße hier und komplementierte den baffen Schmieranten, dem solcher Mangel an Gehorsam offensichtlich noch nicht untergekommen war, mit ein paar verbalen Breitseiten von der Bühne. Als es ans Abstimmen ging, sprach die Tänzerin angesichts des Gebotenen von einer Frechheit. Paul und die Sängerin hingegen katzbuckelten artig aus Furcht vor dem drohenden Verriss in der Krone und gaben ein Plus. Paul erklärte dem protestierenden Sido, er habe eben keine Ahnung, wie das in Wien so laufe. Die Sängerin begründete ihr Votum damit, dass der arme Kerl wegen des bösen Sido ja überhaupt keine richtige Chance bekommen habe und deshalb weiterkommen müsse. Das Publikum gab schließlich den Ausschlag und wählte den Geräuschemann heraus.

Nein, Deutsche und Österreicher sprechen nicht wirklich dieselbe Sprache. Darauf hat auch Berhard Paul in diesem Zusammenhang hingewiesen. Wer ohne Sünde ist, mag den ersten Stein werfen, doch wenn die Wiener Willi Wichtigs ihr Gekungel so schamlos betreiben, dass einem sogar der rappende Kinderschreck Sido, den man doch eigentlich mit gutem Grund für den Größen Anzunehmenden Kulturellen Unfall gehalten hatte, plötzlich sehr sympathisch wird, dann heißt das so einiges.


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