Donnerstag, 10. November 2011

Der Immer-noch-Ministerpräsident


Silvio Berlusconi ist mir egal. Politisch gesehen, hat er mit meinem Leben ungefähr so viel zu tun wie der Ministerpräsident von Schleswig-Holstein. Weiterhin ist mir das Privatleben von Prominenten und Politikern so egal, wie es einem in dieser aufgeheizten Mediengesellschaft nur egal sein kann: Man kann nicht immer umhin, es zur Kenntnis zu nehmen, aber das für die Würze des Lebens zu halten und darum einen Riesenwirbel zu machen, wäre bloße Zeitverschwendung, ein sicheres Zeichen, dass man wirklich nichts Interessantes mehr hat im Leben. Nein, so lange sie sich nicht den Moralapostel spielen, müssen Politiker im Privaten keinen vorbildhaften Lebenswandel pflegen. Wer zum Leben unbedingt Politiker als Vorbilder braucht, dem ist nicht mehr zu helfen und für Heiliges sind Religionen zuständig. 

Dass der Mann hochgradig mafiös vernetzt ist, ein selbstherrlicher Scheißebauer, ein suchthafter Mädchenbefummler, ein überkompensierender napoleonischer Chefzwerg und dass er auf internationalem Parkett ungefähr das diplomatische Feingefühl eines Presslufthammers an den Tag legt, all das ist schon hundertfach ausgebreitet worden, und es aufs Neue zu tun, hieße, ihm zu viel der Ehre angedeihen lassen. Analysen, wie sehr die Ära Berlusconi die politische Kultur beschädigt hat – und das hat sie – sie werden ab jetzt zur Genüge zu lesen sein. Auch wird zu lesen sein, was die lange Regierungszeit dieser Gestalt über unsere heimlichen Erwartungshaltungen an Politik, vielleicht gar unsere Sehnsüchte aussagt. Das mögen die verfassen, die sich dazu berufen sehen, beziehungsweise von ihrer Chefredaktion dazu berufen werden. Ich bin weder Politologe noch Soziologe und erst recht kein Psychologe.

In einem Akt unverdienter Milde könnte man versuchen, ihm immerhin zugute zu halten, was die Bayern – in katholisch-barocker Tradition Italien immer schon näher als der Rest der Republik – für solch halbseidene Gestalten als Kompliment im Köcher haben: »Aber a Hund is er scho’!« Noch nicht mal das passt: Denn dazu ist alles an dem Mann ent- weder zu viel oder zu wenig: Zu wenig diskret seine Bunga-Bunga-Partys, zu parvenühaft sein protziger Lebensstil, zu komplexbeladen seine Unfähigkeit, in Würde zu altern, viel zu kitschig die Selbstdarstellung seines Aufstiegs vom Schnulzensänger zum millionenschweren Medienunternehmer und Politpaten und zu bemüht sein primitiver Haudrauf-Humor. Nein, Berlusconi ist im Kreise der Regierenden immer das gewesen, was der besoffene Onkel aus Dingsda auf Familienfeiern ist: Irgendwann schauen alle betreten zu Boden, wenn er den Mund aufmacht und die Kinder werden hastig raus zum Spielen geschickt.

Der Fairness halber sei aber angemerkt, dass dieses politische Unding immerhin einen lichten Moment hatte. Ein Mal, ein einziges Mal in der ganzen Zeit, da traf er den richtigen Ton: Es war seine unmittelbare Reaktion auf die Anschläge vom 11. September 2001 (nicht die späteren, umstrittenen Äußerungen, die zu recht zerrissen wurden). Er sagte sinngemäß, das sei ein Krieg von Leuten, die in Zelten leben, gegen Leute, die der Welt die Renaissance gebracht hätten. Dann ging er zum Mittagessen.

Natürlich war auch das hochtrabend, ignorant, rassistisch und undiplomatisch. Anmaßend sowieso, sich die Renaissance als persönliches Verdienst ans Revers zu kleben. Aber, so seltsam es klingt, es war genau die richtige Antwort. Alle anderen gaben sich geschockt damals; sie waren betroffen, traurig, ratlos und drückten ihr Mitgefühl aus. So menschlich verständlich und angemessen das gewesen sein mochte, haben sie damit nur dem Triumph derjenigen, die über das Massaker jubelten, noch weitere Nahrung gegeben. Berlusconi aber sagte ihnen furztrocken: Was denn, mehr habt ihr nicht drauf? Hochhäuser einäschern kann doch jeder Trottel mit Internetanschluss. Und bis ich ein gutes Essen sausen lasse, da muss schon mehr passieren. Der Mann hat eben immer schon gewusst, wie man mit Schwerverbrechern redet.

Eine Fußnote der Geschichte nur, natürlich. Das sprichwörtliche Korn, das vom blinden Huhn durch Zufall gefunden wird. Die stehen gebliebene Uhr, die zwei Mal am Tag zwangsläufig die richtige Zeit anzeigt, mehr nicht. Ansonsten ist die Ära Berlusconi ein Beispiel dafür, was passiert, wenn Superreiche, die meinen, über den Gesetzen zu stehen, ein ganzes Gemeinwesen kapern.

Noch (Stand: 10. November 2011) ist er im Amt. Und wir haben immer gedacht, Kohl klammere sich an die Macht.



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