Dienstag, 8. November 2011

Fröhliches Begriffe besetzen. Heute: Minijob


Wenn Personen des öffentlichen Lebens bestimmte Ausdrücke verdächtig häufig benutzen, dann kann das natürlich einfach bedeuten, dass sie gerade ein tolles, neues Wort gelernt haben. Man denke nur an Peter Altmaier und 'Twitter'. Wahrscheinlicher ist, dass eine von Beratern und Referenten ausbaldowerte Strategie dahinter steckt, diesen speziellen Begriff in einem bestimmten Konnotationszusammenhang zu bringen. Um ihn überhaupt erst zu etablieren, ihn umzudeuten oder ihn in einem positiven Licht erscheinen zu lassen.

Ein Beispiel ist der Begriff 'Minijob'. Klar, er kommt zunächst leichter von den Lippen als 'geringfügiges Beschäftigungsverhältnis' oder 'Arbeit auf 400-Euro-Basis'. Diese Wort- ungetüme zu ersetzen gegen das weit harmloser klingende 'Minijob' ist aber auch aus anderen Gründen von Vorteil:

Arbeitsministerin von der Leyen beispielsweise saß letztens in einer Talkshow und ritt auffällig oft auf der Vokabel herum, wobei sie immer auch die Vorteile pries. Und, mal unter uns: Klingt er nicht niedlich, der Minijob? Erinnert an Minipizza, Minimax, Minirock, Miniportion, Mini Playback Show, Minnie Maus, Minigolf und die angefangene Packung Super Mini-Dickmann's im Kühlschrank. Alles positive Assoziationen.

Nun haben solche Jobs zweifellos ihre Vorteile: Wer einfach nur unbürokratisch an etwas Geld kommen muss und sich an ein, zwei Abenden oder am Wochenende was dazu verdient, wäre gestraft, wenn er deswegen zusätzlichen Aufwand bei der Steuererklärung hätte. Schüler und Studenten können flexibel an ein paar Flocken mehr kommen. Auch für Unternehmer, die sich eine sozialversicherungspflichtig beschäftigte Kraft wirklich nicht leisten können, kann das ein Segen sein. Das alles ist unbestritten und wäre, wenn es nur eine Möglichkeit unter mehreren wäre, Geld zu verdienen, auch kein Problem.

Es ist aber ein Problem, wenn massenweise gut abgesicherte Vollzeitarbeitsplätze in solche Beschäftigungsverhältnisse umgewandelt werden, wie das in den letzten Jahren Mode geworden und in einigen Branchen fast schon zum Regelfall geworden ist. Man schaue sich um, wie viele Einzelhandelsketten, die während der letzten zehn Jahre stetig steigende Gewinne zu verzeichnen hatten, nur noch Beschäftigte auf 400-Euro-Basis einstellen, um die Personalkosten noch weiter zu senken. Auch öffentliche Arbeitgeber haben längst alle Skrupel abgelegt: Im September diesen Jahres wurden in meiner Heimatstadt alle Reinigungskräfte für öffentliche Gebäude (Ämter, Schulen, Bäder) entlassen und dafür 400-Euro-Kräfte eingestellt. Das geschah weitgehend geräuschlos und ist inzwischen offenbar so normal geworden, dass das noch nicht einmal der örtlichen Lokalpresse eine Kurzmeldung wert war.

Die Liste dieser Ungeheuerlichkeiten könnte man beliebig verlängern. Aber sie klingt ja so nett, die Vokabel Minijob. Ohh, schau mal, der süße, kleine Minijob. Ist klein, das Herzchen rein und tut niemandem was zuleide. Möchte man ihn nicht knuddeln und lieb haben? Die traurige Wahrheit hinter solchem Kuschelsprech ist oft, dass ganze Gesellschaftsschichten, die eben keine regulären Vollzeit- und Teilzeitalternativen mehr haben, notfalls durch SGB-II-Sanktionen bewehrt, weiter in Prekarisierung und Armut getrieben werden. Und da ist dann Schluss mit niedlich.


Kommentare :

  1. Lieber Herr Rose, dem Kontext Ihres Artikels kann ich nur zustimmen. Einzig berichtigt werden muss der von Ihnen verwendete Betrag > nicht 325 € sondern 400 € sind die Grenze für einen "Minijob".

    Viele Grüße, ProWie

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  2. Ups, danke ProWie. Habe noch mal bei Tante Wikipedia nachgesehen und das korrigiert. Das muss daran liegen, dass der Discounter bei mir an der Ecke andauernd per Aushang "Aushilfen auf 325-Euro-Basis" sucht...

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  3. Jetzt kann man das ausdrucken !!! :-) ProWie

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