Donnerstag, 3. November 2011

Geschichte für Dummies


Hape Kerkeling hat das Kunststück hinbekommen, nicht nur vor zwanzig Jahren mal sehr witzig gewesen zu sein, sondern auch, es bis heute fast ohne Unterbrechung geblieben zu sein. Ob man ihn mag oder nicht, der Mann kann zweifellos was. Das deutsche Fernsehen war wohl nie innovativer und anarchischer als von 1989 bis 1991 in der von Kerkeling und seinem alten Mitstreiter Achim Hagemann entwickelten Show Total Normal. Vielleicht ist er der letzte echte Showmaster und Conferencier alter Schule, den es in Deutschland gibt. Einer, dem man ein Mikro in die Hand drücken und den Auftrag geben kann, eine voll besetzte Halle ohne Skript zwei Stunden lang bei Laune zu halten. Kerkeling würde aus dem Stegreif vermutlich um Längen Besseres abliefern als Heerscharen bestens vorbe- reiteter Moderatoren mit Stapeln von Ablesekärtchen. Welcher Teufel diesen an sich fähigen und instinktsicheren Menschen geritten haben mag, in der sechsteiligen Reihe Unterwegs in der Weltgeschichte als Erzähler und Hauptdarsteller zu fungieren, bleibt daher ein Rätsel.

Das ZDF verspricht „Weltgeschichte mit Augenzwinkern“. Das Konzept: Hape Kerkeling nimmt uns wie ein Museumsführer an die Hand und klappert in sechs Folgen wichtige welthistorische Stationen ab, wobei er in moderner Kleidung entweder durch historische Stätten oder durch computeranimierte Szenerien tapert. Vermutlich hat er sich vertraglich zusichern lassen, seinen Hang zum Verkleiden ungebremst ausleben zu können, denn zwischendurch wirft er sich in der Rubrik Hapes Helden in historische Gewandungen, wobei er in bester Beatrix-Tradition auch vor Frauenkleidern nicht halt macht. Ein paar werden das sicher irre lustig finden. Nur: Originell war so was zuletzt vor zwanzig Jahren.

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So richtig unoriginell sind die verzweifelten Bemühungen der Autoren, unbedingt witzig sein zu wollen. Zum Beispiel beim Soundtrack: Da werden Varus' Legionen zu The End von The Doors weggemetzelt. Hihihi! Und beim Brand von Rom ertönt im Hintergrund Light My Fire. Höhöhö! Dabei habe ich gar kein Problem mit makabren Pointen; dafür war ich immer schon zu haben. Anstrengend ist die unsägliche Flachheit dieser verschwie- melten Holzhammerklopfer, aus denen nicht einmal Kerkeling noch eine Prise Charme zu kitzeln vermag. Es wäre möglich, einen Rest Verständnis dafür aufzubringen, wenn es sich um einen der ersten Gehversuche des ZDF handeln würde, Geschichte auf unterhaltsame Weise einem (noch) breiteren Publikum nahe zu bringen. Ist es aber nicht: Man kann über Maximilian Schell als greisen Erzähler der Reihe Imperium gewiss geteilter Meinung sein, aber das Gebotene hatte, bei allem Pathos des Vortrags, inhaltlich durchaus Hand und Fuß.

Man muss Imperium und Die Deutschen, den jüngsten populärhistorischen Bemühungen des ZDF, bei aller Anfechtbarkeit ihrer grundsätzlichen Ausrichtung, zugute halten, dass die Konzentration auf jeweils einen, wenn auch recht weit gefassten Aspekt (Aufstieg und Fall großer Reiche, Biographien großer Persönlichkeiten) diese Serien davor bewahrt hat, auszuufern. Im Fall von Unterwegs in der Weltgeschichte hat man darauf verzichtet, und das rächt sich: Wer einfach nur irgendwie die Weltgeschichte in sechs Folgen abhandeln will, ohne irgendeinen roten Faden, muss zwangsläufig ins Beliebige abgleiten. Man versucht das mit schalen Witzchen und dem Charisma der Hauptfigur zu retten. Bis hierher ohne Erfolg.

Das alles mag noch Geschmackssache sein. Richtig ärgerlich wird es, wenn in einer Tour uralte Kamellen unhinterfragt wiedergekäut werden: Geschichte wird von großen Persönlichkeiten gemacht, die alten Römer waren dekadent und sexbesessen, gegen Pompeji ist die Reeperbahn eine harmlose Einkaufsstraße und beim Brand Roms klampfte Nero auf der Leier herum, während er Stanzen über Feuersbrünste zum Besten gab wie weiland Peter Ustinov in Quo Vadis. Damit es nicht immer nur flapsig bleibt, besucht uns Hape auch die Geburtsstätten des Christentums in Jerusalem und ist schwerst ergriffen vom Genius Loci. Auch das Herrmannsdenkmal wird heimgesucht. Es sei in der Kaiserzeit als Symbol germanisch-deutscher Überlegenheit errichtet und bewallfahrtet worden. Kerkelings knapper Kommentar: „Da schaudert es einen.“ Aha.

Sicher, man sollte bedenken, dass die Sendereihe am Sonntagabend ausgestrahlt wird. Dieser Sendeplatz ist in erster Linie dazu da, alle, die am Montag wieder arbeiten müssen, mit einem guten Gefühl in die neue Woche zu schicken. Ein verfilmtes Oberseminar wäre da fehl am Platze (dafür gibt es ARTE). Für den gelernten Historiker ist es eh normal, in solchen Sendungen nichts bahnbrechend Neues zu lernen. Auch gegen eine Portion Humor ist nichts einzuwenden: Die Unsitte deutscher Professoren, ihre Arbeiten möglichst dröge und unverdaulich zu gestalten, ist nichts, worauf man stolz sein sollte. Monty Python's Leben des Brian hat vielleicht mehr Menschen dazu gebracht, sich mit dem Alltagsleben im ersten Jahrhundert zu beschäftigen als Stapel ehrwürdiger wissen- schaftlicher Schwarten und trockener Dokumentarfilme. Nein, Witzischkeit ist wirklich kein Problem, nur sollte man seine Hausaufgaben gemacht haben. Das bedeutet in diesem Zusammenhang, zumindest zu erwähnen, wenn man etwas eben nicht genau weiß und sich um ein Minimum an Historizität zu bemühen:

Wer sich ein wenig mit Geschichte befasst, weiß, dass es rein gar nichts an historischer Erkenntnis bringt, alles an heutigen Maßstäben zu messen, nach dem Motto: Dies und jenes war damals das, was heute dies und jenes ist. Auch in diese Falle tappen die Autoren, indem sie andauernd mit der Brechstange gehäkelte Aktualitätsbezüge ein- bauen: Rom sei schon in der Antike ein „Bunga-Bunga-Land“ gewesen und bis heute hätte man da nix verlernt, heißt es. Bitte kitzeln. Hahaha! Danke. Augenzwinkern ist was anderes.

Nach spätestens zehn Minuten taucht zum ersten Mal die Frage nach dem Sinn der Sache im Zwischenhirn auf und sie geht bis zum Schluss nicht mehr weg. Es stellt sich die Frage, wer genau sich das ernsthaft ansehen soll: Wer sich überhaupt nicht für Historisches interessiert, der wird wegen dieses Schmonzes' seine Einstellung auch nicht ändern. Wer ein grundlegendes Interesse mitbringt, hat inzwischen so viele fundiertere und bessere Dokumentationen gesehen, dass er genervt umschalten wird. Eine Sendung also, die niemand braucht, ein ebenso banaler wie bunter Bilderbogen aus Eindeutigkeiten und Folgerichtigkeiten ohne Richtung und Ziel. Zu platt, um anregend zu sein und zu beflissen, um echter Thrash zu sein. Weder augenzwinkernd noch witzig, ist Unterwegs in der Weltgeschichte bloß ein weiterer Schritt zur Trivialisierung der medialen Vermittlung von Geschichte. Jedes Asterix-Heft bringt da um Längen mehr.

Unterwegs in der Weltgeschichte. ZDF 2011. Weitere Sendetermine: 6., 13., 20. und 27. November, jeweils 19:30 Uhr oder online in der ZDF-Mediathek

Kommentare :

  1. Jetzt weiß ich, warum ich die Sendung nicht geschaut habe und es auch nicht tun werde...

    Es ging ja das Gerücht um, dass Hape »Wetten, dass« übernehmen wird. Da das ZDF und Hape aber erst was verkünden werden, wenn Thommas G. sich verabschiedet hat, denke ich mal, dass diese Show die Wartezeit etwas überbrücken sollte.

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  2. Tja. Ich fürchte, Kerkeling hat seinen Zenit überschritten. Prime is over. Siehe seine Projekte der letzten Jahre. Ich entsinne mich da nur eines Taxifahrers, der die Leute nervte, oder Horst Schlämmers, der bestenfalls ganz am Anfang "witzig" war.

    Warum? Keine Ahnung. Vielleicht fehlt K. seit der Trennung von Colagrossi ein guter Autor. Andererseits ist es verflucht schwer, ganz oben zu bleiben. Da gab's und gibt's zig andere, die ein paar gute Momente hatten und danach nur noch nervten. Nach dem Gipfel kann es ja auch nur noch bergab gehen...

    Die Farce mit "Wetten dass" nervt doch nur noch. Diese Sendung ist auch schon längst übern Berg. Würde so gesehen allerdings gut zu Kerkeling passen. Wen kümmerts?

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  3. Der Irrtum liegt beim Author des Artikels. Er hielt Hape Kerkeling für witzig. Vermutlich kommt es aus Grevenbroich oder so. Tja, manchmal ist es schwer den Schwarm der Mädchenjahre mit klarem Auge zu sehen. Da ist dann plötzlich nur noch Didi Hallervorden in schwul.

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