Mittwoch, 30. November 2011

Keinen Cent für Amazon


Natürlich kann es kein moralisch völlig einwandfreies Konsumieren geben. Wer von sich behaupten kann, während des ganzen Jahres 2011 ausschließlich Waren konsumiert zu haben, deren Herstellung nicht zumindest teilweise zu menschenunwürdigen Billigstbedingungen passierte, möge sich bitte melden. Wer schon den Finger heben will, weil er nur Fairtrade-Kaffee und Bioprodukte kauft, sollte bedenken: Zum Konsum gehört auch der Verzehr von Speisen, die mit nicht ethisch einwandfreien Rohstoffen zubereitet wurden, zum Beispiel in der Gastronomie oder bei Einladungen. Es dürfte kaum möglich sein, zu konsumieren, ohne irgend jemandem auf der Welt irgendwie weh zu tun. Trotzdem gibt es Grenzen dafür, was ich bereit bin, mit meinen lumpigen Kröten aktiv zu unterstützen:
„[Amazon] ... beschäftigt laut SPIEGEL nicht nur während des Weihnachtsgeschäfts in seinen fünf deutschen Logistikzentren Tausende Arbeitslose befristet als Saisonarbeiter, sondern lässt viele von ihnen zuvor eine sogenannte "Maßnahme zur Aktivierung und berufliche Eingliederung" absolvieren.
Dies dient vor allem zur Einarbeitung. Die Betroffenen arbeiten dann meist sechs Wochen, bekommen aber nur vier bezahlt. Die restlichen zwei Wochen erhalten sie weiterhin die Leistungen der Agenturen für Arbeit oder der Jobcenter. Diese Praxis ist legal. Allerdings wiederholt Amazon bei vielen der Aushilfen das Prozedere jedes Jahr, obwohl sie im Jahr zuvor bereits eingestellt waren und eine Einarbeitungszeit damit unnötig ist.“ (SPIEGEL)
Sicher ist der Einwand, Amazon sei nur die Spitze eines Eisbergs, berechtigt: Zahlreiche Arbeitgeber profitieren von den Angeboten der Arbeitsagenturen und Jobcenter im Rahmen solcher Maßnahmen, in denen Arbeitslose, zum Teil bei Androhung von Kürzung oder völliger Sperrung ihrer Leistungen in unterschiedlich lange betriebliche Erprobungen geschickt werden. Viele Arbeitgeber nehmen so etwas gern mit, einige schrecken vor dem bürokratischen Aufwand zurück. Was Amazons Vorgehen davon unterscheidet, ist die Praxis, diese teilweise kostenlosen Arbeitskräfte und die sich daraus ergebenden Einspareffekte fest in die betriebliche Planung zu integrieren.

Der Hinweis auf die Legalität dieser Praxis taugt nicht: Was dort passiert, ist schlicht systematische Kostendrückerei auf dem Rücken von Menschen, die keine andere Wahl haben als so etwas mitzumachen. Damit will ich mich nicht gemein machen.

Daher: Kein Cent mehr von mir für Amazon. Bücher habe ich dort noch nie gekauft. Dafür habe ich einen netten, inhabergeführten Buchladen um die Ecke, der mir alles Gewünschte genau so schnell besorgt wie die Internetklitsche. Antiquarische Bücher bekommt man hervorragend über das antiquariat*, wodurch man  übrigens kleine Antiquariate unterstützt. Bei CDs und DVDs wird es etwas komplizierter. Weil ich nicht eben einen Mainstream-Musikgeschmack habe, werde ich mich nach alternativen Bezugsquellen umsehen müssen. Das sollte aber zu machen sein.

Klar gibt es Leute, die ein Amazon-Verzicht härter trifft als mich. Ich lebe in der Stadt und bekomme vieles von dem, was der Laden anbietet, auch anderswo. Wer auf dem Land wohnt, schätzt die Bequemlichkeit, die Amazon bietet, sicher sehr viel mehr. Nur: Bewusster Konsum hat meistens seinen Preis und bedeutet fast immer auch Verzicht auf Bequemlichkeit. Überhaupt: Soll das ein Argument sein dafür, sich jetzt überhaupt keinen Kopf mehr zu machen um irgendwas? Weil man ja eh nichts machen kann? Was ist los? Warum habt ihr aufgegeben?

Und die jetzt sagen, das sei bloß eine symbolische Geste, ich wolle doch nur mein Gewissen beruhigen, so was bewirke gar nichts, sollen meinetwegen weiter Schnäppchen jagen, ihre Sessel vollpupen, hübsch weiter nölen und sich ansonsten ihrer Ignoranz erfreuen. Wenn ihre Jobs aus Kostengründen wegrationalisiert worden sind und das örtliche Jobcenter sie zwingt, ihre Arbeitskraft kostenlos zur Verfügung zu stellen, werden sie sich vielleicht daran erinnern. 


* Nachtrag, 19.12.2011: In der bis zum heutigen Tag zu lesenden Fassung war ein Link auf die Internetseite zvab.com enthalten, verbunden mit dem Hinweis, dort ließen sich sehr gut antiquarische Bücher beziehen. Das Letztere stimmt zwar, doch war mir leider nicht bewusst, dass zvab sich im Besitz von ABEBOOKS befindet und ABEBOOKS wiederum amazon gehört. Darauf haben zwei Kommentatoren freundlicherweise hingewiesen. Vielen Dank. Den Link habe ich selbstverständlich geändert in antiquariat.de. Eine wichtige Erinnerung daran, Empfehlungen, die man ausspricht, vorher auch zu recherchieren.



Kommentare :

  1. "Antiquarische Bücher bekommt man hervorragend über zvab.com, womit man größtenteils übrigens auch kleine Antiquariate unterstützt."

    Das ZVAB gehört ABEBOOKS und ABEBOOKS gehört, nun ja, amazon.
    Der kleine Antiquar empfiehlt:

    www.antiquariat.de

    Das gehört übrigens einer Genossenschaft der Antiquare.

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  2. http://www.sueddeutsche.de/kultur/empoerung-ueber-amazons-offensive-preisvergleich-als-angriff-auf-verlage-und-buchhandel-1.1236372

    und

    http://www.nytimes.com/2011/12/13/opinion/amazons-jungle-logic.html?_r=3&pagewanted=all

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  3. "Das ZVAB gehört ABEBOOKS und ABEBOOKS gehört, nun ja, amazon"

    so ist es! leider!

    Gleicht einem Einkauf im Supermarkt, bei dem man auf Produkte ovn Nestle und Philip Morris verzichten will....

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