Montag, 21. November 2011

Martenstein, das Schmunzelmonster


Eine der großartigsten Figuren, die der große Loriot geschaffen hat, spielt eine vergleichsweise kleine Nebenrolle in seinem Werk: Es ist Onkel Hellmuth aus dem Film Pappa ante portas, kongenial gespielt von Hans-Peter Korff. Wir sehen ihn im Speisewagen sitzen und an einem mitgebrachten Butterbrot herummümmeln. Schon da möchte man ihm die Stulle aus der Hand nehmen und in die schütteren Haare schmieren. Oberflächlich betrachtet, ist Onkel Hellmuth zum Kotzen lieb. Er und seine Frau, die sich im übrigen in ihrer fünfundzwanzig Jahre währenden Verlobungszeit füreinander aufgehoben hätten*, seien heitere Menschen, pflegt er zu salbadern, und, wenn es denn einen Anlass gäbe, dann schmunzelten auch sie einmal von Herzen gern. Was diese Figur und Korffs subtiles Spiel so komisch macht, ihr echte Tiefe verleiht und über die bloße Karikatur erhebt, ist die hier und da ganz kurz aufblitzende Ahnung, dass hinter der Fassade aus überzeichneter Nettigkeit ein autoritärer, verbiesterter Zwangscharakter steckt, der seinen Mitmenschen nicht die Butter auf dem Brot gönnt: Als der Zug scharf bremst und der Kellner, vornüber kippend, in die Torte fasst, kann sein pubertierender Neffe Dieter sich das Lachen nicht verbeißen. Sofort wird er von Onkel Hellmuth mit schneidendem Unterton zurecht gewiesen, dass man meint, die Eiszapfen von der Decke ragen zu sehen: „Über das Missgeschick eines Menschen spottet man nicht!“

Es fällt nicht ganz leicht, es einzugestehen, aber es gab Zeiten, da habe ich Harald Martensteins Kolumnen im ZEIT-Magazin und im Tagesspiegel nicht ungern gelesen. Seine Beiträge enthielten manchmal einen überraschenden Gedanken und hatten durchaus etwas Wärmendes, das einem an einem miserablen Tag ein Lächeln abzuringen vermochte. Das ist nichts Weltbewegendes, kann einem aber – ich scheue mich nicht, dazu zu stehen – den Alltag verschönern.

Diese Zeiten sind schon länger vorbei, denn der Mann nervt nur noch. Sein wichtigster Kniff ist, sich in einer Tour die Maske des Naiven überzustülpen und mit einer Reihe ganz einfach klingender Fragen die Absurdität seines Gegenstandes heraus zu schälen. Und weil er aussieht, wie ein leicht verwuschelter Intellektueller mit Welpenblick, kann so was auch hin und wieder seinen Charme haben. Leider ist die Grenze zwischen einem liebenswerten Markenzeichen und einer ausgelutschten Masche eine fließende. Mittlerweile, Ende 2011, ist sie überschritten und den Großteil seiner Ergüsse kann man getrost mit dem Attribut 'augenzwinkernd' versehen, was unter Schreibenden mit Selbstachtung als eine der Höchststrafen gilt. Auch seine Moral von der Geschicht ist fast immer dieselbe: Wäre es nicht viel, viel schöner, wenn wir alle mal ein bisschen netter miteinander wären? Wäre die Welt da nicht ein Stück weit eine bessere?

Ja, hmpf, schon, irgendwie. Schwer zu widersprechen, dem. Aber soll das alles sein?

Zumal auch der nette Herr Martenstein seine Feindschaften pflegt. Mindestens zwei sind ihm nachzuweisen: Mit Wiglaf Droste und dessen Verleger Klaus Bittermann. Er würde das natürlich niemals so nennen, denn er meint es doch schließlich immer nur gut. Es ist richtig, dass Droste kräftig austeilen kann. Man kann ihn als Person oder seinen Stil mögen oder nicht, aber der Mann ist bisher noch nie den Konsequenzen seiner Polemik aus dem Weg gegangen und hat beispielsweise sein Recht, Bundeswehrsoldaten 'Waschbrettköpfe' nennen zu dürfen, auch schon vor Gericht durchgefochten.

In seiner jüngsten Kolumne zieht Martenstein mächtig gegen die beiden vom Leder. Oder was er dafür hält. Er vermeidet es nämlich konsequent, sie namentlich zu erwähnen. Seit Jahren zögen diese Herren Kapitalismuskritiker über ihn her, nur weil er vor x Jahren ein Mal, ein einziges Mal einen kritischen, aber ganz sachlich formulierten Artikel über den Autoren geschrieben habe, den er doch eigentlich möge. Außerdem habe er den Artikel längst schon wieder vergessen, viel beschäftigt wie er sei. Und als er es gewagt habe, etwas Kritisches zu schreiben über etwas, das im kleinen Verlag des Verlegers erschienen sei, weigere sich dieser kindsköpfische Verleger, der in seiner Nachbarschaft wohnt, sogar, ihn, Martenstein, morgens beim Bäcker zu grüßen. Es sei im kleinen Verlag des Verlegers gar ein Büchlein erschienen, das nur aus den gesammelten Schmähungen des Autoren gegen ihn, den lieben Harald bestünde, der doch nur spielen will. Schluchz, buhu! Er werde zur Strafe auch nie wieder etwas Böses über den Autoren schreiben, weil er, der Gekränkte, jetzt wüsste wie schnell der Autor gekränkt sei.

Ich habe so ziemlich alle Bücher Drostes zumindest quergelesen. Aber eines, das ausschließlich fiese Glossen über Harald Martenstein enthält, ist mir bisher noch nicht untergekommen. Ich würde es wirklich gern kaufen, jetzt erst recht, aber weder im Katalog von Bittermanns Edition Tiamat noch beim Reclam Verlag Leipzig ist das zu finden.

Als Gipfel der Unverfrorenheit empfindet er den Tatbestand, dass der Herr Autor bei einer gemeinsamen Veranstaltung alle begrüßt habe, nur ihn, Martenstein, demonstrativ nicht. Diagnose: Wer von anderen stets unendliche Toleranz einfordere, was im Übrigen weder Droste noch Bittermann je getan haben, sei selbst oft am wenigsten zur Toleranz fähig. Aha. Einen Abreißkalender gefrühstückt oder was ist passiert? Conclusio: Dieser Mensch hat ihn innerlich zu Lebenslänglich verurteilt, und wenn solche feinen Antikapitalisten wie der mal an die Macht kämen, dann werde es allen schlecht gehen. Dann würden sie vielen weh tun. Und ihm, Martenstein, göngen sie als einem der Ersten ans Leder. Deswegen werde er ab jetzt mit Zähnen und Klauen den Kapitalismus verteidigen. Aus Prinzip. So, das haben sie jetzt davon, die sauberen Kapitalismuskritiker.

Kein Gedanke, dass es auch einfach sein könnte, dass Bittermann und Droste eine windelweiche Schmunzelbacke wie ihn aus nachvollziehbaren Gründen von Herzen nicht ausstehen können und sich weigern, sich diesbezüglich einen Zwang anzutun. Wenn das so ist, mag man das vielleicht unhöflich finden. Weniger von sich besoffene Menschen würden das achselzuckend als einen der weniger erfreulichen Aspekte des Lebens hinnehmen, weil man halt nicht immer allen gefallen kann. Beim nach Gemochtwerden gierenden Martenstein wird so was gleich zur pathologischen Persönlichkeitsstörung.

Aber er kann auch anders. Etwa, wenn er Bittermann allen Ernstes per Ferndiagnose die gleiche Krankheit andichtet, an der auch schon Stalin gelitten habe. Bitte? Welche meint er? Schlaganfall? Vergiftetwordensein? Krankhafte Brutalität und Gefühlskälte? Neigung zu Massenmord? Abgesehen von der hanebüchenen Schrägheit und Wolkigkeit dieses Anwurfs: Was soll das? Sieht so Souveränität aus? Das ist doch jämmerlich.

Wer an die Öffentlichkeit geht, in der Absicht, seine Meinung kundzutun und auch noch Geld damit zu verdienen, muss damit rechnen, auf die Ohren zu bekommen. Das kann unangenehm sein, war aber noch nie anders und dass eitle Fatzkes wie die Fleisch- hauers und Martensteins dieser Welt das irrtümlich für Majestätsbeleidigung halten, ändert daran nichts. Wer als professioneller, sich Kolumnist schimpfender Schreiber von einem Berufskollegen angegriffen wird, kann entweder den Fehdehandschuh aufnehmen und mit gleicher Münze zurückzahlen oder den Angreifer mit Nichtachtung strafen. Beides erfordert ein gewisses Rückgrat und ein halbwegs gefestigtes Ego. Sich aber hinzustellen und um Mitleid heischend bei seinen Lesern rumzuheulen, wie ganz doll böse die anderen mal wieder sind und wie voll gemein das ist und dann noch nicht mal den Mumm zu haben, Ross und Reiter beim Namen zu nennen, ist deutlich unterhalb von Schülerzeitungsniveau. Das ist ein Verhalten, für das man schon im Kindergarten völlig zu Recht als Petze und Heulsuse geschmäht wird.

Warum ich das alles schreibe? Hier sollte ursprünglich ein Beitrag stehen, der sich auf ein Zitat Drostes bezieht. Weiterhin sollte in dieser Woche ein Beitrag erscheinen, dessen Aufhänger eine Martenstein-Kolumne ist. Das alles muss ich jetzt, um der Monotonie vorzubeugen, für eine Weile auf Eis legen. Auch daran ist Martenstein, das Schmunzelmonster schuld, dieser Onkel Hellmuth des Feuilletons.

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* Nachtrag, 28.11.11: Recherchen haben ergeben, dass Onkel Hellmuth und Tante Hedwig sich lediglich sieben Jahre füreinander aufgehoben haben, dafür aber nun schon seit so vielen Jahren jeden Tag aufs Neue reich belohnt werden. Bitte um Entschuldigung. - S.R.


1 Kommentar :

  1. Ein interessanter Beitrag! Und aus meiner Sicht so ziemlich zutreffend.

    Ich mochte Martensteins Texte mal sehr... warmherzig und einem irgendwie aus der Seele sprechend, oft auch mit einem besonderen, bissigen Touch... aber das ist lange, lange her.

    Auch wenn mir klar ist, dass man beim fließbandartigen Schreiben an Niveau und Substanz verlieren kann.... diese selbstreferentielle ( "Seht, wie toll ich bin und wen ich alles kenne!") und häufig ziemlich selbstgerechte Art, in der er seine Kolumnen jetzt meistens schreibt, nervt.

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