Samstag, 19. November 2011

Wenn die Journaille sich mal locker macht


Mit "Faschismus des Herzens" meine ich die Summe kleiner Grausamkeiten, Alltagsgehabe, verdeckte Engstirnigkeit, leiser Sadismus. Das ist für mich das Saatgut des Bösen. Wenn das rechte Klima gegeben ist, dann werden diese Samen aufgehen. Immer und überall finden wir ausgesäte Felder. - William H. Gass

Es bleibt dabei: Sprache ist verräterisch. Zu sehen ist das zum Beispiel daran, dass die Mordserie an türkischen Kleinunternehmern in zahlreichen Medien als 'Döner-Morde' bezeichnet wird. Das ist nichts weniger als eine Unverschämtheit. Dieser Begriff ist in seiner so harmlos daher kommenden Schlichtheit eine Verhöhnung der Opfer und der trauernden Hinterbliebenen. Er stempelt alle türkischen Kleinunternehmer in diesem Land pauschal zu Dönerverkäufern, als ob die türkische Community nichts anderes auf die Kette bekommen würde. Man hätte auch gleich 'Kameltreiber-Morde' sagen können, das wäre die gleiche Liga. Was? In der Türkei gibt es keine Kamele? Egal, die sind doch alle gleich da unten. Die ganze verpiefte Kleingeistigkeit dieses Landes und der ganze beiläufige, alltägliche Rassismus, dem Migranten hierzulande nach wie vor ausgesetzt sind, offenbart sich da.

Es ist ja verständlich, wenn abgestumpfte Kriminaler so reden, aber Journalisten? Die verstanden sich einmal, lang scheint's her, als Hüter der Sprache und als Meinungsbildner, die sich ihrer Verantwortung bewusst sind. Davon ist offenbar nicht mehr allzu viel übrig. Inzwischen scheint es auch bei so genannten seriösen Medien nur noch um die Frage zu gehen, wie man am besten beim Stammtisch punktet. Sie sind förmlich mit Händen zu greifen, die Szenen in den Nachrichtenressorts, wo jungdynamische Redakteure, die Schlipse gelockert und die Deadline im Nacken, nach einer griffigen Schlagzeile gesucht haben. Irgendwann kommt einem, der gerade auf einem Döner herumkaut, die rettende Idee: Döner-Morde! Jawohl, dasisses! Döner-Morde, derisgut, harr harr. Der jungen Praktikantin, die als einzige leise protestiert, wird beschieden, jetzt sei aber mal Schluss mit der typisch weiblichen, gutmenschelnden Bedenkenträgerei, außerdem müsse sie noch viel lernen und so würde das nie was mit der Festanstellung.

Ach, nun sei doch nicht immer so pingelig, wird dann beschwichtigt. Kann halt mal passieren. Die Türken sind doch eh immer so schnell beleidigt. Die sollten lieber dankbar sein, in unserem Superland leben zu dürfen und sich mal ein Beispiel an den Vietnamesen nehmen: Immer schön Leistung, immer diszipliniert und stickum. Und außerdem: Diese Schreiberlinge müssen jeden Tag eine ganze Zeitung voll kriegen. Die haben halt eine griffige Formulierung gesucht, die Armen. Ja und? Ist es schon zu viel verlangt, dass Menschen, die ihren Lebensunterhalt mit schreiben bestreiten, ihren Job gefälligst vernünftig machen?

Natürlich ist der Begriff ungeheuer griffig und war ganz bestimmt auch nicht bös gemeint. Nur unglaublich unsensibel und ebenso entlarvend. Stellen wir uns einmal vor – hypothetisch, ich will nichts beschreien! - es gäbe in der Türkei eine nationalistische Terrorgruppe, die eine Reihe von deutschen Touristen in beliebten Ferienorten ermordet hätte und die dortige Presse würde das 'Kartoffel-Morde' nennen oder so ähnlich. Weil's halt so locker rüber kommt und so griffig ist. Das empörte Rauschen im deutschen Blätterwald wäre wahrscheinlich kaum auszuhalten.

Das kommt davon, wenn BWL das wichtigste Studienfach ist und Journalisten nur mehr Content Manager.


1 Kommentar :

  1. Der Journalismus wie er eigentlich sein sollte, hat sich weitgehend erledigt. Alles wird der Quote, den Verkaufszahlen, den Anzeigenkunden, der Ideologie und dem Profit untergeordnet. Folgen davon sind heute unter anderem:

    -Zensur im Kopf, Selbstzensur, Zensur vom Chefredakteur

    -vorauseilender Gehorsam der Journalisten

    -Falschbehauptungen, Verzerrungen, Bildpropaganda

    -Skandalisierung, Personalisierung, Entertainisierung

    -Agenda Setting, Framing und Meinungsmache

    -Kampagnenjournalismus, zunehmende Verquickung von Journalismus und PR

    -Kritik ist nur in einem streng vorgegebenem Rahmen erlaubt

    -Filme und Artikel sind heute die eigentlichen Nebenprodukte. Werbung und Anzeigen der Inhalt.

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