Freitag, 9. Dezember 2011

Der Jugend nicht aufs Maul geschaut


Volkes Mund ist schwer zu fassen. Wer da mithalten will, muss ziemlich auf dem Quivive sein. Und so etliches, das nach Volksmund aussieht, ist dem Volke eben nicht vom Munde abgeschaut, sondern wurde ihm vielmehr dort hineingelegt. So hielt sich über Jahrzehnte hartnäckig das Gerücht, der Berliner Fernsehturm werde von den Berlinern 'Telespargel' genannt. Das war und ist Blödsinn. 'Telespargel' ist so sperrig, klingt so ausgedacht und gewollt um Originalität bemüht, dass es unmöglich aus dem Volksmund kommen kann. Und tatsächlich handelte es sich um eine von DDR-Offiziellen gewünschte Bezeichnung, die sich bei den Berlinern nie durchgesetzt hat und nur von treuherzigen Reiseführern verwendet wurde.

Beim ehrwürdigen Langenscheidt-Verlag scheint man irgendwann gemeint zu haben, immer nur dröge Wörterbücher herauszugeben sei voll öde und damit begonnen, sich weitere Geschäftsfelder zu erschließen: Es begann mit den unsäglichen 'Frau – Deutsch'-Witzbüchern dessen, der das Berliner Olympiastadion mehrfach nicht nur mit Menschen, sondern auch mit seinen verbalen Exkrementen vollgemacht hat. Seit 2008 ist man bei Langenscheidt offenbar endgültig voll crazy drauf und veröffentlicht zum Jahresende eine Rangliste der angeblich populärsten Wörtern aus der Jugendsprache. Wow, cool! Nur hat das Ergebnis so gut wie nichts mit Jugendsprache zu tun.

Zwar ist Jugendsprache normalerweise sehr schnelllebig und ein entsprechendes Wörterbuch wäre am Tag seines Erscheinens längst veraltet, dennoch lässt sich die Frage, ob ein Wort wirklich im Jugendslang benutzt wird oder wurde, mithilfe einiger Kriterien zumindest eingrenzen:
  • Ein Wort sollte normalerweise nicht länger sein als das, was es eigentlich umschreiben soll, weil Slang oft der sprachlichen Verknappung dient. 
  • Es sollte eher kryptisch und der Bezug zum eigentlichen Denotat nicht ohne weiteres bzw. nur für Gruppenzugehörige erkennbar sein, weil Slang als Gruppensprache auch eine soziale Abgrenzungsfunktion erfüllt.
  • Wenn nicht, dann sollte sich das betreffende Wort wenigstens irgendwie cool anhören bzw. anfühlen.
  • Jugendsprache hat oft einen Hang zum Provokanten, kratzt an Tabus oder streift zumindest die Sphäre der Sexualität.
Trifft von alledem überhaupt nichts zu, dann hat man es mit großer Wahrscheinlichkeit nicht mit einem Wort aus der Jugendsprache zu tun, sondern mit einem, das sich Erwachsene ausgedacht haben, die sich gefragt haben, wie die Jugend von heute wohl so redet. Medien, die vor dem Problem stehen, täglich massenhaft Inhalte zu liefern, sind solche Überlegungen in der Regel egal und sie klatschen das ins Blatt bzw. auf die Webseite, was ihnen von irgendwo geliefert wird.

Auf der diesjährigen Langenscheidt-Liste ist wieder einiges vertreten, das sofort Verdacht erregt, gefakt zu sein. Ich halte lediglich die mit einem * markierten Wörter der Liste für einigermaßen glaubhaft (und ich finde mich noch großzügig). Die beiden mit ** markierten Wörter waren schon zu meiner Kindheit und Jugend im Ruhrgebiet zu hören:
Bitchmove – hinterhältige Aktion*
Fail/Epic Fail – grober Fehler, Reinfall*
Gesichtsbuch – facebook
googeln – allgemein für suchen*
guttenbergen – abschreiben
Hausfrauenpanzer – SUV, sperriges Allradauto
hobbylos – nutzlos, sinnlos*
jackpot (Adj.) – genial, toll*
Karussellfleisch – Döner Kebab
Körperklaus – Grobmotoriker, Tolpatsch
laser (Adj.) – heftig, abgefahren*
Phosphatstange – Bratwurst**
rubbeldiekatz (Adv.) – sehr schnell**
Swag – lässig-coole Ausstrahlung*
Zwergenadapter – Kindersitz
Glaubt wirklich jemand, stets um Lässigkeit und Coolness bemühte Jugendliche würden Wortungetüme wie 'Karussellfleisch' im Munde führen? Oder 'Hausfrauenpanzer'? Aber sicher doch! Oder gar 'guttenbergen'? („Herr Lehrer, Herr Lehrer, der Kevin hat wieder geguttenbergt!“, oder was?) Viel zu lang und zu umständlich. So reden allenfalls Dreißigjährige, die um jeden Preis witzig rüberkommen wollen und sonst niemand. Wann haben diese Menschen zuletzt Jugendlichen zugehört? Der Eindruck verstärkt sich, wenn man sich den Modus der Auswahl ansieht: Es wurden 250 Begriffe für ein 2012 erscheinendes 'Wörterbuch der Jugendsprache' ausgewählt. Per Internet-Voting wurden dann die 15 populärsten gewählt. Diese wurden dann einer, wie es heißt, "qualifizierten Jury" vorgelegt, die dann die besten ausgewählt hat. Es ist klar, dass das in etwa so viel Erkenntnis über Jugendsprache bringt wie ein Malwettbewerb im Kindergarten über Aktmalerei der Renaissance.

Bleibt also die Frage: Was soll so was? Was hat das, abgesehen von der Medienpräsenz, die der Langenscheidt-Verlag da kostenlos einheimst, für einen Sinn? Wer sich wirklich für das Thema interessiert, kann zum Beispiel bei Peter Schlobinski nachlesen, der systematisch darüber forscht, und das krampfhaft auf juvenil getrimmte Langenscheidt-Getue als das links liegen lassen, was es ist: Ein billiger Werbegag, der noch weniger von dem hält, was er verspricht. Bei anderen Werbegags kann man immerhin noch davon ausgehen, dass die Verpackung ungefähr so aussieht wie angekündigt, wenn drinnen schon nur heiße Luft ist.

Beim 'Jugendwort des Jahres' ist sogar das noch ein Fake.


1 Kommentar :

  1. Ich finde den Unterhaltungswert solcher Auflistungen häufig ganz gut. Der praktische Nutzen hingegen tendiert gegen null, außer jemand hat die feste Absicht, sich zu blamieren.

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