Dienstag, 6. Dezember 2011

Flitzpiepen, feiernd


Dezember ist nicht nur der Monat von Heiligabend, Familienterror und Silvesterknallerei, sondern auch der Monat der berüchtigten Betriebsweihnachtsfeiern. Auf denen geht es bekanntlich, schenkt man der alljährlichen Berichterstattung Glauben, grundsätzlich dergestalt zu, dass die Einwohner von Sodom und Gomorrha sich dagegen wie ein Kongress buddistischer Mönche ausnehmen. Durch die jedes Jahr aufs Neue wiedergekäuten Vollrausch- und Fickificki-Geschichten ist der Begriff ‚Weihnachtsfeier’ mittlerweile hormonell so aufgeladen, dass der Duden ihn mit einiger Sicherheit in seiner nächsten Ausgabe als anderes Wort für ‚Orgie’ oder ‚Besäufnis’ aufführen wird. Offenbar habe ich bislang immer bei den falschen Firmen gearbeitet.

Wie dem auch sei, die Süddeutsche Zeitung betätigt sich auch hier wieder als ultimativer Ratgeber für den jung-dynamischen Nachwuchsschleimscheißer, der zwar die Birne voll mit BWL hat, ansonsten aber offenbar zu doof ist, sich selbstständig die Schuhe zu binden. Hierzu holte man sich Rat bei Benimm-Coach Carolin Lüdemann vom Deutschen Kniggerat, anscheinend eine Art Politbüro für gutes Benehmen. Dort konnte man sich - kein Witz! - sogar informieren, was zu tun gewesen wäre in dem Fall, dass man zu jener überschaubaren Zielgruppe gehört hätte, die zur royalen Hochzeit von uns Kate und Willi eingeladen war! Frau Lüdemann jedenfalls hat für die diesjährige Weihnachtsfeier folgende Tipps im Köcher:

„Egal, wann gefeiert wird: Dabeisein ist Pflicht! Denn wer sich drückt, erweckt schnell den Eindruck, er habe kein Interesse am Beisammensein mit seinen Kollegen. Findet das Fest außerhalb der Arbeitszeit statt und Sie bleiben fern, sieht es so aus, als seien Sie nicht bereit, einen Beitrag für die Firma zu leisten, der über das normale Maß hinausgeht. Steigt die Party während der Arbeitszeit, ist es auch keine gute Idee, sich statt zu feiern hinter dem Schreibtisch zu verschanzen und weiterzuarbeiten. Denn das ist unhöflich, wenn das Unternehmen schon ein Fest ausrichtet. Und die feiernden Kollegen müssen gegebenenfalls nacharbeiten, was sie nicht erledigen konnten, während der Party-Schwänzer fein raus ist.“
Anmerkung: Seit wann leistet man einen Beitrag für die Firma, wenn man abends auf Firmenkosten isst und trinkt? Übrigens: Vergessen Sie nicht, von Zeit zu Zeit kräftig zu blöken. Damit unterstreichen Sie Ihre Bereitschaft, auch den größten Unsinn widerspruchslos mitzumachen.

„Eine Weihnachtsfeier ist kein Anlass, um sich besonders herauszuputzen. Über den Dresscode entscheidet vielmehr der Ort, an dem gefeiert wird. Ist das Ambiente gehobener, sollte die Kleidung darauf abgestimmt sein. Auf der Kegelbahn hingegen sieht ein Anzug mit Krawatte eher seltsam aus - und unpraktisch ist er außerdem. Im Allgemeinen gilt auf einer Betriebsfeier das Gleiche wie für den Joballtag: Wer mehr Stoff am Körper hat, strahlt mehr Autorität aus. Gewagte Outfits sind deshalb nicht empfehlenswert.“
Anmerkung: Och Menno, keine Strapsladys dieses Jahr? Und wieso unpraktisch? Ich gehe grundsätzlich nur im Dreiteiler Fußball spielen. Im Allgemeinen gilt: Wenn Sie im S/M-Outfit mit Peitsche und Maske erscheinen, könnte es passieren, dass man Sie für einen Schlingel hält.
Wer einen Fehler auf diesem Bild findet, darf ihn behalten. (via zeit.de)

„Auf der Weihnachtsfeier sollten Sie keine Grüppchen bilden oder sich nur mit den altbekannten Kollegen umgeben. Es gehört sich vielmehr, sich mit allen mal zu unterhalten, auch mit dem Chef. Das gebietet die Höflichkeit und es zeugt außerdem von sozialer Kompetenz - was wiederum gut für die Karriere sein kann. Als Gesprächsthemen bieten sich etwa die Feier selbst, der Ort oder auch positive Neuigkeiten aus dem Unternehmen an.“
Anmerkung: Genau! Konspirative Zusammenrottungen sind der erste Schritt in die Revolution. Daher verhängt auch jeder Diktator, der seinen Job halbwegs kann, als erstes ein Versammlungsverbot. Übrigens kommt es auch nicht so gut an und könnte schädlich für die Karriere sein, wenn Sie dem Chef ausgerechnet auf der Weihnachtsfeier Ihre Pläne zur Erringung der Weltherrschaft innerhalb der nächsten zwölf Monate erklären.

„Was Alkohol auf der Weihnachtsfeier anbelangt, gelten strenge Regeln: Sie sollten nur ein, maximal zwei Gläser trinken. Denn wer zu viel erwischt, riskiert nicht nur peinliche Ausrutscher - er erweckt außerdem den Eindruck, dass er es sich gern auf Kosten der Firma gutgehen lässt.“
Anmerkung: Ist ja auch gar nicht gesund. Mein Arzt gestattet mir nur noch eine Dose Bier pro Tag. Hier komme ich gerade vom Einkaufen zurück:
















„Auf der Weihnachtsfeier mit jemandem anzubandeln, ist keine gute Idee. Die Kollegen werden mit wachsamen Augen jeden Annäherungsversuch verfolgen und Tratsch ist Ihnen sicher! Sollten Sie sich von jemandem bedrängt fühlen, binden Sie am besten einen neutralen Dritten ins Gespräch ein.“
Frage: Wo haben Menschen, die allen Ernstes so einen Rat brauchen, eigentlich vor ihrem Berufseinstieg gelebt? Am Südpol? Am Ballermann? Im Kloster? Auf der Isolierstation?

„Aufhören, wenn's am schönsten ist? Geht leider nicht. Auch wenn Sie nach Hause wollen, sollten Sie so lange bleiben bis der Chef aufbricht. Sonst gelten Sie schnell als Spielverderber. Nach dem Abgang des Vorgesetzten noch ewig weiterzufeiern, ist aber auch nicht gut. Denn wer als Letzter die Party verlässt, wird am nächsten Tag kaum fit und voll einsatzfähig im Büro stehen. Falls doch, sieht es so aus, als könnten Sie Ihre Beschwerden gut verbergen, weil Sie - noch schlimmer - derartige Ausschweifungen gewohnt sind.“ 
Anmerkung: In der Stellenanzeige damals stand wahrscheinlich irgendwas mit „Selbstverantwortlich“ und mit „Querdenkern, die ihren eigenen Kopf haben“. Oder so ähnlich.

„Ihr Chef hat Ihnen auf der Weihnachtsfeier das "Du" angeboten? Schön! Allerdings sollten Sie abwarten, ob das am nächsten Tag noch Bestand hat. Bis das eindeutig geklärt ist, sollten Sie eine direkte Ansprache Ihres Vorgesetzten vermeiden. Sollte er tatsächlich wieder zum "Sie" zurückkehren, nehmen Sie das einfach unkommentiert hin - und warten auf das nächste Fest.“
Wichtiger Hinweis: Achtung! Das letzte gilt nicht, wenn Sie eine attraktive Mitarbeiterin unter dreißig sind, große Brüste haben und auch ansonsten bereit sind, einen kleinen Beitrag für die Firma zu leisten, der über das Normalmaß hinausgeht.

Respekt, Frau Lüdemann! Abgesehen davon, dass Sie eigentlich nur noch den wichtigen Hinweis vergessen haben, dass es dunkel wird, wenn man nachts das Licht ausschaltet, hätte ich da noch zwei bis drei Fragen:

  • Wie täusche ich bei der gefürchteten launigen Ansprache des Chefs trotz bleierner Müdigkeit möglichst wirkungsvoll Aufmerksamkeit vor?
  • Wie finde ich am schnellsten den Weg zum Hintereingang meines Vorgesetzten und welches Gleitmittel empfehlen Sie?
  • Warum kommt eigentlich keiner auf die Idee, einfach Kopfschmerzen oder ein anderes Unwohlsein vorzutäuschen, wenn man absolut keinen Bock auf so eine Geisterbahn hat bzw. eine Ausrede sucht, um sich zeitig vom Acker machen zu können?


1 Kommentar :

  1. Oh Gott, da bin ich aber glücklich, dass ich bis jetzt bei allen Stellen, wo ich gearbeitet habe mit den Leuten halbwegs auf einer Wellenlänge war, so dass dieses peinliche Distanz-taxieren-Ettikette-Blabla sich eigentlich erübrigt hat, weil man einfach mit ein paar ganz sympathischen Leuten aus dem Arbeitsalltag noch den Abend verbringt. Puh.

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