Donnerstag, 15. Dezember 2011

Mein Wort des Jahres 2011


Eine schwere Prüfung der eigenen Langmut ist es zweifellos, laute, saufende Horden in öffentlichen Raum, in öffentlichen Verkehrsmitteln gar, ertragen zu müssen. Darüber ist hier vor nicht allzu langer Zeit bereits reflektiert worden. Die Frage ist in der Tat: Wie umgehen mit so was? Es gibt einige Möglichkeiten: Eine Idee wäre es, die Präsenz von Sicherheitspersonal zu erhöhen. Das kann schon Wunder bewirken. Obwohl ich, wie gesagt, von solch unzivilisiertem Benehmen selbst mächtig genervt bin, wäre die letzte Idee, auf die ich käme, ein totales Alkoholverbot in öffentlichen Verkehrsmitteln zu fordern. Viele Landsleute sehen das allerdings anders.

Die Gesellschaft für deutsche Sprache hat 'Wutbürger' zum Wort des Jahres 2010 gekürt. Für 2011 hätte ich da eine Idee: Verbotsbürger.

Das sind jene autoritären Kniepsäcke, die zwar stundenlang vom mediterranen laissez faire an ihren Urlaubsorten schwärmen, das in ihrer Nachbarschaft aber bitte nicht möchten und zum Ordnungsamt rennen. Für jedes Problem und für alles, das ihnen irgendwie auf die Nerven geht, haben sie grundsätzlich immer nur die eine Antwort parat. Und zwar die dümmste, verbiestertste und denkfaulste überhaupt: Verbieten! Komplett! Und zwar pronto! Zuletzt beklatschten die Verbotsbürger eifrig das totale Alkoholverbot in der Münchner S-Bahn und sahen sich durch die feuchtfröhliche Abschiedsparty in ihrem Triumph noch bestätigt.

Sicher gibt es Verbote und Vorschriften, die sinnvoll sind und die, trotz anfänglicher Widerstände, die Allgemeinheit weiter gebracht haben: Tempolimits, Airbags und Gurtpflicht im Auto kommen da in den Sinn. Oder Hygienevorschriften, die ebenfalls maßgeblich dazu beigetragen haben, unser aller Lebenserwartung zu erhöhen. Und obwohl selbst Raucher, habe ich gegen einige Rauchverbote nicht nur kein rationales Argument, sondern finde sie wirklich sinnvoll: Ich habe nie den leisesten Protest erhoben gegen rauchfreie Restaurants und gegen Rauchfreiheit für diejenigen öffentlichen Räume, bei denen niemand die freie Wahl hat, sie zu betreten oder nicht.

Es muss aber unterschieden werden zwischen Verboten bzw. Vorschriften, die zwar den Alltag ein wenig einschränken, dafür aber großen Nutzen für viele mit sich bringen und solchen, die nur dem subjektiven Besserfühlen einer lauten, penetranten und egozentrischen Minderheit dienen, die glaubt, dass wenn etwas für sie gut sei, sich gleich die ganze Welt nach ihrem Gusto zu benehmen habe. Und wenn gar nichts mehr hilft, dann geben sie vor, im Sinne des Kinderschutzes zu handeln. Klassisches Totschlagargument. Das geht immer.

Und so schlagen sie schon morgens die Zeitung auf oder durchforsten das Netz, auf der Suche nach einem neuen Hühnchen zum Rupfen. Na, was verbieten wir als nächstes? Mal sehen.

(minderheiten-quartett.de)
Ich habe beispielsweise etwas gegen Hundehalter, deren vierbeinige Lieblinge in der Öffentlichkeit alles dürfen: Vom auf den Bürgersteig Kacken bis zum Behelligen von Menschen, die dies nicht wünschen. Man verstehe mich nicht falsch: Ich habe kein prinzipielles Problem mit Hunden, im Gegenteil. Auch bin ich weder allergisch noch phobisch, aber ich finde, da muss doch mal was unternommen werden. Also am besten verbieten. Sofort! Nein, ich will Hundehaltung doch gar nicht abschaffen, man ist ja kein Unmensch. Nur raus aus den Innenstädten damit. Privat, auf ihrem Grund und Boden, können die Leute selbstverständlich tun, was sie möchten, so lange ihre Töle nicht wagt, nach 22 Uhr zu kläffen. Wir leben ja schließlich in einem freien Land. Für den nötigen Auslauf könnte man doch abgezäunte Freigelände außerhalb der Städte einrichten. Das wäre auch viel artgerechter. Eigentlich komme ich mir mit meinen Forderungen noch sehr großzügig vor. Denn seitdem mir letztens eine Broschüre die Augen geöffnet hat, wie voll gemein es ist, überhaupt Haustiere zu halten, fände ich ein totales Verbot jeglicher Tierhaltung schon irgendwie konsequenter.

Weiterhin habe ich ein Problem mit aufdringlichen Parfums. Am schlimmsten sind die vollsynthetischen Chemiecocktails, mit denen vor allem Heranwachsende sich großflächig einzuprötern pflegen. Unerträglich, im Zug oder im Flugzeug neben so einer wandelnden Stinkbombe sitzen zu müssen. Da solche Menschen erfahrungsgemäß nicht durch Argumente zur Vernunft zu bringen sind und sich vielmehr auf ihre persönliche Freiheit berufen, hilft auch hier auf Dauer wohl leider nur ein Verbot. Und zwar ein totales. Mit hohen Bußgeldern.

Dann wäre da noch eine gewisse Sorte Radfahrer, die ich nicht ausstehen kann: Es ist jene Sorte, deren Angehörige offenbar glauben, nur, weil sie sich ökologisch korrekt fortbewegten, seien Innenstädte ihre ganz persönlichen Spielplätze, auf denen sie grundsätzlich auf niemanden Rücksicht nehmen müssten. Sie beschimpfen Autofahrer, deren Weg sie schneiden und Fußgänger, die nichts weiter tun als den für sie vorgesehenen Fußgängerweg zu benutzen. Die Straßenverkehrsordnung finden sie irgendwie voll fascho und betrachten sie mehr als eine Sammlung unverbindlicher Vorschläge - nur was sie selbst angeht, versteht sich. Benutzer anderer Verkehrsmittel sollen gefälligst deren ganze Härte zu schmecken kriegen. Wer das nicht glaubt, dem sei hiermit ein Ausflug ins westfälische Münster empfohlen. Also, Radfahrverbot nach dreimaligem Verstoß! Es hilft ja nichts.

Bei alldem könnte man einwenden, die große Mehrheit der Hundehalter, Parfumbenutzer, Radfahrer etc. benähme sich doch korrekt und könne schließlich nichts dafür, dass ein paar wenige den Knall nicht gehört hätten. Die wären durch ein Verbot alle mitbestraft. Genau darum geht es: Die große Masse derjenigen, die in der S-Bahn friedlich ihr Feierabendbier trinken oder sich auf dem Weg zur Party oder ins Stadion ohne großes Gewese genüsslich 1-2 Gebinde einverleiben, ist ja auch nicht das Problem. Genau so wenig der Großteil der Hundebesitzer mit sozialisierten Vierbeinern und die Masse der Radfahrer, die sich vernünftig fortbewegt. Das Problem sind immer die paar Zivilisationsallergiker, die den Unterschied zwischen privat und öffentlich nicht kennen.

Wieso eigentlich sollen immer gleich alle büßen für das Fehlverhalten einer Minderheit? Nehmen wir den Flugverkehr: Weil eine Handvoll Durchgeknallter auf der Welt es für ein geeignetes Mittel der politischen Auseinandersetzung hält, Verkehrsflugzeuge in die Luft zu sprengen, müssen wir alle zwei Stunden früher am Flughafen sein, uns vor Interkontinentalflügen nackig machen und auch sonst allerlei Schikanen über uns ergehen lassen. Das alles nur, um in unserem zuweilen maßlosen Sicherheitsbedürfnis ein statistisch gesehen verschwindend geringes Risiko noch ein wenig kleiner zu machen. Das Risiko, dass in einem der zahllosen Container, die täglich umgeschlagen werden, ein Virus eingeschleppt wird, das eine tödliche Pandemie auslöst, dürfte, wenn schon nicht entschieden größer, dann aber auch nicht viel geringer sein als das, im Flieger eine Ladung Semtex an den Hintern gepappt zu bekommen.

Weil aber verbiesterte, unentspannte Ichwillaber-Spießer finden, es gäbe ein Menschenrecht darauf, in einer blitzblank gekehrwochten Modelleisenbahnwelt zu leben, krakeelen sie: „Verbieten! Verbieten! Bußgeld!“, wann immer ihnen ein Furz quer sitzt. Ein Höhepunkt solchen Gehabes war vor einigen Jahren in meiner örtlichen Lokalzeitung zu bewundern: Da hatte es ein Apotheker als erster in der Stadt gewagt, seinen Laden mit dem internationalen Apothekenzeichen zu verzieren. Das leuchtet nachts grün und blinkt. Wochenlang tobte eine Leserbriefschlacht über die Frage, ob so was nicht verboten gehöre. Schließlich leide schon die halbe Straße an chronischer Schlaflosigkeit. In einer Tour möchte man solchen Menschen zurufen: „Entspannt euch mal, haltet die Fresse, kauft euch blickdichte Rollos und kümmert euch ansonsten um wichtige Dinge! Und wenn's euch hier nicht passt, dann geht doch nach Indonesien.“

Wirklich fies an solchen Totalverboten ist ihre psychologische Dimension: Die sie andauernd erlassen und verhängen wollen, laufen meist mit einem schweren Erziehungsanspruch herum und scheinen alle erwachsenen Menschen grundsätzlich für Dreijährige zu halten, die ohne komplexes Regelwerk, ohne dauernde Bevormundung und Strafandrohung kein ordentliches Loch in den Schnee gepisst kriegen. Mich hat aber niemand zu erziehen. Wie wäre es statt dessen mit ein wenig Fingerspitzengefühl und Common Sense? Überall auf den Bahnhöfen und in Zügen patrouillieren mittlerweile Sicherheitsleute und Polizisten, die dafür ausgebildet sind, die Ordnung aufrecht zu erhalten. Warum nicht als ersten Schritt mehr Personal fordern, anstatt immer gleich das Kind mit dem Bade ausschütten? Mehr Personal würde es im Falle von Verboten sowieso geben müssen, denn irgendwer müsste sich schließlich um deren Einhaltung kümmern. Ist es zu viel verlangt, denen zuzutrauen, zwischen Leuten zu unterscheiden, die sich in der Öffentlichkeit zu benehmen wissen und jenen, die das nicht können?

Ein professionell arbeitender Sicherheitsdienst dürfte so was hinbekommen. Ein ausgewachsener deutscher Verbotsbürger dagegen nicht.



Kommentare :

  1. Unbedingt verboten gehört auch die Verwendung vermeidbarer Anglizismen. Statt Common Sense beispielsweise müsste es gesundes Volksempfin... ähm, gesunder Menschenverstand heißen. Vorschläge von Bloggern, die so verdenglischt schreiben, nehmen die Wort-des-Jahres-Kürer sicher gar nicht erst entgegen... Man sollte, wenn man schon dabei ist, gleich noch eine Sprachgebrauchsbehörde schaffen, die sowas zeitnah ahndet!

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    1. Hey, keep cool, bro'! Keine bad vibrations in da house...

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    2. Siehste, und schon haben wir eine zünftige Verbotsdiskussion am Laufen :)

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