Montag, 5. Dezember 2011

Sócrates (1954-2011)


Sport, vor allem Fußball, ist immer in Gefahr, politisch vereinnahmt zu werden. Regierende aller Art wissen, wie gut sich mit gelegentlichen Stadionbesuchen und dem gezielten Tragen von Fanschals bei Teilen der Öffentlichkeit punkten lässt. Die WM 2006 in Deutschland sollte eigentlich die ganz große Schröder-Show werden. Das hat ihm Angela Merkel weggeschnappt. Berüchtigt auch der holländische Nationaltrainer Rinus Michels, für den Begegnungen gegen Deutschland gelebte Rache für den zweiten Weltkrieg waren und der seine Spieler dementsprechend einschwor. Auch Diktaturen schmücken sich von jeher gern mit fußballerischen Erfolgen und Großereignissen: Traurige Berühmtheit erlangten zum Beispiel Erich Mielkes Stasi-Club BFC Dynamo, der ab 1979 wundersamerweise den DDR-Meistertitel abonniert zu haben schien oder die Fußball-WM 1978 in Argentinien, mit der sich die damals regierende Militärjunta ein besseres Image im Ausland verpassen wollte.

Und dann gab es noch die brasilianische Nationalmannschaft der Achtziger.

Fußballfans, die die Weltmeisterschaften 1982 und 1986 mitbekommen haben, können noch heute die Namen der legendären, von Tele Santana trainierten Seleção von damals zumindest teilweise auswendig: Peres – Oscar – Leandro – Luzinho – Júnior – Sócrates – Toninho Cerezo – Zico – Falcão – Serginho. 1986 kamen noch Edinho, Julio César da Silva, Careca und Branco dazu. Diese Zaubertruppe hat keinen Titel gewonnen, stand aber für eine Vision: Während man hierzulande stolz darauf war, dass Eisenfüße wie Hans-Peter Briegel, Uli Stielike und die Förster-Brüder jeden Gegner mit brutaler Gewalt vom Platz grätschten, wollten die Brasilianer mit Kollektivgeist, technischer Brillanz, Spielfreude, Eleganz und Spielkultur jeden Gegner vom Platz tanzen. Und Sócrates, manchmal ehrfürchtig Dr. Sócrates genannt, war ihr Kopf: Der studierte Kinderarzt und überzeugte Linke, geboren im armen Norden des Landes, verstand den brasilianischen Fußball jener Jahre als basisdemokratisch organisierten Gegenentwurf zum zunehmend durchkapitalisierten Millionengekicke in Europa und zu den militärisch auf Linie gebürsteten Vorzeigeclubs, die sich die Diktatoren Mittel- und Südamerikas jener Jahre hielten. Er, der lieber einen draufmachte als sich auf dem Trainingsplatz zu schinden und der immer ein wenig an Ché Guevara erinnerte, bildete mit Zico, Falcão und Cerezo das magische Viereck im Mittelfeld und sie wirbelten ihre Gegner reihenweise so durcheinander, dass sie in jedes Turnier als haushohe Favoriten gingen. Leider konnten sie dieser Rolle nie gerecht werden.

1982 schieden sie in ihrer einzigen Niederlage des Turniers gegen den späteren Weltmeister Italien aus. 1986 scheiterte man im Viertelfinale in einem der dramatischten WM-Spiele aller Zeiten an der gleichfalls legendären französischen Mannschaft um Michel Platini, Alain Giresse, Manuel Amoros, Jean Tigana und den Wundertorwart Joël Bats, dem keine lange Karriere beschieden war, der aber in diesem einen Spiel mehr unmögliche Bälle gehalten hat als andere Torhüter in ihrer ganzen aktiven Zeit. Die brasilianische Mannschaft der 1980er war die letzte, die für Europäer alle vier Jahre wie von einem anderen Stern eingeflogen zu kommen schien. Leider scheiterte sie mit ihrem Willen zur Schönheit an schnödem Kalkül und Taktik ihrer Gegner. Danach begann man in Brasilien, den eigenen Mythos zu vergolden und aus seinem Fußball ein international gefragtes Produkt zu machen. Ab etwa 1990 gingen die immer reicher werdenden europäischen Spitzenklubs in Brasilien auf Einkaufstour und verpflichteten ein junges Talent nach dem anderen. Inzwischen sind die Klubs voll mit Brasilianern und ihre Mitspieler kennen all ihre Tricks. Ein Länderspiel gegen Brasilien ist heutzutage kein Ereignis mehr, sondern eher ein alltägliches Treffen unter Kollegen.

Am Sonntag, dem 4. Dezember 2011, ist Sócrates, einer der letzten großen Romantiker des Fußballs, verstorben. Er hat sein Leben lang gewarnt, dass zu viel Geld das joga bonito, das schöne Spiel, letztlich zerstören würde. Niemanden, für den Fußball mehr ist als stupides Fan-Gegröle und um jeden Preis gewinnen müssen, kann sein Tod unberührt lassen.

Kommentare :

  1. Leider bin ich völliger Fussball-Ignorant, aber eines muss man den Brasilianern lassen, bei der Namensgebung ihrer Kinder sind sie nicht ohne! R.I.P. Sócrates.

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  2. Da muss ich etwas ergänzen: Die in der Tat wohlklingenden Namen brasilianischer Fußballer sind nur z.T. Taufnamen. Teilweise übernehmen sie Spitznamen, die sie als Kinder auf dem Platz bekommen haben. Prominentestes Beispiel ist Pelé.

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