Mittwoch, 7. Dezember 2011

SPON enthüllt: Hartz-IV-Muttis sind faul und überversorgt


Denjenigen, die wirklich geglaubt haben sollten, beim SPIEGEL begönne man langsam damit, sich ein wenig vom Kurs des neoliberalen Propagandaorgans wegzubewegen, sei dringend dieses kurze Hetzfilmchen aus dem Hause SPIEGEL online ans Herz gelegt.

Es werden sehr schön alle Stereotypen über Hartz-IV-Empfänger aufgewärmt: Kassieren ein Heidengeld für nix, sind zu faul, dem Kind ein Brot zum Frühstück zu schmieren und werden dann auch noch frech („Wieso sollte ich arbeiten gehen?“). Eine nette W*xvorlage für alle, denen es nie unsozial genug zugehen kann und sich dafür auch gern dreist ins Gesicht lügen lassen.

Mit tadelnd-empörtem Unterton wird vorgerechnet, wie die im Beitrag vorgestellte, allein erziehende Faulenzerin ohne jede Form von Erwerbsarbeit auf knapp 1.500 Schleifen pro Monat kommt und sich noch vom Staat eine Tagesmutter bezahlen lässt. Die Formel lautet: Regelsatz + Miete + Kindergeld + Unterhalt (durch das Jugendamt).

Das ist schlicht falsch. Kindergeld und Unterhalt werden meines Wissens nach voll auf das ALG II angerechnet und sind durch den Mehrbedarf für ein Kind abgedeckt. Die Tagesmutter dürfte nur dann bezuschusst werden, wenn im Einzelfall ein besonderer Bedarf ermittelt wurde, zum Beispiel, wenn ein ärztliches Attest oder ein psychologisches Gutachten vorliegt, das der Mutter bescheinigt, allein mit der Betreuung des Kindes überfordert zu sein. In diesem Fall ist zu bedenken, dass die Frau im Film gerade einmal 19 ist, ihren Sohn also noch als Minderjährige zur Welt gebracht hat. Das alles wird verschwiegen, sodass es aussieht, als ob das eine Regelleistung wäre.

Tatsächlich hat die alleinerziehende Mutter eines Dreijährigen Anspruch auf folgende Leistungen nach SGBII:

364,-- Regelsatz für eine erwachsene, alleinerziehende Person (bis 31.12.2011)
131,-- Mehrbedarf für ein Kind unter sechs Jahren (bis 31.12.2011)
444,-- maximale Warmmiete für eine angemessene Wohnung, macht zusammen:
939,--

Die einzige Abweichung nach oben ergibt sich, wenn nach Prüfung des Einzelfalls eine geringfügig teurere Wohnung genehmigt wird, also wenn die Kosten eines Umzugs in keinem Verhältnis zur erwartenden Mietersparnis stehen würden. Das gilt aber nur, solange die Mehrkosten 10 Prozent nicht übersteigen – und auch das kann von Kommune zu Kommune unterschiedlich gehandhabt werden.

Es kann natürlich sein, dass die gezeigte Dame die zusätzlichen Leistungen zu Unrecht erhält bzw. sich erschleicht. Sollte ihr das bewusst sein, dann wäre es schon ein Zeichen klinischer Dummheit, das auch noch öffentlich vorzurechnen. Denn die Jobcenter pflegen, zu viel gezahlte Leistungen wieder zurück zu fordern.

Weil die Informationen über die dramatisch höheren Leistungen aus dem Munde der Betroffenen selbst kommen, wirkt das Ganze natürlich viel echter und glaubwürdiger, als wenn sie lediglich per Off-Kommentar oder Grafik eingespielt würden. Der Verdacht liegt nahe, dass es sich um eine gestellte Szene handelt und dass die Dame vielleicht überhaupt keine Hartz-IV-Empfängerin ist, sondern sich einfach mit einem kleinen Laienspielauftritt etwas dazu verdient hat. In Zeiten von Scripted Reality ist so ziemlich alles denkbar.

Es ist die übliche Denunze von der sozialen Überversorgung, die dem Volk hier untergejubelt wird: So lange solche Leute derart fürstlich von Vater Staat durchgefüttert werden, haben diese Leute auch keine Motivation, sich einen Job zu suchen. Nicht, dass das noch irgendwie neu wäre, aber der Chronistenpflicht muss genüge getan werden, auch wenn es ermüdet.



Kommentare :

  1. Wen interessiert schon die Wahrheit, wenn die Unwahrheit zu mehr verkauften Zeitungen, oder zu mehr Clicks und höheren Werbeeinnahmen führt?

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  2. Hallo,
    danke für den gelungenen Beitrag. Ich sehe das auch so und habe heute einen ähnlichen Beitrag in meinem Blog.
    Gruß,
    Daniel

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  3. A propos soziale Überversorgung...
    364+131+444 ist nicht etwa 1023, sondern die Rechnung gipfelt in gerade mal 939 Euro.
    Grüße vom Besserwisser :-)

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  4. Ups, ich sollte Mathematik denen überlassen, die sich damit auskennen. Besten Dank für die Korrektur...

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  5. Will ja nicht beckmessern, aber da fehlt der Kinderregelsatz in Höhe von 215,-- €, in dem ist allerdings das Kindergeld in Höhe von 184,-- € schon enthalten. Heißt der Kleine erhält vom Amt lediglich eine Aufstockung des Kindergeldes in Höhe von 31,-- €. Wie es mit Unterhaltsverrechnung aussieht, kann ich so auf die Schnelle nicht sagen, denke aber, dass das gewöhnlicherweise mit verechnet wird.
    Darüberhinaus kann man von SpOn nichts anderes erwarten. Die tröten seit Jahren auf dieser Schiene. Ist ja noch die Frage, ob es sich hier nicht um "Scripted Reality" handelt, heißt geschauspielert.
    Zutrauen tue ich den Mainstream-Medien hierzulande mittlerweile alles.

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  6. Der Spiegel hat für mich als Informationsmedium schon vor Jahren ausgedient. Schade eigentlich! Was man übrigens auch nicht vergessen darf, ist, daß Hartz4-Empfänger je nach Stadt in der sie Wohnen unterschiedlich niedrig unterm "normalen" Lebensstandard auskommen müssen. Will heißen, wer in München wohnt, bei üblichen Mieten und Lebensmittelpreisen, muß dennoch mit der gleichen Summe auskommen wie jemand in Westberlin. Nicht, daß es dort ein Spaß wäre, aber nur mal als Vergleich.

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  7. Denunze - das Wort gefällt mir, ich werde es bei Gelegenheit stehlen ;)

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  8. Immer gern, habe ich kein Copyright. Ach, Mist, jetzt isses kein Stehlen mehr... ;-)

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