Freitag, 2. Dezember 2011

Und täglich grüßt das Witzetier


Es gibt gute Witze, es gibt schlechte Witze, es gibt geniale Witze, es gibt Witze, die sind so schlecht, dass sie schon wieder gut sind. Und es gibt jene äußerst unangenehme Sorte, die Wiglaf Droste 'Witze mit eingebauter Wiederholungstaste' nannte. Die werden von Menschen gerissen, die irgendwann einmal in ihrem Leben etwas aufgeschnappt haben, das sie wahnsinnig lustig gefunden und daraufhin beschlossen haben, dieses Scherzchen fest in ihren aktiven Wortschatz zu integrieren, um es von Stund' an bei jeder Gelegenheit rauszulassen.

Mein seliger Großvater zum Beispiel war ein stockkatholischer, kreuzbiederer Handwerker und von beinahe kindlicher Arglosigkeit gegenüber jedweden Anzüglichkeiten. Dieser brettsteife Westfale kannte nur einen einzigen Witz, den man mit aller Großzügigkeit und Milde als ansatzweise schlüpfrig bezeichnen konnte: Er pflegte immer auf Feiern zu vorgerückter Stunde einer entsprechend gekleideten Dame das Kompliment zu machen, ihr Kleid bzw. ihre Bluse habe aber schöne – Achtung, festhalten! – Bordellärmel. Und, um sich zu vergewissern, dass sein anspruchsvoller Wortwitz auch recht verstanden worden war, hakte er stets noch mindestens drei Mal nach: „Verstehst du? Bordellärmel! Hahaha! Bordellärmel!“ Gut, de mortuis nihil nisi bene ist ehernes Gesetz, aber so viel Offenheit muss sein. Ansonsten war mein Großvater ein prima Kerl und baute hervorragende Modellflugzeuge.

Sie sind überall: Menschen, die seit zwanzig Jahren mit eiserner Hartnäckigkeit „Zum Bleistift“ sagen oder „Okäse!“ und „Abfallsaft“. Gefolgt von siegesgewissem, erwartungsvollem Grinsen. Die sich gar nicht einkriegen können, wenn sie im Jahr 2011 ein Notebook aus Prinzip immer noch „Schlepptop“ nennen oder einen Computer „Plastikblödmann“. Oder wenn sie zu erwachsenen Menschen „Flotti Karotti!“ sagen, wahlweise auch: „Aber zettzett - ziemlisch zügisch! Hahaha!“. Wenn irgendwo vom Golfprofi Tiger Woods die Rede ist, dann weisen sie mit tödlicher Sicherheit darauf hin, dass der übrigens noch einen Bruder namens 'Shneedle' habe und hauen sich, die Lachtränen in den Augen, auf die Schenkel. Das macht es ihnen leider unmöglich, die gequälten, peinlich berührten Gesichter ihrer Mitmenschen wahrzunehmen. Denn körperliche Pein kann so was verursachen, sie merken's nur nicht.

Gemeingefährlich wird es, wenn solche zwanghaften Kasper in einer Position sind, die einen von ihrer Gunst abhängig sein lassen. Ich hatte einen Lehrer, der als ungekrönter König des Grottenwitzes in Endlosschleife gelten kann. „Herr Dingens, können wir bitte das Fenster zu machen? Hier zieht's.“ - „Dreh' dich doch um. Dann drückt's! Höhöhö!“. Nach dem dritten Mal haben wir aufgehört, mitzuzählen, wie oft er uns im Englischunterricht, gegen sein eigenes Gekicher ankämpfend, ausführlichst erklärte, wie der Brüller „God shave the Queen“ entstanden ist. Oder er gab sein Lieblingswortspiel zum Besten, nämlich dass die Stoßstange aller Laster Anfang sei. Immerhin half das erbärmliche Gewitzel, Neuzugänge in der Klasse zuverlässig einzuschätzen. Wer bei so was mehr als nur höflich lächelte und statt dessen laut auflachte, offenbarte echte Schleimerqualitäten und war sofort untendurch.

Was kapieren diese Menschen nicht? Dabei ist es doch einfach: Wirklich zeitlose Witze sind so rar und kostbar, dass man sie an einer Hand abzählen kann. Aber immer mag man selbst die nicht hören. Richtig gute Witze sind etwas Besonderes, das sparsam eingesetzt werden muss. Alle anderen haben eine kurze Halbwertszeit und man ist gut beraten, sie außerhalb alkoholisierter Runden nicht mehr als einmal zu bringen. Selbst da sollte man vorher höflicherweise wenigstens „Kennt ihr schon den mit... ?“ fragen. Was ist daran so schwer zu verstehen? Und wenn schon: Kommen diese Menschen sich nicht irgendwie komisch vor, wenn immer sie die einzigen sind, die über ihre Sprüche lachen? Man möchte ihnen jedes Mal ein Riesenschild vor die Nase halten, auf dem steht: "NICHT WITZIG!", um es ihnen danach um die Spaßbacken zu hauen. Oder sich demonstrativ diese Gehörschutzstöpsel vor die Trommelfelle stopfen, wie es unter anderem für Menschen Vorschrift ist, die hauptberuflich einen Presslufthammer bedienen müssen. Das würde dann auch sehr schön zur Qualität des Gebotenen passen.

So, jetzt gehe ich in die Fliesenabteilung. Und zwar dadurch, wo die Maurer damals das Loch in der Wand gelassen haben. Ich muss nämlich mal für kleine Königstiger. Hahaha! Haben das alle gecheckt? Fliesenabteilung! Huhuhu!


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