Sonntag, 4. Dezember 2011

Zur Verteidigung Jeremy Clarksons


"Speed has never killed anyone. Suddenly becoming stationary… that's what get's you." (Jeremy Clarkson)

Der britische Journalist und passionierte Unsympath Jeremy Clarkson ist hierzulande nur einer Minderheit bekannt. Er ist Moderator der bei uns auf dem Spartensender dmax ausgestrahlten BBC-Autosendung Top Gear. In Großbritannien dagegen ist er das, was man eine Ikone nennt: Neben Top Gear schreibt er regelmäßig Kolumnen für die Sunday Times, die regelmäßig in Buchform veröffentlicht werden. In zwanzig Jahren hat er es vom Provinzreporter zum Multimillonär gebracht. Allein die öffentlich-rechtliche, durch Gebühren finanzierte BBC überweist ihm über eine Million Pfund im Jahr. 

In Top Gear verfolgen Clarkson und seine Mitmoderatoren Richard Hammond und James May den Ansatz, sich in puncto Autos aufzuführen, als seien sie gestern 18 geworden und hätten gerade ihren Führerschein in die Hand gedrückt bekommen. Das ist manchmal etwas penetrant, in der Regel aber ein großer Spaß. Vorausgesetzt, man nimmt das Ganze nicht zu bierernst und lehnt Autos nicht grundsätzlich ab. Manchmal, das muss gesagt werden, übertreibt es diese Große-Jungs-Truppe und kippt ab in blanken Rassismus: Etwa, als sie Anfang des Jahres über mexikanische Autos und Mexikaner im Allgemeinen herzogen und May meinte, mexikanisches Essen erinnere an Erbrochenes mit Käse. Daraufhin stellte Komiker und Top-Gear-Fan Steve Coogan die berechtigte Frage, ob May sich wohl auch getraut hätte, in ähnlicher Weise über koscheres Essen zu reden.

mächtig verkatert: Jeremy Clarkson (Guardian)
Clarkson wurde am Dienstag in der Sendung The One Show nach seiner Meinung zum Streik im öffentlichen Dienst gefragt. Am Dienstag streikte in Großbritannien ein großer Teil der im öffentlichen Dienst Beschäftigten, um gegen die von der Regierung Cameron beschlossene Erhöhung der Rentenbeiträge zu protestieren, von denen, wie so oft, untere Einkommensgruppen überproportional betroffen sind. Er äußerte zunächst Verständnis für die Streikenden, fügte dann aber hinzu, um der von der BBC geforderten Ausgewogenheit willen, sei er der Ansicht, die gehörten alle erschossen, und zwar am besten vor den Augen ihrer Familien. Außerdem sei es lachhaft, dass diese Menschen solche fürstlichen Pensionen bekämen, während Leute, die für ihren Lebensunterhalt ernsthaft arbeiten müssten, sich selbst um ihre Altersvorsorge kümmern müssten.

Es folgte ein Sturm der Entrüstung: Die BBC bekam über 20.000 Mails, in denen seine Absetzung gefordert wurde. Die Vorsitzende der Gewerkschaft des öffentlichen Dienstes legte einen so weinerlichen Auftritt hin, dass man sie am Liebsten in den Arm nehmen und ihr ein Taschentuch hinhalten wollte. In diesem einen Fall ist es aber durchaus angebracht, darauf hinzuweisen, dass das fragliche Zitat aus dem Zusammenhang gerissen wurde:

  • "I think they (the strikes) have been fantastic. Absolutely. London today has just been empty. Everybody stayed at home, you can whizz about, restaurants are empty," he said.
  • "It's also like being back in the 70s. It makes me feel at home somehow," said the Top Gear presenter, before adding: "But we have to balance this though, because this is the BBC" and went on: "Frankly, I'd have them all shot. I would take them outside and execute them in front of their families. I mean, how dare they go on strike when they have these gilt-edged pensions that are going to be guaranteed while the rest of us have to work for a living?"
  • When the presenters pointed out that these were Clarkson's personal views, he said: "They're not. I've just given two views for you." (BBC)

Wenn das ein Scherz sein sollte, dann war er definitiv misslungen, mehr nicht. Ein Skandal ist was anderes. Zudem auch Clarkson klar gewesen sein musste, dass seine BBC-Tätigkeit auch eine Form des öffentlichen Dienstes ist.

Clarkson erinnert bei seinen verbalen Ausfällen oft an John Cleeses Figur Basil Fawlty: Er pflegt liebevoll seine Ressentiments, er keilt mächtig aus, um den Opfern seiner Verbalinjurien dann mangelnden Sinn für Humor vorzuwerfen. Es interessiert ihn einen Dreck, was andere denken und ätzt munter weiter. Manchmal scheint er sich selbst zu wundern, wie weit er es treiben kann. Er ist ein stockkonservativer Emporkömmling, mit Premierminister David Cameron befreundet und auch mit dem Murdoch-Clan vernetzt. Sein Gesicht erzählt mittlerweile von zahllosen durchzechten Nächten, was ihm ebenfalls herzlich egal ist. Abgesehen von passionierten Autofreaks, dürfte es kaum eine Bevölkerungsgruppe geben, die er noch nicht übel beleidigt hat. Eine kleine Auswahl:

  • Linksliberale Guardian-Leser, Umweltschützer und Leute, die glauben, der Klimawandel sei vom Menschen verursacht, sind ein Fall für die nächste Klapsmühle. 
  • Autos mit weniger als 300 PS sind nicht als solche ernst zu nehmen.
  • Mexikaner machen den ganzen Tag Pause und schlafen, an einen Kaktus gelehnt.
  • Frankreich ist ein tolles Land zum Urlaub machen und essen, wenn nur die schwulen Franzosen mit ihrer unverständlichen Sprache nicht wären. 
  • Amerikaner können keine Autos bauen, sind alle zu fett und darüber hinaus dumm wie 100 Meter Feldweg.
  • Tempolimits und Radarkontrollen sind diktatorische Maßnahmen, die nur die Freiheit der Autofahrer unnötig einengen.
  • Deutsche bauen zwar gute Autos, haben aber den zweiten Weltkrieg verloren, absolut keinen Sinn für Humor und sollten daher weiter Autos bauen, ansonsten aber möglichst die Klappe halten.
  • Das großartigste Land in Europa ist Griechenland, weil dort niemand irgendetwas auf Verkehrsregeln gibt.

Es gibt wohl kaum eine Frage, in der ich mit Clarkson einer Meinung bin - außer vielleicht, dass er in Bezug auf einen Teil meiner Landsleute nicht völlig unrecht hat. Sein Nachbar zu sein oder für ihn arbeiten zu müssen, dürfte alles in allem eine schwere Prüfung sein. Trotzdem möchte ich auf einen wie ihn nicht verzichten. Weil der Mann in guten Momenten wirklich zum Schreien komisch sein kann und außerdem die Fähigkeit zur Selbstironie hat. Die Hälfte seiner Kolumnen sind eine Beleidigung der Intelligenz, die andere ein echtes Vergnügen.

Man kann nicht einerseits bejammern, dass heutzutage in den Medien nur noch stromlinienförmige Jüngelchen ohne Ecken und Kanten ihr Wesen treiben und andererseits nach Entlassung schreien, wenn einer mal Ernst macht mit den Ecken und Kanten. Mit Jeremy Clarkson verhält es sich wie mit einem peinlichen Partygast: Er benimmt sich daneben, rülpst, erzählt dreckige Witze, patscht Frauen auf den Hintern, hält sich für unwiderstehlich und ist um zehn besoffen. Aber manchmal kann man nicht anders als lachen, obwohl man weiß, dass man das eigentlich nicht sollte, weil der Typ sich dann bestätigt fühlt.

Der Mann eckt an, keine Frage. Und er hat so viele leidenschaftliche Bewunderer wie er Feinde hat. Er ist zuweilen unausstehlich, aber eines ist er nicht: Langweilig. Allein dafür muss man ihn in diesen Spießerzeiten schon ein wenig lieb haben.



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