Montag, 16. Januar 2012

100 Jahre Titanic - Auftakt zum Jubiläumsjahr


Fast pünktlich zum 100. Jahrestag des Unterganges der Titanic am 15. April 2012, bei dem etwa 1.500 Menschen ums Leben gekommen sind, und ohne den Unternehmen wie National Geographic und History Channel ihren Sendebetrieb halbieren müssten, hat es am Wochenende, passenderweise war es ein Freitag, der 13., dank der Reederei Costa Crociere eine kleine Erinnerung daran gegeben, dass auch 100 Jahre später Schiffe durchaus noch sinken können. Dass bislang sechs Tote bestätigt wurden, ist schlimm. Gemessen an anderen Schiffsunglücken aber ist die Havarie der Costa Concordia – man muss es so nennen – vergleichsweise glimpflich abgegangen.

Damals (1912)...
Der Kreuzfahrtindustrie konnte kein Schiffsunglück der vergangenen Jahre etwas anhaben. Der Untergang der Andrea Doria ist lange her und die Tragödien der Herald Of Free Enterprise (1987) und der Estonia (1994) betrafen Fährschiffe. Der schlimmste Seeunfall der letzten Jahrzehnte, der Untergang der philippinischen Fähre Doña Paz, bei dem 1987 über 4.000 Menschen ihr Leben verloren, ist in unseren Breiten fast vergessen. An den schweren Lustkreuzern dieser Welt ist das alles vorbeigegangen. Zwar werden sie offiziell nicht als unsinkbar bezeichnet, wie weiland der transatlatische Dreiklassenpott, aber man tut gern so: Topmoderne Schiffe, jedes neue größer als der Vorgänger, vollgestopft mit Hightech. Die Brückenbesatzung in blütenweißen Uniformen versieht ihren Dienst in einer Art Rechenzentrum, das das Führen eines Schiffes wie ein Computerspiel aussehen lässt. Hier kann eigentlich nichts passieren, lautet die Botschaft. Zumindest, so lange der Kapitän sich nicht zu riskanten Manövern hinreißen lässt.

Kreuzfahrten waren ursprünglich vor allem ein Vergnügen für eine kleine, sehr zahlungskräftige Schicht von Müßiggängern, die zu viel Zeit hatten. Rentner, die gerade ihre Lebensversicherung ausgezahlt bekommen hatten, waren häufige Kunden. Das hat sich geändert. Mittlerweile teilen Kreuzfahrten das Schicksal vieler einstmals exklusiver Veranstaltungen. Sie sind zum Massenphänomen geworden. Für jeden Geschmack und jede Zielgruppe gibt es Spezialdampfer und die Reeder liefern sich einen wahnwitzigen Preiskampf. Immer mehr, immer größere und modernere Schiffe täuschen eine Sicherheit vor, die sich trotz aller Technik eben nicht immer gewährleisten lässt.

Das Problem: Eine bloße Kreuzfahrt ist eigentlich eine grottenlangweilige Veranstaltung. Wenn kein Landausflug ansteht, schippert man tagelang ziellos übers Meer. Weil diese Zeit gefüllt werden muss, sind moderne Kreuzfahrtschiffe hochgerüstete Anti-Langeweile-Maschinen, eine Mischung aus schwimmendem Hotel, Urlaubs-Resort, Einkaufszentrum und Amüsierviertel, in dessen Restaurants es fünfmal am Tag heißt: All You Can Eat! Hinzu kommen Bühnenshows, die jeden Ballungsraum dieser Welt neidisch werden lassen. Die Meyer Werft in Papenburg, wo man ursprünglich nur langweilige Gastanker zusammenschweißte, ist dadurch übrigens zum größten Theaterbauer Deutschlands geworden.

... und heute (2012) - via stern.de
Wenn touristische Angebote sich von der elitären Minderheitsveranstaltung zum Massenspektakel mausern, ist der Preis dafür immer hoch: Skigebiete zerstören die Ökosysteme ganzer Berglandschaften, Bettenburgen und Ballermänner verschandeln Strände und die immer größer werdenden Flotten der Billigflieger stellen jedes Jahr neue Rekorde beim Kerosinverbrauch auf. Der Mount Everest ist mittlerweile von Heerscharen trekkender Naturliebhaber so vollgemüllt, dass Freiwillige und Sherpas mehrmals im Jahr zum Aufräumen antreten müssen. Wer Urlaub macht, möchte offenbar zwei Wochen nicht an die Umwelt denken müssen. Die havarierte Costa Concordia, deren Abmessungen fast an die moderner Flugzeugträger heranreicht, hatte insgesamt 4.200 Menschen an Bord und verbrauchte Strom wie eine Kleinstadt von 20.000 Einwohnern. Der musste irgendwo herkommen. Die meisten Schiffsdiesel laufen heutzutage nicht, wie der Name vermuten lässt, mit Diesel, sondern mit Schweröl. Eigentlich ein Abfallprodukt aus den Raffinerien, verseucht dieses Dreckszeug, das die stetig wachsende Armada der Tanker, Container- und Kreuzfahrtschiffe antreibt, immer mehr die Meere. Natürlich, wird immer betont, werde der anfallende Müll an Bord verdichtet und dann an Land ordnungsgemäß entsorgt. Wollen wir das mal glauben. Die gnädige See deckt alles zu, pflegen alte Fahrensleute immer zu sagen.

Auf modernen Passagierschiffen herrscht zudem Globalisierung in ihrer reinsten Form. Zwar pfercht man heute keine armen Auswanderer mehr ins Zwischendeck, aber die Arbeit, die den zumeist aus Ostasien stammenden Arbeitern in den Bäuchen dieser Riesenpötte zugemutet wird, erinnert an Zustände wie zu Zeiten der industriellen Revolution: Eng, heiß, stickig, ohne Tageslicht, kaum Freizeit, keine Privatsphäre und bei einfachen Tätigkeiten miserabel bezahlt. Anders sind die Schnäppchenpreise vieler Reedereien kaum zu machen.

Michael Moore schilderte einmal, wie er bei einem Billigflug neben einem Piloten der Fluggesellschaft saß, der nach Hause flog. Der erzählte ihm, dass die meisten Flugkapitäne bei amerikanischen Billigfliegern so wenig verdienten, dass sie Anrecht auf Lebensmittelgutscheine hätten. Moore meinte daraufhin, es sei ein beunruhigender Gedanke, in 10.000 Metern Höhe von jemandem geflogen zu werden, der sich den Kopf darüber zerbrechen müsse, wie er seine Miete bezahlen soll. Auf jeder Kreuzfahrt vertrauen Tausende von Passagieren ihr Leben Leuten an, die mit Billigstlöhnen abgespeist werden. Könnte man ihnen es wirklich verdenken, wenn sie im Zweifelsfall nicht sonderlich scharf darauf sind, notfalls ihr Leben zu riskieren für Schiff und Passagiere, wenn es zum Äußersten kommt?

Ralf Classen meinte im stern, es grenze, bei aller Trauer um die Toten der Costa Concordia, an ein Wunder, dass es angesichts der Zustände an Bord noch so glimpflich abgegangen sei. Die 3.200 Passagiere irrten im Dunkeln im Sprachgewirr des überforderten Personals durch das  Schiff, das immer mehr Schlagseite bekam. Rettungsübungen hatte es noch nicht gegeben, denn die standen erst für den nächsten Tag auf dem Programm. Warum nicht schon beim Ablegen?

Mit dem Urlaub ist es wie mit Bio-Lebensmitteln: Merkt man Kritisches an über die industrielle Nahrungsmittelproduktion oder die Folgen des Massentourismus, landet man schnell in der Spaßbremsenecke, wo moralinsaure Besserwisser hart arbeitenden Leuten ihre wohl verdiente Erholung und ihr Hähnchenbrustfilet für 4 Euro das Pfund missgönnen. Es geht aber nicht darum, irgendjemandem irgendetwas auszureden. Es geht nur um die simple Tatsache, dass zwangsläufig Qualität, Sicherheit und meist auch die Ökobilanz leiden, wenn etwas zu billig wird und man nicht über die Folgen jammern sollte, wenn etwas passiert. Egal, ob bei Antibiotika im Supermarktfleisch oder bei Billigkreuzfahrten.



1 Kommentar :

  1. Als ich davon hörte, sagte ich nur zynisch: die Katastrophe zum Fest...

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