Freitag, 13. Januar 2012

Die Lüge vom Sauberen Krieg


"Dabei wissen wir doch: / Auch der Haß gegen die Niedrigkeit / verzerrt die Züge." (Bertolt Brecht)
Könnten wir bitte damit aufhören, uns Illusionen zu machen? Illusionen darüber, dass der Krieg, den wir, der Westen, am Hindukusch führen, irgendwie sauberer oder weniger grausam und brutal ist als alle Kriege bisher? Könnten wir bitte auch aufhören, uns Illusionen darüber zu machen, dass im Krieg, und zwar immer und überall, Menschen verrohen? Könnten wir bitte endlich damit aufhören, uns Illusionen zu machen, dass der Krieg, und zwar immer und überall, Menschen dazu bringt, Dinge zu tun, die sie unter normalen Umständen niemals tun würden?

Die Bilder der auf Leichen von Talibankämpfern urinierenden US-Marines sind ohne Frage widerlich, aber in Maßstäben des Krieges nichts völlig Ungewöhnliches. Man kann es sich einfach machen und sagen, Soldaten würden für das Töten ausgebildet. Das stimmt aber nur zum Teil. Vor allem werden Soldaten dafür trainiert, in Situationen, in denen die meisten anderen den Verstand verlieren würden, einen klaren Kopf zu behalten und das zu tun, was ihnen aufgetragen ist, gleich, ob es Tote dabei gibt oder nicht. So etwas bleibt selten ganz ohne Folgen.

Steve Bell via The Guardian
Wer als Soldat in den Krieg zieht, tut dies zunächst möglicherweise sogar mit guten Absichten. Vielleicht ist auch nur eine aufgeputschte Minderheit wirklich aufs Töten aus. Aber je länger ein Krieg dauert, desto mehr leben Soldaten in einer Parallelgesellschaft, in der ein menschliches Leben einen anderen Wert hat als in unserer Welt der Zivilisten. Das ist nicht brutal, sondern eine Reaktion von Menschen, die in einer dauernden Extremsituation leben müssen. Anders ließe sich die permanente Todesgefahr wohl kaum ertragen.

Marines werden nicht Elitesoldaten genannt, weil sie bessere Menschen sind, sondern weil sie ausgebildet sind für besonders riskante und schwierige Einsätze. Man ist beim Marine Corps stolz darauf, immer dort, wo es brenzlig wird, als erstes vor Ort zu sein. Wenn sich ein paar dieser hochgezüchteten Extremkämpfer, die tage-, vielleicht wochenlang den Tod vor Augen und mehr Adrenalin und Testosteron als Blut in den Adern hatten, zu einer solchen extremen Reaktion hinreißen lassen, dann wahrscheinlich deshalb, weil sich ihr überstrapaziertes Nervenkostüm irgendwie schadlos hält. Das soll die Vorgänge nicht entschuldigen oder verharmlosen, mag sie aber erklären. Wirklich schuld sind die, die Soldaten in den Krieg schicken, ohne sich im Klaren zu sein, was das bedeuten kann.

Man hatte versucht, uns an saubere Kriege zu gewöhnen. Der zweite Golfkrieg 1990/91 war ein Wendejahr für die moderne Kriegführung. Die USA, nach dem Vietnamkrieg vorsichtig geworden mit militärischen Aktionen größeren Maßstabes, führten eine internationale Koalition gegen Saddam Hussein. Weil man aus Erfahrung wusste, wie empfindlich die Bevölkerung in der Heimat reagieren konnte und wie schädlich sich das auf die Moral der Truppe auswirken konnte, hatte man Vorkehrungen getroffen.

Alles sollte anders sein diesmal. Bombenangriffe sollten mit chirurgischer Präzision durchgeführt werden, hieß es. So genannte Kollateralschäden würdeb auf ein Minimum begrenzt. Die unscharfen Videospielbilder von einschlagenden Bomben und Raketen sollten die Illusion nähren, das sei alles eine ganz prima Sache sei, meilenweilt entfernt von jenen Massakern, die Krieg führende von jeher in ein schlechtes Licht zu rücken drohten. Man inszenierte den Krieg als telegenes Spektakel, bei dem kein Zivilist in Gefahr geraten konnte, bei den Fernsehnachrichten sein Abendessen nicht herunterzubekommen. Dass auch mit chirurgischer Präzision abgeworfene Bomben Menschen zerfetzten, verstümmelten und die Davongekommenen traumatisierten, wurde weitgehend ausgeblendet und in einem geschickt entfachten Rausch aus Hurrapatriotismus erstickt.

Schon damals, 1991, sagte einer unserer Professoren, wenn wir wirklich etwas über den Krieg erfahren wollten, dann sollten wir uns 'Apocalypse Now' ansehen, aber nicht die Nachrichten.

Das Motto der NATO-Truppen, die 1999 in den Kosovo-Krieg eingriffen, lautete: Bloß nicht die Finger schmutzig machen. Am besten alles aus der Luft und aus großer Höhe von so genannten intelligenten Waffen erledigen lassen. Jeden Tag stand der freundlich-sachliche NATO-Sprecher Jamie Shea, ein Zivilist, den internationalen Journalisten Rede und Antwort und erklärte ihnen, welche Ziele zerstört worden waren und wie umsichtig man dabei vorgegangen sei.

Im dritten Golfkrieg 2003 schließlich gab es noch mehr Action: Handverlesene Reporter wurden embedded journalists genannt und durften die Geschehnisse hautnah vor Ort filmen, wobei die Armeeführung bei der Auswahl peinlich darauf achtete, dass die von ihr ausgewählten Bilder das Vorgehen der 'Koalition der Willigen' (welch eine Formulierung, immer noch!) nur im besten Lichte erscheinen ließ. Alle diese Maßnahmen waren Vernebelungsstrategien und haben am Krieg nicht das Geringste geändert. Sie haben ihn nur anders verkauft, sonst nichts. Das, was der Welt wirklich erzählte, was los war, kam von Amateuren und war auf YouTube zu sehen.

Der Bombenangriff auf die Tanklastzüge bei Kunduz im September 2009, bei dem zirka 142 Menschen ihr Leben verloren, hat auch die Lebenslüge der Bundeswehr beendet, eine irgendwie sauberere Armee zu sein. Eine Art THW im Tarnanzug, das Schulen baut und nebenbei noch ein wenig für Ruhe und Ordnung sorgt. Es mag ja sein, dass es der inständige Wunsch der Befehlshaber und Soldaten ist, dass das so sei. Es mag auch sein, dass das der Wunsch all derer ist, die in Deutschland die Kriegseinsätze der Bundeswehr befürworten. Aber Krieg ist Krieg, war immer Krieg und wird immer Krieg sein, da hilft kein Wünschen. Und niemand, der ihn führt, darf jemals erwarten, mit sauberen Händen wieder herauszukommen.

Im Hinblick auf die ihn führenden und ihm ausgelieferten Menschen entwickelt Krieg eine Eigendynamik, die stärker ist als der Wille aller Beteiligten zusammen. Wer Krieg als Mittel der Politik akzeptiert muss auch das akzeptieren und darf nicht den Empörten geben, wenn es dann auch zugeht wie im Krieg. Wer das tut, offenbart damit, dem Marketing der modernen Kriegs-PR auf den Leim gegangen zu sein. Man kann auch keinen netten Krieg führen, nur Krieg. Und er wird in seinen Auswirkungen auf die Psyche der Beteiligten nicht harmloser oder besser, auch nicht weniger schlimm, wenn man ihn mit besten Absichten führt. Wer das nicht aushält, darf keinen Krieg führen und muss, egal ob als Politiker, Journalist oder als Stammtischbruder aufhören, der Bevölkerung Kriegseinsätze schmackhaft machen zu wollen. So einfach ist es manchmal und so grausam.

Könnten wir also bitte aufhören, uns Illusionen zu machen?



Kommentare :

  1. Ein etwas makabres Kompliment, wenn man das Thema berücksichigt ;-) Trotzdem danke.

    AntwortenLöschen