Dienstag, 3. Januar 2012

Dinge, die ich nicht verstehe. Heute: Mode


Die Behauptung, es sei einem völlig egal, wie man so herumlaufe, ist in den meisten Fällen ein wenig verlogen. Ein spottbillig zu habendes Pauschalstatement, mit dem die, die es rauslassen, eine gewisse Unangepasstheit signalisieren wollen. Zu meinen, Unangepasstheit, ließe sich per Kleidung ausdrücken, heißt jedoch nichts anderes, als Kleidung schon zu viel an Bedeutung beizumessen.

Nein, mir ist es keineswegs völlig egal, wie ich herumlaufe. Was ich trage, muss passen, darf nicht beschädigt sein, muss bequem sein, mir gefallen und sollte mich insgesamt nicht wie einen Vollhorst aussehen lassen. Stimmt dann noch das Verhältnis zwischen Verarbeitung und Preis, bin ich's zufrieden. Zu diesem Zweck habe ich seit etlichen Jahren für diverse Kleidungsstücke jeweils eigene Geschäfte. Dort weiß ich, was mir passt und ich weiß, dass dort einigermaßen zeitlose Ware angeboten wird, die länger als ein knappes Jahr hält. Auch so lässt sich Geld sparen. Für Oberhemden habe ich Geschäft A, für Jeans Geschäft B und für das meiste andere Geschäft C. Das reduziert die Dauer der Besuche dort auf ein notwendiges Minimum. Alles andere, zum Beispiel die Vorstellung, ganze Tage mit dem lustvollen Stöbern nach Klamotten zu verbringen, ist mir in etwa so fremd wie die, meiner Umwelt über meine Aufmachung irgendetwas über mich mitteilen zu müssen.

Ich verstehe ja, dass es Menschen gibt, die mehr Spaß daran haben als ich, sich schick zu kleiden, sich vielleicht gar ein wenig herauszuputzen. Das mag daran liegen, dass diese Menschen im Gegensatz zu mir nicht die Figur eines Boxsacks haben. Wir haben alle unsere Spleens und ich bin auch kein Konsumgegner: Normalerweise ist es gesünder für meinen Kontostand, wenn ich Geschäften nicht zu nahe komme, die – ganz altmodisch – eine interessante Auswahl an CDs, DVDs und/oder Büchern führen, gern auch antiquarisch. Ich kann eine gewisse Lust am Stöbern also schon nachvollziehen. Nicht nachvollziehen dagegen kann ich es, wenn solche und andere netten Nebensachen des Lebens zu einem ausgewachsenen Lebensinhalt aufgeblasen werden.

Ein Bekannter von mir, ein arger Modemuffel, war vor Jahren einmal kurz mit einer Frau zusammen, die an einem schweren Jeanstick trug. Obwohl nicht gerade üppig verdienend, liebte sie nichts so sehr, wie fast jede Woche nach stundenlanger Suche ein neues Modell anzuschleppen. Das führte sie ihm dann zu Hause immer gleich vor und platzte vor Stolz dabei. Der Mann sagte später, er habe sich, verliebt wie er war, immer redlich Mühe gegeben, zu erkennen, was dieses Modell nun wieder so besonders mache, habe aber beim besten Willen keine großen Unterschiede feststellen können. Wie zu erwarten war, ist diese Beziehung bald in die Brüche gegangen. Natürlich, weil sie ihre herausragenden Leistungen an der Shopping-Front nicht gebührend durch ihn gewürdigt sah. Im Nachhinein betrachtet, wird es wohl das Beste gewesen sein.

Ich verstehe so was nicht. Das ganze Prinzip nicht. Wer erteilt da die Befehle, was gefälligst zu kaufen ist? Gibt es vielleicht eine Geheimorganisation, die ein bis zwei Mal im Jahr eine Art geheime Deppenfibel herausgibt, der die Marionetten dieser Welt dann entnehmen, was sie gehorsamst anzuziehen, zu essen, zu lesen, zu hören, zu lesen und welche Cocktails sie in welchen Locations zu süffeln haben? Überhaupt: Wenn es bei Mode darum geht, sich von der Masse abzuheben, seine Persönlichkeit zu unterstreichen, wie es so oft heißt, warum stellen sich dann alle wie die Schafe beim Scheren in die Schlange, um mit aller Gewalt als erster oder erste den Fuß in den neu eröffneten, überteuerten Flagship Store irgendeiner Chichi-Vertickerkette zu setzen?

Das ganze Modegetue scheint mir nichts weiter zu sein als ein praktisches und nicht allzu kompliziertes System optischer Zeichen. Das ermöglicht es Menschen ohne Persönlichkeit, die mit der Lektüre von etwas Komplexerem als bunten Hochglanzheftchen intellektuell überfordert sind, andere in Schubladen zu stecken, ohne ihnen auch nur eine Sekunde lang zuhören oder sich sonst wie mit ihnen befassen zu müssen. Das ist mir klar geworden, als ich vor Jahren einmal fünf Minuten der Sendung 'Das Model und der Freak' ertragen habe: Als der freundliche, etwas schluffige, aber eben nicht supertopschick gekleidete und aufgemachte Kandidat meinte, er schaue sich gern einmal eine Kunstausstellung oder ein historisches Museum an, verdrehten die beiden kreuzblöden, aber total modebewussten Schnatzen, die einen besseren Menschen aus ihm machen sollten, die Augen und meinten: „Geht ja gaaar nicht!“. Klar, man könnte ernsthaft in Gefahr geraten, seinen Horizont zu erweitern.

Was Leute, die sich allzu exzessiv mit Modekram befassen von denen unterscheidet, die irgend einen anderen Tick pflegen, ist, dass sie dazu neigen, ihre Mitmenschen irgendwann nur noch in Kategorien von Aussehen und Klamotten zu beurteilen. Und wie gruselig es zuweilen werden kann, wenn jemand, der hauptberuflich mit Mode zu tun hat, zum Laptop schreitet oder auch nur den Mund aufmacht, ließ sich letztens der ZEIT entnehmen. Da waren, mitten im Zwischenjahresloch, unter der Überschrift 'Dinner For One' fünf Äußerungen von Menschen zu lesen zu der Frage, wo sie gern ohne Begleitung essen gehen würden.

Der Berliner Modedesigner Michael Michalsky schießt dann gleich im ersten Beitrag den Vogel restlos ab. Seine Schilderung eines Besuches in seinem Lieblingsrestaurant liest man mit einer Mischung aus Entsetzen, Unverständnis und Gleichkotzenmüssen. Der Typ benimmt sich im Restaurant nicht wie ein Gast, sondern wie Graf Koks, nach dessen Pfeife gefälligst alles zu tanzen hat: Seine Restaurants wählt er aus nach der Dichte der Großkopferten, die außer ihm dort verkehren Er selbst legt aber Wert darauf, nach dem Sport auch im Jogginganzug erscheinen zu können. Wenn er nicht an seinem Lieblingstisch von seinem Lieblingskellner bedient wird und man auch noch von ihm verlangt, seinen Kaviar ohne Blinis herunterzuwürgen, dann kommandiert er den Chef persönlich per iPhone entsprechend herum. Und das georderte Steak Tartare hat gefälligst am Tisch nach seinen Anweisungen zubereitet zu werden. Ja, ich weiß, vielleicht isst er's einfach nur gern, lass' ihn doch und so what. Es ist nur so, dass solch ostentativ vorgetragene Vorliebe für klassisches Angeberfutter in diesen Strudel aus Sichdicketun und Oberflächlichkeit hineinpasst wie die Cocktailkirsche auf das Sahnehäubchen. Überflüssig zu sagen, dass diesem Möchtegern über den Chef („der Roland“) seiner bevorzugten Arschkriecherbutze  als einziges einfällt, wie dolle der doch immer gekleidet ist.

Tröstlicherweise scheint es auch in der gehobenen Kategorie durchaus noch Häuser zu geben, in denen man Service nicht verwechselt mit Unterwürfigkeit und Befehle befolgen. Dort würde der Kellner einem Gast, der sich benähme wie der herrenmenschelnde Putzmacher, einmal gepflegt auf den Hauptgang göbeln und der Küchenchef würde ihn höflichst auffordern, sich in allernächster Zukunft gütigst dorthin zu verpfeifen, wo nur noch der heiße Atem der Kosaken ihn wärmen würde. Ach, und dieses Essen hier ginge aufs Haus.

Nun kann man Michalskys einseitige Fixierung auf Äußerlichkeiten ja noch begreifen als eine Art déformation professionnelle. Er scheint bestens zu verdienen mit seinem Gehabe und sieht daher keinen Grund, das infrage zu stellen. Unverständlich bleibt mir aber, warum Menschen sich ruinieren und verschulden, nur um Trends hinterher jagen zu können, die ein paar Monate später bereits wieder out sind. Es bleibt ja nicht bei Kleidung. Wer einmal erlebt hat, wie jemand eine hervorragende, geschmackvoll zusammen gestellte Wohnungseinrichtung nach gerade mal fünf Jahren dem Sperrmüll überantwortet mit der Begründung, das ginge in diesem Jahr wohl gar nicht mehr, versteht, wovon die Rede ist.

Offenbar leben wir in Zeiten, in denen längst nicht mehr als gebildet und kultiviert gilt, der einen eigenen Standpunkt, ein Wertesystem, einen eigenständigen Geschmack entwickelt hat, sondern nur noch, wer immer brav das befolgt, was eine milliardenschwere Industrie befiehlt. Wenn solche Typen dann ihre Konten geplündert und jede Menge kostbare Lebenszeit mit Shopping vergeudet haben, dann scheint ihnen die Sonne aus dem Hintern, die Selbstzweifel sind weg und sie können wieder verächtlich auf Leute herabschauen, die weniger up to date sind als sie. So lange, bis die nächste Kollektion auf den Markt kommt, versteht sich.

Übrigens: Frohes Neues und alles Gute für 2012!


1 Kommentar :

  1. Das ganze Modegetue scheint mir nichts weiter zu sein als ein praktisches, nicht allzu kompliziertes System optischer Zeichen. Das ermöglicht es Menschen ohne Persönlichkeit, die mit der Lektüre von etwas Komplexerem als bunten Hochglanzheftchen intellektuell überfordert sind, andere in Schubladen zu stecken, ohne ihnen eine Sekunde lang zuhören oder sich sonst wie mit ihnen befassen zu müssen.

    Schön formuliert! Genau so ist es. Wir leben in einer sehr oberflächlichen, sexualisierten, visuell orientierten, Entertainment-Gesellschaft, in der Haben eben mehr ist als Sein.

    Wer sich zuviel seinem Sein, d.h. Büchern, Werten, Bildung, Kultur, Philosophie usw. hingibt, Materialismus, Konsum und Haben-Denken vernachlässigt - darf sich wahlweise eine dieser Beschimpfungen aussuchen:

    Spinner, Träumer, Klugscheißer, Besserwisser, Labertasche, Weltfremder, Langweiler, Taugenichts, Hängengebliebener, Möchtegern usw.

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