Mittwoch, 11. Januar 2012

Pressefreiheit, die sie meinen


Im Zusammenhang mit der Causa Wulff waren in den letzten Wochen in der Online-Ausgabe von 'Cicero' zwei Artikel zu lesen, die sich kritisch mit der Rolle auseinandersetzen, die digitale Medien - vor allem Blogs - bei der Sache gespielt haben. Diese beiden Perlen der zeitgenössischen Essayistik sollten wegen ihrer dezidierten Einseitigkeit, die nur Absicht sein kann, und ihrer ausgemachten Demagogie unbedingt ausführlicher zitiert werden:
„[…] Doch die zweite Blogger-Welt des Internets ist – cum grano salis – keiner ethischen, politischen oder auch nur halbwegs journalistischen Kontrolle unterstellt. Man kann es auch anders deuten: Der berühmte „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ beschert nicht nur den Parteien ein neues Kommunikations-Milieu, das schwer zu ignorieren ist. Oft genug gehen im diesem Milieu anonyme Verantwortungslosigkeit Hand in Hand mit einer denunziatorischen Ruchlosigkeit, die den Kinderjahren der Massenpresse vor mehr als einem Jahrhundert entspricht und dem die Parteien und ihre Repräsentanten wehrlos gegenüberstehen. […]“ Michael Naumann in: Cicero, 2.1.2012

„[…] Sieht man von einigen wenigen Grenzübertretungen ab, dann haben sich die traditionellen Medien in der Berichterstattung der letzten Tage über Christian Wulff, seinen Privatkredit und Urlaubsreisen im Großen und Ganzen an die journalistischen Regeln, die für eine demokratische Gesellschaft existenziell sind, gehalten.
Nur im Internet scheinen diese Regeln nicht zu gelten. Dort kursieren über Christian Wulff und seine Freunde, sein Privatvermögen und über sein Privatleben die wildesten Gerüchte und Viertelwahrheiten. Nichts ist bewiesen, manches erstunken und erlogen. Einige anonyme Blogger [sic!] kennen dabei kein Tabu mehr, für sie scheinen weder die Regeln des Anstands noch das Presserecht zu gelten. Es gibt für die Betroffenen kaum Möglichkeiten, dagegen juristisch vorzugehen – und keinen Presserat, der mahnend seine Finger heben könnte. Der Bundespräsident steht dem völlig hilflos gegenüber.
Schleichend breitet sich das Gift der üblen Nachrede in der digitalen Welt aus. Irgendwann werden auch die traditionellen Medien sich diesem Gift nicht länger entziehen können. Und sei es, dass die Bild-Zeitung sich schließlich voller Verlogenheit über die „üblen Gerüchte im Internet“ empört. Man muss nicht prüde sein, um festzustellen, dass sich das Internet zur Gosse entwickelt hat. […]“ Christoph Seils in: Cicero, 23.12.2011
Die uninformierte Hochmut, in der hier zwei Vertreter der etablierten Medien „dem Internet“ pauschal jegliche Relevanz absprechen und sich dabei gleichzeitig mächtig selbst beweihräuchern, ist entweder ein Zeichen klinischer Dummheit oder es handelt sich um gezielte Propaganda. In jedem Fall ist es eine Frechheit. Die deutschsprachige Bloggosphäre geschlossen als Gosse zu bezeichnen, in der journalistische Laien und Krawallmacher unter dem angeblichen Deckmantel der Anonymität ihr denuziatorisches Süppchen aus Schweinereien köcheln, ist in etwa so differenziert, als würde man ein selbst ernanntes Dickdenkerblättchen wie 'Cicero' (für das immerhin Geistesgrößen wie Arnulf Baring kolumnieren) auf eine Stufe mit 'Das Neue' stellen, weil ja beides irgendwie Printmedien und damit ein und dasselbe sind.

Nicht einmal die Frage taucht auf, inwieweit die Möglichkeiten, die Blogs und soziale Netze bieten, eine Rolle im so genannten 'Arabischen Frühling' gespielt haben. Oder ob Wiki-Plattformen, die die schnelle Enttarnung in Teilen plagiierter Doktorarbeiten erst ermöglicht haben, hilfreich waren, die bürgerlichen Werte gerade jener Bildungsbürger zu verteidigen, die der 'Cicero'-Hetze vielleicht sogar applaudieren. Indignierte Schöngeister wie Naumann und Seils sehen das alles nicht, sondern offenbar nur Tauschbörsen und Kinderpornos. Aber: Sind es nicht die kapitalistischer Verwertungslogik unterliegenden, kommerziellen Print- und Online-Medien, die lange vor dem Auftauchen des Internet nach und nach Tabu- und Schamgrenzen überschritten und Recherchestandards unterschritten haben, um die geschmackloseste Knallerstory schneller und auflagewirksamer bringen zu können als die Konkurrenz? Wo, wenn nicht in den angeblich so anständigen und wirkungsvoll kontrollierten Printmedien, hat der absurde Wettlauf um das indezenteste Paparazzofoto denn ursprünglich angefangen?

Die wenig originelle Feststellung, dass via Internet eine Menge Müll verbreitet wird, macht klassische Print-, Radio- und Fernsehjournalisten damit weder unfehlbar noch automatisch zu Hütern des guten Geschmacks. Wer sich die Mühe macht, sich mit Verstand diverse Titelblätter in einer durchschnittlichen Zeitschriftenhandlung anzusehen, weiß, was gemeint ist. Dankenswerterweise beginnt man seit gut einer Woche endlich nach der Rolle zu fragen, die BILD und WELT in der Sache gespielt haben. Apropos: Welcher ethischen, politischen und halbwegs journalistischen Kontrolle, die Naumann für sein Metier in Anspruch nimmt, unterliegt eigentlich der Springer-Verlag? Außerdem: Wo bitte schön sieht Naumann zum Beispiel im Falle des Privatfernsehens eine ethische Kontrolle am Werk? Bei den Rügen des Rundfunkrates? Selten so gelacht! Und was versteht er unter politischer Kontrolle der Presse? Ich denke, es herrscht Pressefreiheit, also exakt die weitgehende Abwesenheit genau jener politischen Kontrolle, die Naumann für das Publizieren im Internet so dringend herbei sehnt.

Es wäre naiv zu glauben, dass hier lediglich ein paar hauptberufliche Kulturpessimisten ihre alte Herrlichkeit bedroht sehen, auf die sie sich nebenbei gewaltig einen runter holen. Hier soll offensichtlich ein Popanz aufgeblasen, an einem Klima gestrickt werden, in dem für die etablierten Medien nicht kontrollier- und vermarktbare Nutzungs- und Publikationsformen geradezu als Gefahr für die Zivilisation erscheinen sollen. Eine weitere Binsenweisheit lautet: Wer theoretische Gefahren zu ausgewachsenen, realen Bedrohungen aufbläst, will in der Regel unter dem Vorwand, die Menschen schützen zu wollen, Repressionen und Kontrollinstanzen einführen. Aller Wahrscheinlichkeit nach sollen hier aber nicht zivilisatorische Werte verteidigt, geschweige denn Menschen geschützt werden, sondern nur ein Geschäftsmodell, nichts weiter.


Kommentare :

  1. "...ist entweder ein Zeichen klinischer Dummheit oder es handelt sich um gezielte Propaganda. In jedem Fall ist es eine Frechheit...."

    Klinischer, gar nicht so verkehrt, empfinde es selbst als eine typische Form des Narzissmus. Die Presse reagiert im höchsten Maße gerade in dieser Angelegenheit narzisstisch, schon ihre Reaktion auf Wulff selbst, das hoch puschen, als hätte er die Macht gehabt, der Presse die Freiheit zu nehmen.

    Und ganz wie der typische Narziss so macht ... feilt man an seiner Selbstdarstellung. Dazu hat es sich stets als praktisch und 1. Strategiewahl erwiesen, sich eine Gruppe auszusuchen, die man man zwecks eigener Aufwertung darnieder argumentieren zu können meint. Das schließt keinesfalls aus, die sonstigen Nützlichkeiten gezielter Propaganda zu nutzen.

    Lange Rede, kurzer Sinn, eigentlich ist es gleich beides. Nein eher gar 3 in 1: klinisch, dumm und gezielt. Wir leben halt im Zeitalter des Narzissmus, dessen Strategien sind stets inhaltsleer, orientieren sich an umdefinierten Halbwahrheiten und ist stets primitiv, polemisch halt.

    Natürlich ganz vorne weg die Presse. Sie spiegelt wider und verstärkt dabei ... das machte sie immer schon so. Nur früher mit mehr Bedeutung ... heute schwindet eine solche und selbst steht man ständig unter "fremder Kontrolle" (kaum noch ein Artikel, der nicht kritisch hinterfragt und dem entsprechend Feuer bekommt) ... auch und gerade durch die Blogger-Szene ... keine Frage, das ist lästig.

    Doch was sie auch tun, die Presse, so versuchen sie es mit Klagen und klagen ;) ... Doch das Internet ist ein großer Raum ...

    Und entgegen Cicero hätte man im Falle Wulff ausgerechnet die ernst zu nehmende Blogger-Szene - insbesondere im Gegensatz zur Presse - als recht unaufgeregt umschreiben können. Auch hier gilt es zu unterscheiden ...die "Späßchenmacher" ... die "Labertaschen", die "Trittbrettfahrer" und halt die "Ernsten", Menschen halt, hüben wie drüben.

    Lieben Gruss
    rosi

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  2. Genau das war auch meine Beobachtung und hat mich bewogen, mich entsprechend zu äußern. Die meisten ernst zu nehmenden Blogs haben sich an der Gerüchteküche eben nicht beteiligt, etliche Zeitungen, wenn auch arg verklausuliert, hingegen schon.

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