Dienstag, 10. Januar 2012

Privatsphäre? Datenschutz? Voll out!


Von Datenschutz habe ich nur wenig Ahnung und ich weiß, ich sollte eigentlich mehr Ahnung davon haben. Für den Alltag muss es reichen, dass bei den meisten an mich herangetragenen Ansinnen irgendwelcher Online-, Callcenter- oder sonstiger Datenabgreifer, ich solle ihnen bitteschön doch mal dieses oder jenes über meine Gewohnheiten, Vorlieben und Abneigungen mitteilen, meine spontane Reaktion in aller Regel lautet: Geht euch nix an, die Antwort ist: Nein! Und, nein, ich will auch keine Treue-, Payback- oder sonstigen Punkte, eure tolle Mitgliedskarte könnt ihr euch sonstwohin schieben und erst recht habe ich nicht die Absicht, einem obskuren Club beizutreten.

Es reicht schon, dass ich jeder Menge Firmen durch mein ganz normales Herumflanieren im Internet ungewollt jede Menge offen lege, ohne dies zu wollen bzw. faktisch nicht immer die Wahl zu haben. Ich mag, wie gesagt, wenig Ahnung haben, aber komplett auf den Kopf gefallen bin ich auch nicht. Um diesen Blog zu schreiben, habe ich ein Google-Konto angelegt. Seitdem weiß zum Beispiel YouTube sehr viel genauer als vorher, nach welchen Videos ich zuletzt gesucht und welche ich zuletzt angesehen habe. Das Google-Konto war ein Deal: Ich willige zähneknirschend ein, etwas über mich preiszugeben und bekomme dafür eine relativ idiotensichere Möglichkeit einen Blog zu schreiben. Das schützt mich im Zweifelsfall vor nichts, aber wenigstens das Bewusstsein stimmt.

Es kann sein, dass ich langsam alt werde, aber ich kann es nicht nachvollziehen, was daran so toll sein soll, wenn Leute wie Christian Heller und andere Popkultur-Spacken sich was über das Ende der Privatsphäre zusammenphantasieren. Privatsphäre sei im Prinzip ein Konstrukt des 19. Jahrhunderts und daher irgendwie voll von gestern, heißt es in ihren weitgehend logikfreien Geseier. Außerdem seien Datenschützer voll die Fanatiker, die sich doch nur an unhaltbare Positionen klammern würden. Wir sollten doch lieber die Chancen sehen, die darin lägen, dass jeder alles von jedem wissen könne. Welche Chancen? Wenn Heller und seine Mitspackos ungehindert ihren Exhibitionismus ausleben möchten, weil sie es schon für eine Nachricht halten, gerade ein Marmeladenbrötchen zu frühstücken oder vom Kacken zu kommen, bittesehr. Die Möglichkeit gibt es dank facebook und twitter bereits. Aber sollen alle anderen auch dazu gezwungen werden, bloß weil eine Minderheit aufdringlicher Dödel mit übersteigertem Mitteilungsbedürfnis meint, das ungefragte Zurschaustellen ihres uninteressanten Herumvegetierens erweise der Freiheit einen Dienst? Danke, aber ich hätte immer noch gern die Wahl.

Auch das scheinbar historische Argument ist ballaballa und zeigt lediglich, dass hier nicht historisch argumentiert, sondern vielmehr der beliebte Manipulationstrick angewendet wird, sich aufs Geratewohl Einzelaspekte herauszupicken, die irgendeiner voll provokanten These entgegenkommen. Ein Beweis ist etwas anderes, denn das Alter einer Idee sagt nichts darüber aus, wie richtig oder falsch die heutzutage ist. Beispiel: Die Forderung, die neuzeitliche Sklaverei abzuschaffen, ist ebenso wie die Idee der Privatsphäre (wenn man Heller glauben mag) ein Konstrukt des ausgehenden 18. und frühen 19. Jahrhunderts. Zudem hat Sklaverei eine sehr lange Tradition, weil schon die alten Römer und so weiter. Auch das Frauenwahlrecht ist, historisch betrachtet, reichlich neumodischer Kram. Die meisten heute bestehenden demokratischen Staaten haben es erst im 20. Jahrhundert eingeführt. Sollen diese isolierten Fakten Argumente dafür sein, Sklaverei wieder zu legalisieren und das Frauenwahlrecht wieder abzuschaffen?

Um zu verdeutlichen, wie löchrig solch ebenso gedankenbefreites wie fashionables Geblubber sonst noch ist, muss man sich nur vor Augen halten, dass viele Leute sehr wohl noch vor einen ausgeprägten Sinn für Privatsphäre haben, nur leider dem Irrtum erliegen, was sie online machten, sei privat. Wenn’s irgendwie online geht, dann sind viele in herzig zu nennender Naivität schmerzfrei:  Private Daten? Ach was, sieht doch keiner, ich bin doch nicht wichtig. Außerdem habe ich schließlich nichts zu verbergen. Peinliche Fotos? Guckt schon keiner. Sexuelle Vorlieben? Ist doch cool, wenn man andauernd am knattern ist! Das können auch ruhig alle wissen. Verklemmt, oder was? Würde man dieselben Leute aber einfach so auf der Straße ansprechen und genau das fragen, was zum Beispiel soziale Netzwerke oder irgendwelche Kuppel-, Verzeihung: Dating-Seiten von ihnen wissen wollen bzw. an Informationen abgreifen, man würde vermutlich kaum Erfolg haben, wenn nicht gar die eine oder andere Ohrfeige kassieren. Da ist Privatsphäre dann plötzlich nicht mehr nur was für humorlose Datenschützer. Bei alledem aber wird leicht vergessen, dass das Private auch in anderen Bereichen akut bedroht ist.

Es ist noch gar nicht so lange her, da galt es als höchstpersönliche Entscheidung jedes Einzelnen, Dinge zu tun, die nicht völlig unproblematisch sind. Egal ob rauchen, trinken, zu dick sein, sich nicht bewegen, die Reaktion eines Großteils des Umfeldes war ein achselzuckendes „Wenn du meinst, ist das deine Entscheidung, du bist ein erwachsener Mensch und kennst die möglichen Folgen“. Es galt das Prinzip: Halte dich im wesentlichen an Regeln und Vereinbarungen, zahl deine Steuern und deine Rechnungen und alles andere ist dein Problem. Das hat sich gründlich geändert: Wer heute wagt, einer oder mehrerer der genannten Unarten zu frönen, kann sich längst nicht mehr auf altmodischen Kram wie ‚Eigene Entscheidung’ oder ‚Privatsache’ berufen. Nein, er wird von allen Seiten und mit allen Mitteln geschurigelt, sein Verhalten gefälligst zu ändern. Das gilt längst nicht mehr nur für Menschen, die sich nahe stehen. Bei denen ist es ja nachvollziehbar, wenn sie sich angesichts des ungesunden Lebensstils eines geschätzten Mitmenschen möglicherweise Sorgen machen. Inzwischen spielen sich massenhaft wildfremde Gesundheits-, Fitness- und Selbstoptimierungsgurus als Volkserzieher auf und halten ihre Ambitionen, auf breiter Basis Verhaltensänderungen herbeiführen zu wollen, also aller Welt vorzuschreiben, was sie gefälligst zu tun und zu lassen hat, für das Normalste von der Welt

Und um Neujahr herum haben sie Hochkonjunktur, denn dann muss man bekanntlich ‚gute Vorsätze’ fassen als dämliches Durschnittsherdentier. Dagegen wäre ja gar nichts einzuwenden, wenn diese guten Vorsätze nicht ausnahmslos auf den Bühnen Gewicht, Aussehen und Fitness stattfinden würden. Warum nehmen sich so wenige nicht etwas für das neue Jahr vor, das ihr Leben um Längen besser machen würde als der soundsovielte gescheiterte Versuch, zehn Kilo abzunehmen oder einen Fitnesstempel reicher zu machen? Zum Beispiel eine zu Sprache lernen, überhaupt etwas Interessantes zu lernen, sich eine Theatervormiete zuzulegen, eine lange geplante Reise auch zu machen, etwas dafür zu tun, insgesamt ausgeglichener zu werden oder einen alten Streit endlich beizulegen?

Vor ein paar Jahren habe ich mir für die um den Jahreswechsel zuweilen penetrant gestellte, nervige Frage, was denn meine guten Vorsätze seien, folgende Standardantwort zurecht gelegt: Mehr rauchen, mehr trinken, mehr essen, mehr fernsehen, weniger Sport. Eine Weile klappte das ganz gut und sorgte auch meist für eine gewisse Heiterkeit. Mittlerweile hilft nicht einmal Humor. Inzwischen sehe ich mich immer öfter Leuten gegenüber, die über so etwas überhaupt nicht lachen können und mich vielmehr strengen Blickes und geschürzten Mündchens darüber belehren, dass solche wie ich und meinesgleichen schuld daran seien, dass immer noch so viele mit weniger als hundert Jahren und nicht bei bester Gesundheit sterben würden. Das Problem ist: Ich habe den Eindruck, die meinen das ernst. Und ich fürchte, die gewinnen.

Das alles sind auch Symptome von Post Privacy: Der Irrglaube vieler Lallbacken, sie hätten ein Menschenrecht darauf, immer und überall ihren Senf dazugeben und auf dankbares Publikum hoffen zu können, stammt aus dem Netz und seinen spezifischen Formen der Interaktion, die irgendwie alles zu einem großen Wohnzimmer verschwimmen lassen. Wegen dieses Verschwimmens von Privat und Öffentlich glauben auch immer mehr, es gehe völlig in Ordnung, anderen ungefragt in ihren Lebensstil und ihre höchst eigenen Entscheidungen hineinquatschen zu können.

Die gefährliche Forderung, die Idee der Privatsphäre aufzugeben und endlich in der superschicken Post Privacy des 21. Jahrhunderts anzukommen, bedeutet keineswegs nur, dass wir uns gefälligst an den Gedanken gewöhnen sollen, online gegenüber Staaten und Firmen die Hosen runter zu lassen. Es bedeutet auch, sich von dem Gedanken zu verabschieden, dass es die Sache jedes einzelnen ist, was er sonst so treibt. 

 

1 Kommentar :

  1. Adress-Broker, Werbe-Firmen, PR-Unternehmen, Arbeitgeber, Einzelhandelsketten - sie alle lachen und freuen sich, dass der gemeine Deutsche mit seinen Daten so verantwortungslos umgeht. Denn persönliche Daten sind für sie profitsteigernd und elementar fürs Geschäft.

    Arbeitgeber schauen sich bei facebook ihren potentiellen neuen Mitarbeiter an. Daten von Bewerbern, die man nicht will, verkauft man an Adress-Broker. Die Werbe-Industrie erstellt anhand von persönlichen Daten "Einkaufsprofile" und "Konsumverhalten" von spezifischen Menschen-Gruppen. Banken verschicken "Kreditangebote" anhand von persönlichen Datenprofilen usw. usf.

    Die DDR hat noch die Stasi eingesetzt, um an solche Informationen zu kommen. Heute geben wir sie freiwillig und mit einem dumm-naiven Lächeln heraus.

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