Donnerstag, 19. Januar 2012

Schettino als Symptom?


Ein alter Mythos besagt, es sei die Pflicht eines Kapitäns, mit ‚seinem’ Schiff unterzugehen. Das ist Blödsinn. Niemand erwartet ernsthaft von einem Kapitän, auf dem Kiel stehend im sturmumtosten Nass zu versinken, die Hand an der Mütze zum letzten Gruße wie weiland am Skagerrak. Die Verantwortung für die Sicherheit von Passagieren, Crew und Schiff gehört allerdings zu den Pflichten eines Kapitäns. Erst wenn er alles in seiner Macht stehende getan hat und nach menschlichem Ermessen nichts mehr zu retten ist, dann darf er von Bord. Und wer von der Seefahrt träumt, diese Verantwortung aber nicht zu tragen bereit ist oder sich nicht sicher ist darüber, möge sich unter den zahlreichen reizvollen Tätigkeiten auf einem Schiff bitteschön eine andere suchen.

Sich vom grünen Tisch aus zum Richter über Kapitän Schettino aufzuschwingen, ist wohlfeil und bringt nicht mehr an Erkenntnis als der Dorfklatsch beim Bäcker. Man kann natürlich spekulieren, aber welcher Teufel den Mann geritten hat, bleibt ein Rätsel. Vermutlich stand er wirklich unter Schock. Vielleicht stimmt auch, was gesagt wird, nämlich dass er sich an Land um Gerettete gekümmert hat. Nur: Warum ist er dann an Land geblieben und nicht aufs Schiff zurück gekehrt, wie etliche Crewmitglieder? Klar sein dürfte nur, dass er für den Rest seines Lebens kein Fischerboot mehr wird steuern dürfen, wenn die Ermittlungsbehörden mit ihm fertig sein werden.

Wem das alles moralinsauer erscheint oder leicht gesagt, verkniffen oder spießig gar – wir sind doch alle nur Menschen, hehe, nicht wahr? – möge sich bitte einen Augenblick lang vorstellen, wie er es fände, wenn die örtliche Feuerwehr so arbeiten würde. Brennendes Haus? Pfff, ja, das ist aber schlecht im Moment. Ich habe nämlich gleich einen Termin bei meinem Vermögensberater und danach Maniküre. Außerdem könnte ich mir eine Brandblase holen. Wie? Kinder im Dachgeschoss eingeschlossen? Jetzt regen Sie sich doch nicht so auf! Wissen Sie, ich kriege beim Anblick von Feuer immer Panikattacken. Wer würde so eine Feuerwehr haben wollen?

Für die simplen und Kleingeister ist alles mal wieder ganz einfach: Bestrafen, den wirren Einzeltäter und zur Tagesordnung übergegangen. Lässt man Schettino jedoch aus dem Spiel, stellen sich andere Fragen. Normalerweise bekommt niemand das Kommando über ein Schiff mit mehreren tausend Menschen, weil er einen dreiwöchigen Schnellkurs an der Volkshochschule gemacht hat, sondern erst nach einer jahre-, vielleicht jahrzehntelangen Laufbahn. Wie konnte es dann passieren, dass jemand, der offensichtlich so wenig geeignet ist, so einen Posten bekam? Weiter muss man fragen: Wenn schon der Kapitän sich als Totalausfall entpuppt – was vorkommen kann – wo waren dann erster und zweiter Offizier? Die müssten in so einer Situation notfalls das Kommando übernehmen und die Rettungsmaßnahmen in die Hand, wenn der Käpten nicht dazu in der Lage ist. Warum ist von denen nichts zu hören?

Was, wenn Schettino, ohne den Mann überbewerten zu wollen, kein Einzelfall ist, sondern vielmehr symptomatisch? Dann wäre er eine völlig normale Erscheinung in einer stromlinierten, durchrationalisierten Gesellschaft, in der Dinge wie Verantwortung, Mitmenschlichkeit und Hingabe allenfalls als Nice To Haves gelten, ansonsten aber für Sozialromantiker. Normal in einer Gesellschaft, die Blender und Aufschneider nach oben spült. Solche, die zwar hervorragend Bella Figura und einen auf Leistungsträger machen können, die richtigen Leute kennen und Alphatiere sind im Konkurrenzkampf mit anderen, die aber sofort den Ort des Geschehens verlassen, wenn es mal ernst wird und sich hinterher fadenscheinig rausreden.

Es gibt immer noch Leute, die uns erzählen wollen, es sei das beste für die Allgemeinheit, wenn alle an sich selbst dächten. Sind solche Quarktaschen sich ansatzweise im klaren darüber, dass auch sie sich in Notsituationen auf Menschen verlassen müssen, deren wichtigste Aufgabe es ist, eben nicht an sich zu denken, wenn es hart auf hart kommt?

Keine Kreuzfahrt: Flüchtlinge auf Lampedusa (2007)
Noch etwas: Natürlich ist das Drama um die Costa Concordia eine Tragödie. Warum aber wird über die wahre Tragödie, die sich fast täglich auf dem nassen Friedhof Mittelmeer abspielt, kaum mehr berichtet? Es ist die der afrikanischen Flüchtlinge, die nach wie vor zu Tausenden in primitiven Booten übersetzen und versuchen, sich zumindest lebend nach Lampedusa durchzuschlagen. Manchmal geht das schief. Zuletzt sind im August 2011 zirka 100 von ihnen, vor allem Frauen und Kinder, auf einem fahruntüchtigen Schiff verhungert. Aber das sind schließlich nur Wirtschaftsflüchtlinge, die unsere Sozialsysteme plündern und uns überfremden wollen. 



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