Dienstag, 31. Januar 2012

Verbales Rowdytum

Als erster Hässlicher Deutscher kann Wilhelm II. gelten. Mit deutlich mehr großer Klappe gesegnet als politischem Talent, resistent gegen jegliche Beratung und immer pendelnd zwischen Maulaufreißen und Beleidigtsein, legte er den Grundstein für jene Wahrnehmung des Deutschen in Teilen des Auslands als einer Art Missing Link zwischen Neandertaler und frühem Homo sapiens: Das baut zwar durch irgendeinen Zufall schöne Autos, wird aber ansonsten allenfalls als Tourist toleriert, weil es ordentlich Kohle ins Land bringt. Das 20. Jahrhundert hat den europäischen Nachbarn mindestens zwei Gründe geliefert, immer dann besonders vorsichtig zu werden und die Stacheln aufzustellen, wenn Deutsche mal wider den Lauten machen machen, glauben, an ihrem Wesen solle die Welt genesen und im Begriff sind, ihren Einfluss in irgendeiner Form auf andere Länder auszuweiten.

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Denn wenn so ein Deutscher, im Herrenmenschenmodus laufend, sich im Recht wähnt, dann meint er gern, auch das Recht zu haben, auf sämtliche Gebote der Höflichkeit verzichten zu dürfen. Undifferenzierte Poltergeister wie Alexander Dobrindt und Wirrköpfe wie Ansgar Heveling, letzterer ein lebendes Beispiel dafür, wie wichtig es ist, sich an den eisernen Grundsatz zu halten, niemals etwas zu veröffentlichen, das man unter Alkoholeinfluss verzapft hat, sind da noch geradezu harmlos, weil bislang nur im Inland wahrzunehmen. Vom Lippizanervergleich des durch keine Debatte aus der Spur zu bringenden Hobbygenetikers Thilo Sarrazin gar nicht erst zu reden. Es ist eine Sache, innenpolitisch auszukeilen und dabei nicht immer alle Regeln des Anstands zu beachten. Was im Land passiert, soll halt im Land bleiben. In letzter Zeit aber häufen sich verbale Ausfälle konservativer Krawallos, die ernsthaft das diplomatische Klima gefährden.

Nehmen wir den passionierten Weißbierfan und CDU-Fraktionsvorsitzenden Volker Kauder. Der haute Mitte November den Kracher raus, dass in Europa jetzt wieder Deutsch gesprochen werde. Er scheint die ganze Aufregung bis heute nicht verstanden zu haben, wo er doch schließlich nur die Wahrheit gesagt hat: Schließlich hätten "wir" ja alles richtig gemacht und wenn alle sich mal ein Beispiel nähmen, wäre alles gut. Blähköpfe wie er vergessen offenbar immer wieder, dass deutsche Hegemonialansprüche für viele europäische Länder eben noch nicht so weit weg sind, wie die Kauders dieser Welt es sich in ihren Schlussstrichphantasien gern herbeiträumen. Auch sein jüngster Vorschlag, Griechenland unter Kuratel eines Sparkommissars zu stellen, dem angeschlagenen Land also mal eben eines der zentralsten Rechte eines souveränen Staates aus der Hand zu nehmen, scheint ihm so selbstverständlich wie zwei neue Weißbier zu bestellen.

Das publizistische Gegenstück zu Kauder ist Jan Fleischhauer, der Neocon vom Dienst. Der trägt bekanntlich schwer daran, unter anständigen Leuten aufgewachsen zu sein (was ihn übrigens nicht davon abgehalten hat, sein Kindheitstrauma schamlos zu Geld zu machen). Zwar gibt er sich kokett als jemand aus, der 'aus Versehen' konservativ wurde, ist tatsächlich aber, wie alle frisch Bekehrten, ein Tausendprozentiger. Seit knapp zwei Jahren darf diese beschlipste Randlosbrille sich in einer wöchentlichen Kolumne bei SPIEGEL online auskotzen. Letzten Montag verwechselte er die folgenden kognitiven Flatulenzen mit ernstzunehmenden Gedanken: Erstens sei das Verhalten des Kapitäns der Costa Concordia typisch italienisch und zweitens sei es ein weiterer Fehler, den die Linken auf ihrer unendlichen Liste hätten, eine so wichtige Größe wie Nationalcharakter leichtfertig über Bord zu werfen. 

Abgesehen davon, dass Nationalismus die Religion der ganz Schwachen ist und so was wie Nationalcharakter was für die ganz Denkfaulen, wäre so ein Bullshit in normalen Zeiten nicht einmal eine Fußnote wert gewesen. Aber in Zeiten wie diesen, in denen das Klima eh schon so aufgeheizt ist und zudem jede Kleinigkeit sich mit Lichtgeschwindigkeit verbreitet, kam es in italienischen Medien erwartungsgemäß zu Protesten. Da hatten die sarrazynischen Fleischi-Fans so richtig ihren Spaß und holten sich kollektiv einen darauf runter, wie irre mutig sie doch sind und wie doll sie es den Politisch Korrekten mal wieder besorgt haben.

Wenn sie nämlich mit Recht kritisiert werden für ihr Gepolter und ihr Porzellanzerdeppern, dann, ja dann werfen sie sich mit großer Geste in die Pose des politisch Verfolgten. Was die Zukunft befürchten lassen könnte, zeigt ein Bllick über die Grenze nach Österreich. Dort ist man offenbar schon einen Schritt weiter: Weil die feiernden Burschenschafter auf dem WKR-Ball, der im übrigen – Honi soit qui mal y pense – am internationalen Holocaust-Gedenktag stattfand, tatsächlich Gegendemonstrationen ertragen mussten, verglich FPÖ-Chef Strache sich und die seinen allen Ernstes mit den Opfern der, wie er es ausdrückte, Reichskristallnacht. Kann man so was noch erfinden?

Für Leute wie Kauder und Fleischhauer ist das Leben ein einziger Stammtisch. Die Produkte ihrer verbalen Diarrhoe sind genau das, was geschichtsvergessene Polterköppe immer fordern: Dass jetzt aber endlich mal Schluss sein müsse mit dieser Büßerhaltung, diesem verklausulierten Getue, dass jetzt aber mal Klartext gesprochen werden müsse. Was sie für Offenheit und vielleicht sogar für Mut halten, ist in Wahrheit nichts weiter als völliger Mangel an Sensibilität und pure Rüpelei. Unglücklicherweise lässt sich mit solch unreifem Gepöbel in gar nicht mal so kleinen Ecken der etablierten Medienlandschaft inzwischen ausgezeichnet verdienen. Diese Pöbler in Politik und Journaille gerieren sich wie jene legendären deutschen Touristen im Ausland, die sich nicht entblöden, diesen italienischen Handwerkerluschen mittels Kindersprache mal zu erklären, wie echte Wertarbeit aussieht – und die sich dann wundern, warum diese undankbaren Itaker nicht etwa vor Bewunderung auf die Knie fallen vor so viel Weisheit, sondern auch noch frech werden.

Am wenigsten gut kommt deutsche Großmannssucht traditionell in Großbritannien an. Der britische Zeithistoriker Timothy Garton Ash schreibt bekanntlich im Guardian eine wöchentliche Kolumne, meistens zur Europapolitik. Ash ist sicher einer der besten Europaexperten und Deutschland-Kenner auf der Insel und bemüht sich normalerweise nach Kräften, die Kapriolen der deutschen Politik zu erläutern. Dadurch wurde schon manches Missverständnis aus der Welt geschafft. Im November aber fiel sogar diesem engelsgeduldigen Feingeist nichts mehr ein als seinen Lesern, resignierend vor der geballten Ladung Instinktlosigkeit, die da vom Kontinent herübergeschwappt kam, zu erklären, was gibberish auf Deutsch bedeutet: Kauderwelsch.


Kommentare :

  1. Schöner Artikel! Kleine Korrektur: Kauder ist nicht Generalsekretär (das ist Gröhe... auch einer aus der gleichen Liga), sondern - was die Sache eigentlich noch schlimmer macht - Fraktionsvorsitzender der Union im Bundestag.

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  2. Vielen Dank für die Korrektur - ist geändert.

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