Dienstag, 14. Februar 2012

Dresden 2012 - Revisionismus und Opferkult vor dem Aus?


Aufdringlich wirkt es, wenn Stadtmarketing versucht, einem verschnarchte Provinznester, in denen spätestens um zehn die Bürgersteige hochgeklappt werden, als voll spannende, pulsierende Metropolen zu verkaufen, in denen mächtig was los ist („Delmenhorst – Da geht was“). Einige Städte haben solch professionelle Hilfe hingegen noch nie benötigt, wenn es darum geht, von sich selbst besoffen zu sein.
 
In München zum Beispiel neigt man immer noch dazu, sich deutlich wichtiger zu nehmen, als man ist. In grandioser Verkennung der Realität führen einige dortige Lokalpatrioten immer noch die Formel von der 'Weltstadt mit Herz' im Munde. Oder Köln. Die Stadtoberen können einen Skandal an den anderen reihen; so lange sie nur Sprachkenntnisse beweisen („Saach ens Bloodwoosch!“ – „Flönz!“), dem Dreigestirn huldigen, beim Karneval fünf Tage mitschunkeln und ordentlich einen mittrinken, ist für ne echte Kölsche Jung augenscheinlich alles im Lot. Im sächsischen Dresden dagegen schien man, weniger lustig, seit der Wiedervereinigung ernsthafte Ambitionen zu hegen auf den inoffiziellen Titel Hauptstadt des Bombardiertwordenseins. Daran scheint sich seit ein paar Jahren glücklicherweise etwas zu ändern.

Ohne Frage waren die Luftangriffe vom 13. und 14. Februar 1945 verheerend, doch in keiner Weise singulär. Sein trauriges Schicksal teilt Dresden mit zahlreichen anderen deutschen Städten. Auch dort wurden Menschen erstickt, verbrannt, verstümmelt, die Überlebenden ein Leben lang gezeichnet, gingen massenhaft Kunstschätze in Flammen auf. Im Feuersturm von Hamburg sind mehr Menschen ums Leben gekommen, in Frankfurt und Braunschweig sind ähnlich geschlossene historische Altstädte ein Raub der Flammen geworden. Es war nicht einmal ungewöhnlich, dass mit Dresden noch kurz vor Kriegsende eine beinahe unversehrte Stadt in Trümmer fiel: Hildesheim, Pforzheim, Würzburg, Düren und Wesel wurden ebenfalls noch 1945 zerstört, zum Teil in noch größerem Ausmaß.

In den meisten anderen Städten hat man nach dem Krieg gesagt: Gedenken wir der Toten, klopfen wir uns den Staub ab, beseitigen wir die Trümmer, bauen wir die Stadt wieder auf und weiter geht’s. In Dresden verfestigte sich sehnsuchtsvolle Erinnerung an die verlorene Pracht. Das mag an den zum Teil instinktlosen Wiederaufbaubemühungen des SED-Regimes liegen, das aus der alten Residenz unbedingt eine moderne sozialistische Stadt machen wollte. Doch auch so etwas hat es vielen anderen Städten gegeben und auch das in den seltensten Fällen zu ihrem Vorteil.

Warum also hat sich in Dresden ein solcher Kult entwickelt? Natürlich war die Stadt ein unvergleichliches historisches Bauensemble, aber ähnliches konnten andere Städte auch von sich behaupten. Man geht nicht zu weit, wenn man vielen Dresdnern ein geradezu erotisches Verhältnis zu ihrer Heimatstadt nachsagt. Das Bewusstsein, in einer der schönsten Städte der Welt zu leben, ließ die Einwohner in der fatalen Sicherheit sich wiegen, ihr barockes Arkadien schütze sie in irgendeiner Weise vor irgendetwas. Noch heute vernimmt man mit Erstaunen die Erzählungen der Davongekommenen. Wie sie geglaubt haben, die Alliierten würden eine kunsthistorisch so wertvolle Stadt doch sicherlich verschonen, obwohl dieser Krieg in diesem Stadium längst allen hätte klargemacht haben sollen, dass es jederzeit alles und jeden erwischen konnte. Ob dies die Ursache war, sei dahingestellt, doch waren die Luftschutzvorkehrungen im Dresden des Jahres 1945 im Vergleich zu anderswo mangelhaft. Das und die Flüchtlingsströme, die sich in der Stadt zusammengeballt hatten, sorgten für die überdurchschnittlich hohe Zahl an Todesopfern, die dieser Angriff forderte.

Die Alliierten hielten sich mit solchen Überlegungen eh nicht weiter auf: Das Bomber Command hatte Anfang 1945 große Routine entwickelt beim planmäßigen Einebnen von Städten und es galt das Motto: Wenn die Deutschen ihre Zivilisten und ihre Kunstschätze schonen wollen, dann sollen sie eben keinen Krieg führen. Dresden war nur eine weitere Stadt auf der Zielliste, die noch nicht abgehakt war. Einzig einige Piloten sollen gemeckert haben über die zehn Stunden Flug in den eiskalten, dröhnenden Lancasters. Außerdem: Warum hätten Churchill und Harris sich einen Tort antun sollen, angesichts eines Kriegsgegners, der 1941 getönt hatte, britische Städte ‚coventrieren‘ zu wollen, sich im selben Jahr gen Osten wandte, in Riesenlettern ‚Vernichtung‘ auf die Fahnen geschrieben, der ab 1942 die Gaskammern in Betrieb und beim Rückzug im Osten ab 1943 mehrere tausend Ortschaften dem Erdboden gleich gemacht hatte?

Zum Extremistischsein braucht es die Fähigkeit zum gezielten Ausblenden störender Fakten wie den genannten. Eine beliebte Strategie von Revanchisten und Rechtsextremen ist es daher, einzelne Ereignisse möglichst aus ihrem historischen Kontext zu lösen und sie in schönster Täter-Opfer-Umkehrung den Siegern unter die Nase zu reiben. So führen sie immer wieder Katyn im Munde und Hiroshima. In Opferpose erinnern sie an die Massenvergewaltigungen der Roten Armee und eben auch an die Bombardements vor allem der Royal Air Force. Damit zeigen solche Leute vor allem einen Mangel an Rückgrat. Wer eines hat, ist in der Lage, dazu zu stehen, dass die Vorfahren Mist gebaut haben und hat weder Helden- noch Opferkult nötig. Wer hingegen keines hat, sucht Ausreden und Schuldige. Es ist wie nach dem ersten Weltkrieg: Die, die die lautesten, nationalistischen und martialischten Töne gespuckt hatten, führten hinterher auch am lautesten die Dolchstoßlegende im Munde.

In der andauenden Liebesaffäre der Dresdner mit ihrer Stadt erkannten diese Geschichtsklitterer bald eine hervorragende Möglichkeit, sich bei den Gedenkenden unterzuhaken und sich lieb Kind bei ihnen zu machen. Seither kommen sie jeden Februar aufs Neue an der Elbe angeschissen. Sie haben Danaerkränze im Gepäck, wedeln mit Transparenten, auf denen ‚Nie wieder Bombenterror!’ steht und summsen: Sehet, ihr armen Dresdner Opfer, denen der Angelsachse ihr Weltkulturerbe zerdeppert hat, wir verstehen euch, wir fühlen mit euch, wir würdigen euer Leiden in angemessener Form.

Weinerlich wie die Sechsjährigen, die beim Scheibeneinschmeißen erwischt wurden, zeigen sie mit dem dem Finger auf andere: Kuck mal, die da vorne haben aber auch ganz doll Schlimmes gemacht. Mit dem Fuß aufstampfend, insistieren sie, Dresden sei sehr wohl ein Kriegsverbrechen gewesen. So what? Dann war es eben eines! Angesichts dessen, was Deutsche sich in den sechs Jahren von 1939 bis 1945 aufs Kerbholz gepackt haben, sollte hierzulande niemand diesbezüglich das Maul aufreißen. Es mag keine völkerrechtliche Kategorie sein, aber man kann durchaus sagen, das Bomber Command gab der deutschen Zivilbevölkerung etwas von dem zu kosten, was die Deutschen eigentlich der Zivilbevölkerung auf den Britischen Inseln antun wollten und das sie anderen Völkern angetan haben. Und angefangen haben damit, bitteschön, auch nicht die Briten. Festzuhalten bleibt, dass weder die Briten noch die Amerikaner und auch nicht die Sowjets ein Haus in Deutschland auch nur beschädigt hätten, wären die Deutschen nicht dem mit der Rotzbremse brav in den Krieg gefolgt.

Unmenschlich wäre es, den Überlebenden von 1945 ihr Recht auf Gedenken und Trauer abzusprechen. Daher sind die zynischen Kampagnen von Autonomen und Linksextremen, die die Bombardierung förmlich zum Segen von oben stilisieren, nicht minder dämlich und instinktlos. Es darf nur, wer die Verwüstung Dresdens beklagt, eben nicht davon schweigen, dass sie nur eine der letzten Stufen war auf einer Eskalationsleiter, deren erste Schritte Deutsche in Guernica, Warschau, Rotterdam, London und Coventry erklommen hatten. Wer, die Goebbels-Propaganda aufgreifend, von 'angloamerikanischem Bombenterror' schwadroniert, sollte sich bewusst sein, dass die deutsche Luftwaffe, hätte sie Infrastruktur und Mittel dazu gehabt, mit englischen Städten wohl kaum anders verfahren wäre – im Gegenteil. Wer die zum Teil erschütternden Berichte der Zeitzeugen hört, Anteil nimmt daran, wie die Erinnerungen sie noch heute übermannen, muss sich auch den Erzählungen Dresdner Juden öffnen, für die der 13. Februar eine Nacht der Befreiung war. Viele nutzten das Chaos unmittelbar nach den Angriffen, um sich die Judensterne abzureißen und unterzutauchen. Über 70 von ihnen entgingen so der Deportation und dem Tod.

Abgesehen vom manchmal penetrant zur Schau gestellten Gehabe, Einwohner der tollsten Stadt nördlich der Alpen zu sein, ist in Köln natürlich nicht alles schlecht. Im Gegenteil: Die dortigen Jecken haben 2009 mit ihrer Solidarität und ihrer Fähigkeit, jede mittelgroße Freiluftveranstaltung in kürzester Zeit in eine karnevaleske Party zu verwandeln, anhand der Pro-Köln-Moscheegegner beispielhaft demonstriert, wie man am besten mit Leuten umgeht, die sich einem ungefragt als Retter des christlichen Abendlands aufdrängen. Weil man sich auch in Dresden am 13. Februar 2012 darauf besonnen hat, dass es, wie so oft, nicht um Links gegen Rechts geht, sondern um Dumm gegen Klug, haben 13.000 Menschen den geplanten Aufmarsch der 1.600 rechten Geschichtsfälscher zu einem besseren Gang um den Block zusammenschrumpfen lassen. Und das ist eine gute Nachricht.


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