Samstag, 4. Februar 2012

Eine kontrafaktische Übung (1)


Stellen wir uns folgende Situation vor: Ein mittelständisches Unternehmen, welche Branche, spielt für diesen Zusammenhang keine Rolle, erlebt gerade einen Führungswechsel. Sagen wir, der Gründer und Inhaber ist ein halbes Jahr zuvor in hohem Alter verstorben, hat die Führung aber nicht abgegeben, sondern testamentarisch verfügt, dass der Betrieb kommissarisch von dem langjährigen Prokuristen geleitet wird, bis sein Sohn mit dem Studium fertig ist. Jetzt ist es so weit und der Junior tritt zu ersten mal vor die versammelten Mitarbeiter.

Er reichte den Blumenstrauß, den die Personalchefin ihm überreicht hatte, an sie zurück, mit der Bitte, ihn in eine Vase zu stellen, stellte sein Sektglas zur Seite, trat an die Stirnseite des Pausenraumes, wo auf drei langen Tischen das Getränkebuffett aufgebaut war. Er räusperte sich, worauf nach kurzer Zeit Ruhe einkehrte, verweilte noch ein paar Sekunden, wie um diesen Moment zu genießen und begann:

„Liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter! Ich freue mich auf die Zusammenarbeit mit Ihnen und ich bin sicher, dass Sie alle weiterhin so engagiert und erfolgreich arbeiten werden wie Sie das bis jetzt getan haben. Ich bin stolz darauf, Sie als Mitarbeiter in unserem Unternehmen zu haben.“

Er hielt einen Moment inne und schaute sich fein lächelnd in der versammelten Belegschaft um, wie der Coach es ihm beigebracht hatte. Sein Blick verweilte eine Sekunde lang auf dem alten Schmitz. Dann fuhr er mit leicht gedämpfter Stimme fort:

„Leider, das muss hier gesagt werden, haben sich unter meinem verstorbenen Vater über die Jahre gewisse Strukturen eingeschliffen, die sich seit längerem negativ auf unsere Kosten auswirken. Daran müssen wir arbeiten, und zwar alle gemeinsam. Mein oberstes Ziel ist es, möglichst alle Arbeitsplätze zu erhalten, doch kann ich hier und jetzt leider keine Garantien aussprechen. Ich nehme an, Sie alle wissen, wie die Situation am Markt sich darstellt. Der Wechsel einer Geschäftsführung bedeutet immer auch, alte Gewohnheiten infragezustellen. Das wird möglicherweise nicht für alle immer leicht sein, doch lade ich Sie ein, dies auch als Chance zu begreifen.“

Ich und mein Team, wir waren in den letzten Wochen nicht untätig. Wir haben ein Zukunftskonzept entwickelt, das wir Ihnen in den nächsten Tagen ausführlich vorstellen werden. Wir sind überzeugt, mit diesem Konzept eine gute Perspektive zu haben für die Herausforderungen, die es in nächster Zeit zu meistern gilt.“

Wieder machte er eine Pause und schaute in die Versammlung. Er nahm seine Stimme, die bei den letzten Sätzen immer lauter geworden war, wieder ein wenig zurück.

„Meine Tür steht jederzeit für alle offen. Kritik ist mir ebenso willkommen wie Anregungen jeder Art. Zögern Sie also nicht, uns anzusprechen. Besonders am Herzen liegt mir bei diesem schwierigen Transformationsprozess – „

Jetzt sah er wieder zum Betriebsratsvorsitzenden, der ein skeptisches Gesicht machte. Du wirst dich noch umsehen, dachte er.

„– die Zusammenarbeit mit dem Betriebsrat. Ich freue mich auf Ihre Impulse und setze auf Ihre Erfahrung. Ich bin mir sicher, dass wir das gemeinsam hinbekommen. So, jetzt  möchte ich Sie nicht länger von der Arbeit abhalten. Ich wünsche Ihnen und uns alles Gute. Gemeinsam schaffen wir es!“

Diese kurze Episode ist quasi eine Übersetzung einer älteren Variante in die Gegenwart. Haben Sie das Vorbild erkannt? Morgen folgt die Auflösung.


Kommentare :

  1. Na, da spricht doch ein Nachfahre Diederich Heßlings. Der heutige Ton des BWL-Schnösels ist sehr schön getroffen!
    Frans B.

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  2. Röchtöööch, schön erkannt - Respekt!

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