Sonntag, 5. Februar 2012

Eine kontrafaktische Übung (2)


Hier, wie versprochen, die Auflösung. Obwohl mindestens ein Leser des Rätsels Lösung bereits gefunden hat. Es handelt sich tatsächlich um die Passage aus Heinrich Manns 'Der Untertan', in der Diederich Heßling als frisch gebackener Doktor der Chemie und Firmenerbe das Regiment in der Papierfabrik seines verstorbenen Vaters übernimmt. Zum leichteren Vergleich führe ich sie hier noch einmal an:

Diederich nahm mit gnädiger Miene den Strauß; nun war es an ihm, sich zu räuspern. Er wandte sich nach den Seinen um, dann sah er den Leuten scharf in die Augen, allen nacheinander, auch dem schwarzbärtigen Maschinenmeister, obwohl der Blick des Mannes ihm peinlich war – und begann:

„Leute! Da ihr meine Untergebenen seid, will ich euch nur sagen, daß hier künftig forsch gearbeitet wird. Ich bin gewillt, mal Zug in den Betrieb zu bringen. In der letzten Zeit, wo hier der Herr gefehlt hat, da hat mancher von euch vielleicht gedacht, er kann sich auf die Bärenhaut legen. Das ist aber ein gewaltiger Irrtum, ich sage das besonders für die alten Leute, die noch von meinem seligen Vater her dabei sind.“

Mit erhobener Stimme, noch schneidiger und abgehackter; und dabei sah er den alten Sötbier an:

„Jetzt habe ich das Steuer selbst in die Hand genommen. Mein Kurs ist der richtige, ich führe euch herrlichen Tagen entgegen. Diejenigen, welche mir dabei behilflich sein wollen, sind mir von Herzen willkommen; diejenigen jedoch, welche sich mir bei dieser Arbeit entgegenstellen, zerschmettere ich.“

Er versuchte, seine Augen blitzen zu lassen, sein Schnurrbart sträubte sich noch höher.

„Einer ist hier der Herr, und das bin ich. Gott und meinem Gewissen allein schulde ich Rechenschaft. Ich werde euch stets mein väterliches Wohlwollen entgegenbringen, Umsturzgelüste aber scheitern an meinem unbeugsamen Willen. Sollte sich ein Zusammenhang irgendeines von euch –“

Er faßte den schwarzbärtigen Maschinenmeister ins Auge, der ein verdächtiges Gesicht machte.

„– mit sozialdemokratischen Kreisen herausstellen, so zerschneide ich zwischen ihm und mir das Tischtuch. Denn für mich ist jeder Sozialdemokrat gleichbedeutend mit Feind meines Betriebes und Vaterlandsfeind... So, nun geht wieder an eure Arbeit und überlegt euch, was ich euch gesagt habe.“

Heßlings Anspache ist, wie die ganze Figur, eine Parodie auf Wilhelm II („Ich führe euch herrlichen Tagen entgegen!“). Heßling, eigentlich ein weiches Muttersöhnchen, mutiert als Korpsstudent zum fanatischen Deutschnationalen. Weil er jegliche Mühe scheut, schummelt er sich auch durch seinen Militärdienst, um dann überall um so militaristischer aufzutrumpfen. Mit brachialem, autoritärem Auftreten überspielt er seine Inkompetenz und seine Sentimentalität. Sein großes Vorbild ist der ebenso nassforsch agierende Kaiser, der nach seinem Amtsantritt 1888 sein persönliches Regiment installierte. Auch Heßling tritt in der geerbten Papierfabrik sofort sein persönliches Regiment an und ähnlich wie Wilhelm II. richtet er damit den größten Schaden an.

Die Idee, Heßlings Rede in neudeutsches Corporate-Sprech zu übersetzen hatte ich schon lange im Hinterkopf. Herrschaftssprache bleibt Herrschaftssprache, egal in welchem Gewand sie daherkommt. Die Anregung, mich noch einmal daran zu machen, kam durch Uwe Timms hervorragenden, im Tagesspiegel erschienenen Essay, in dem er den allgegenwärtigen Ökonomismus unserer Tage vergleicht mit dem Militarismus des Kaiserreichs. 


 

Keine Kommentare :

Kommentar veröffentlichen