Donnerstag, 23. Februar 2012

Iiim Gleichschritt bitte!


Man kommt ja gar nicht mehr heraus aus der Berichterstattung um Wahl und Amt des Bundespräsidenten. In den letzten Tagen empört man sich vielerorts, dass gerade die Netzgemeinde so rosinenpickerisch auf dem armen, missverstandenen Herrn Gauck herumhacke.

Abgesehen davon, dass die pauschale Bezeichnung ‚die Netzgemeinde’ eine ziemliche Frechheit ist, gehört es in der Tat zu den unangenehmen Begleiterscheinungen des digital beschleunigten Informationsaustausches, dass Neuigkeiten, Meinungen, Gerüchte und Gedankenschnipsel sich mit atemberaubendem Tempo ungefiltert zu verbreiten pflegen. Natürlich waren viele der dort ventilierten Soforturteile über Äußerungen, die Joachim Gauck in den vergangenen Jahren mal gemacht hat bzw. haben soll, oberflächlich und eine Menge Blödsinn war dabei. Aber das ändert sich im Augenblick und weicht längst einer differenzierteren Betrachtung. Dass das Unbehagen am Kandidaten auch Ursachen haben könnte, die nicht allein in dessen politischen Überzeugungen liegen, kommt leider ein wenig zu kurz.

Gauck wird auf den Schild gehoben von einer Quasi-Allparteienkoaltition, bei der nur die Linke nicht mitmacht. Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, wie wenig sich SPD und Grüne von ihrem neoliberalen Turn der Schröder-Ära wegbewegt haben, muss sich nur ansehen, welche Begeisterung für den Pfarrer die Parteigranden an den Tag legten.

Das Missverhältnis zwischen den Mehrheiten innerhalb der politischen Klasse und denen in der Bevölkerung war selten besser zu sehen. Emnid hatte am Sonntag, vor seiner Nominierung die von BILD  verwendeten 54 Prozent für Gauck ermittelt. In anderen Umfragen, die lediglich Fragen, ob man Gauck (ohne Alternative) als Bundespräsident gut fände, sind es im Schnitt Zustimmungsraten um die 50-70 Prozent. Selbst wenn man von jener MDR-Umfrage absieht, die aus dem Netz genommen wurde, nachdem zeitweise 77 Prozent der Teilnehmenden sich gegen Gauck ausgesprochen hatten, sieht, bei aller gebotenen Vorsicht in Bezug auf die Aussagekraft solcher Erhebungen, überwältigende Begeisterung anders aus. Vor allem, wenn man dann noch bedenkt, dass Gauck quasi alternativlos ist, die Befragten also nicht einmal eine echte Wahl haben.

Alles Manipulation! Der Bundespräsident der Herzen (via Jacob Jung Blog)

Vor diesem Hintergrund von einem 'Präsidenten der Herzen' zu faseln, und jeden als Miesmacher zu diffamieren, der es wagt, dem Kandidaten, dem Einzigen, einige seiner teilweise diskutablen Aussagen unter die Nase zu halten, dafür die Bezeichnung 'Journalismus' zu verwenden, ist schon dreist. Propaganda wäre der passendere Ausdruck für solche Forderungen nach Gleichschritt.

Dazu passt der patzige Ton, in dem Diskussionen über eine Mitsprache der Bevölkerung abgewürgt werden. Hindenburg, heißt es dann, sei schließlich auch direkt vom Volk gewählt worden, eine Volkswahl also keine Garantie, dass immer die beste Wahl getroffen würde. Ja und? Ist es deswegen eine Garantie, den bestmöglichen Kandidaten zu finden, wenn er im Hinterzimmer unter Ausschluss der Öffentlichkeit ausgekungelt wird, so wie wir es am Wochenende erleben mussten? Wo wir übrigens gerade beim Thema Historisches sind: Ein gewisser Adolf H. hat es meines Wissens in einer repräsentativen Demokratie zum Reichskanzler gebracht. Nur am Rande.

Bei der Linken plant man, Beate Klarsfeld als Gegenkandidatin aufzustellen. Ansinnen und Kandidatin sind gleichermaßen respektabel. Weil es aber eigentlich egal ist, wer gegen Gauck antritt, ist sie eine reine Zählkandidatin. Fallobst pflegt man solche Gegner beim Boxen zu nennen. Oder höflicher: Aufbaugegner. Die für den 18. März anberaumte Veranstaltung wird so oder so eine reine Akklamationszeremonie. Eine Gegenkandidatin würde ihr lediglich den Firnis einer Wahl verleihen. Bei allem Respekt vor Frau Klarsfeld wäre es wohl konsequenter, man böte niemanden auf und enthielte sich geschlossen der Stimme.

Man kann es auch anders sehen, denn eine solche Konstellation ist in der Geschichte der Bundesrepublik nichts Neues. 1984 wurde Richard von Weizsäcker (CDU) von der Bundesversammlung mit über 80 Prozent der Stimmen gewählt. Die von den Grünen nominierte Luise Rinser kam auf 6,5 Prozent. Viele waren damals fest davon überzeugt, dass es sich bei Grünen um eine langhaarige Spinnertruppe handele, die sich in wenigen Jahren von selbst erledigt haben würde. So kann man sich täuschen.


Kommentare :

  1. Ja, - da wirst du wohl in allen Punkten recht haben. Andererseits, wehre ich mich gegen strategisches Denken. Wenn keine Möglichkeit vorhanden ist, klare Bekenntnisse zu offenbaren, wird es eben auch keine ehrliche Politik geben. Schwierig. Die Aussichtslosigkeit von Frau Klarsfeld, sollte uns nicht zum selben Symptom verführen, worauf die anderen ihre Macht aufbauen. Mir wäre eine LINKE die verliert lieber, als eine die strategisch gewinnt, - und später auch genauso strategisch agiert. Sie wäre einfach glaubhafter. Frau Klarsfeld, ist schon durch sich selber glaubhaft. Letztendlich, ist eine Gegenüberdarstellung der Personen Gauck und Klarsfeld, ein klares Zeichen der ganzen Gesellschaft und ihres realen Status. Strategische Überlegungen, würden dies auch nur wieder im doppelmoralinen Nebel aller untergehen lassen.

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    1. eb, ich weiß ja auch nicht, was da richtig wäre: Gegenkandidaten trotz allem, um quasi ein Bekenntnis zur Demokratie abgeben oder die Pseudoveranstaltung ganz boykottieren. Andererseits sollte man eine BP-Wahl auch nicht überbewerten.
      Um das Positive zu sehen: Die Kritik am Kandidaten-Auskungeln umter Ausschluss der Öffentlichkeit, zeigt, dass sich schon was verändert hat und weniger Leute sich alles gefallen lassen (=> BP-Wahl 1984)...

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