Montag, 27. Februar 2012

Noch eine Wahrheit über den 23. Spieltag


Wenns mal nicht so läuft in der Firma, der Schule oder auch der Familie, dann fragt das schlichte Gemüt nicht etwa, was falsch gelaufen ist und was anders laufen müsste, sondern verlangt gern nach Strenge, Disziplin und Härte. Mikrokosmisch lässt sich so was oft an Fußballvereinen und ihren Trainern beobachten. In der Bundesliga vor allem an Felix Magath. Der Kampfgnubbel war Anfang der Achtziger mal ein solider Verteidiger beim HSV und spielte zeitweise auch in der Nationalmannschaft. Daran lässt sich ermessen, wie groß die Personalnot gewesen sein muss, damals in der dämmernden Ära Derwall. Nach seiner aktiven Zeit wurde er 1997 Trainer beim HSV. Seitdem tingelt er als heilbringender Messias der Härte durch die Liga und richtet einen Verein nach dem anderen zugrunde.

Es ist immer dasselbe: Man bemerkt, dass es seit einiger Zeit holpert und man sich der Abstiegszone nähert. Also beginnt man, über einen Trainerwechsel nachzudenken. Denn neue Besen kehren gut und der Trainer ist zudem die Person, die sich am leichtesten austauschen lässt. Spieler und Manager haben meist Verträge, die sich nur unter erheblichen finanziellen Aufwendungen vorzeitig lösen lassen und das Präsidium ist gewählt. Also der Trainer. Und genau auf solche Vereine in solcher Situation hat Magath sich spezialisiert. Er und seine Mitarbeiter fallen dann, Unternehmensberatungen gleich, bei ihnen ein, machen einen auf Erlöser und versprechen schnelle Erfolge nebst Blut, Schweiß und Tränen.

Magath hat sich über die Jahre einen soliden Ruf als verbiesterter Menschenschinder erarbeitet. Mit seinen berüchtigten Methoden soll er bislang noch jedes Trainingsgelände in einen Kasernenhof verwandelt haben, was ihm den Spitznamen Quälix eingebracht hat. Dem Zentralorgan der schlichten Gemüter gefällt so was natürlich und es sekundiert gern: Gib's ihnen härter, Quälix! Zeig den verwöhnten Jungmillionären, wo der Bartel den Moscht holt. Qualität kommt von Qual, harr, harr!

Zwar hat Magath in der Tat einige staunenswerte Erfolge als Trainer vorzuweisen (2003 Vizemeister mit dem VfB Stuttgart, 2005 und 2006 Meister und Pokalsieger mit dem FC Bayern, 2009 sogar Meister mit dem VfL Wolfsburg), aber seine Engagements waren immer nur von kurzer Dauer. Die von ihm betreuten Vereine pflegt er im Schnitt nach zwei Jahren des Höhenfluges als qualmende Trümmerhaufen zu hinterlassen. Damit ist er ein perfektes Abbild unserer modernen Coaching- und Beraterkultur. Unter den reisenden Profibesserwissern sind gewiss einige Seriöse, die meisten hingegen entpuppen sich häufig als moderne Inkarnationen von Doktor Eisenbarth. Sie fügen Schmerzen zu, stellen dicke Rechnungen aus für halbgare Wunderrezepte mit niedriger Halbwertszeit und sind dann mal weg.

Natürlich bedarf es immenser Anstrengungen vieler Menschen, um im Profifußball dauerhaft ganz oben mitzuspielen. Auch das Training bei einem charismatischen Kumpeltypen wie Jürgen Klopp ist mit Sicherheit kein Kindergarten. Aber Leute wie Klopp scheinen ein paar Dinge begriffen zu haben: Wenn die Spieler keinen Sinn in dem sehen, was sie tun und nicht zumindest zeitweise ihren Spaß an der Sache haben, dann nützt auch preußischer Drill nichts, im Gegenteil. Und: Nur langfristige, geduldige Aufbauarbeit bringt auch dauerhaft Erfolg. Dass er sich damit bei weitem mehr auf der Höhe der Zeit bewegt als die Peitschenschwinger alter Schule, die ihre aufgerüschten Antiquitäten als der Weisheit letzten Schluss verhökern, ficht leichtgläubige, vom Ressentiment gelenkte Disziplinfetischisten aber meist nicht an.

Als Ruhrgebietler muss man sich in puncto Fußball entscheiden. Ich gehöre seit Jahrzehnten zu der Fraktion, die es mit dem Schwarzgelben aus Lüdenscheid-Nord hält. Als Magath bei den Blauweißen das Ruder übernahm, hätte ich also schadenfroh sein müssen. War ich auch. Doch zu meiner Überraschung empfand ich dazu eine Prise Mitleid. Zu seiner Inthronisation begehrte der Kontrollfreak, nicht nur Cheftrainer, sondern auch im Vereinsvorstand zu sitzen. Seine Gehaltsforderungen lösten im finanziell maladen Gelsenkirchen ernsthafte Bedenken aus, ob das den Bürgern, denen ein Schwimmbad, eine Stadtbücherei und ein Spielplatz nach dem anderen geschlossen wurde, noch vermittelbar sei. Als man sich dann in Herne-West entschloss, den scharlatanischen Mehr leisten!-Fetischisten nach weniger als zwei Jahren wieder vor die Tür zu setzen, da, muss ich gestehen, ertappte ich mich dabei, den Erzrivalen und Nachbarn im Stillen zu gratulieren. Einen Magath wünscht man selbst seinen ärgsten Feinden nicht.

Nach seinem Rauswurf bei den Blauweißen nahm man ihn in Wolfsburg erneut in Gnaden auf. Man kann das verstehen, so ein Meistertitel prägt eben. Doch nachdem der Golfclub an diesem Samstag mit einem 1:2 gegen Hoffenheim die fünfte Niederlage in Folge kassiert hat, beginnt man hoffentlich auch dort, sich langsam zu besinnen.

1 Kommentar :

  1. Die Geschichte mit dem Sommermärchen. Kliensmann .... Es ist ein Projekt.

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