Mittwoch, 29. Februar 2012

Oops, Götz did it again...


Wieder einmal hat Götz Aly, seit etlichen Jahren Posterboy der Neocons, seit ein paar Monaten auch Kolumnist der Frankfurter Rundschau, eine Probe seiner Kunst gegeben, seine und unser aller schandbare 68er-Vergangenheit zu exorzieren. Als gelte es, dem Vorurteil, dass Bekehrte immer die Schlimmsten sind, frische Nahrung zu verschaffen, rechnet er diesmal mit Beate Klarsfeld ab. Die hat 1968 bekanntlich dem damaligen Kanzler Kurt Georg Kiesinger aufgrund dessen NS-Vergangenheit medienwirksam eine verpasst.

Weil Aly aber zum Glück nicht nur Historiker ist, sondern offenbar auch ein brillanter Psychologe, hat er in diesem Fall gleich eine Diagnose bereit: Klarsfelds Ohrfeige sei ein „Dokument verzweifelter Schuldabwehr gewesen“, da sie und ihre GesinnungsgenossInnen sich in die Identifikation mit den Opfern geflüchtet hätten. Weil die Kinder der Täter nicht in der Lage gewesen seien, den „innerfamiliären Nebel“, wo man halt nicht darüber redete, was Papa im Krieg gemacht hat, zu durchbrechen, habe man sich mit symbolischen Aktionen wie dieser beholfen.

In all seiner Weisheit habe Kiesinger, so Aly, natürlich genau gewusst, wo die Glocken hingen. Daher auch seine würdige, großväterliche Reaktion:
„Die jungen, aufgeregten Deutschen, so sagte er während einer Besprechung im Kanzleramt, versuchten „aus ihrer Geschichte zu fliehen“, sich nicht als Deutsche, sondern als Europäer oder Internationalisten zu verstehen. Kiesinger bezeichnete das als „merkwürdige Illusion“ – und behielt recht.“ (Aly, a.a.O.)
Die Erkenntnis, der olle Kiesinger habe damals schon das Scheitern des Euro vorausgeahnt, ist natürlich sensationell! Aber Spaß beiseite, verstehe ich das richtig? Wenn ich das richtig verstehe, dann heißt das mit anderen Worten: Ihr könnt machen, was ihr wollt, ihr werdet dem Dreck, den wir am stecken haben, nicht entfliehen. Denn ihr seid Deutsche wie wir und damit sind wir Schicksalsgemeinschaft. Wagt es nicht, euch in spinnerte Ideen wie Internationalismus zu flüchten.

Ich habe ehrlich versucht, das sprachliche und intellektuelle Wirrwarr, das Aly da wieder anrichtet, inhaltlich zu bewältigen. Ich habe mich wirklich bemüht. Und ich will auch nicht ausschließen, dass es eventuell an mir liegt, wenn ich immer noch ein paar Fragen habe.

Ich kann so weit folgen, dass Aly offenbar der Ansicht ist, die Achtundsechziger hätten mal lieber schön in ihren eigenen Familien für Aufarbeitung sorgen sollen, anstatt sich zu erfrechen, statt dessen stellvertretend die Eliten abzuwatschen. Denn das sei, wenn ich das richtig verstehe, eine Art Kompensationsreaktion gewesen für die eigenen Schuldgefühle, die die Klarsfeld-Generation gehabt habe, weil sie es nicht hinbekommen habe, den eigenen Daddys zu Hause ein Statement zu entlocken darüber, was sie damals so angestellt hätten. Puh, interessanter Ansatz, das! Kann man so sehen. Muss man aber nicht zwingend.

Womit ich nun wirklich nicht mehr klarkomme: Welche Schuld genau hat Frau Klarsfeld da, stellvertretend für ihre ganze Generation, angeblich abgewehrt? Um sich selbst schuldig gemacht zu haben von Dreiunddreißigbisfünfundvierzig, dafür ist sie (Baujahr 1939) ein wenig zu jung, will mir scheinen. Also, welche Schuld hätte sie unterlassen sollen, abzuwehren? Die der Generation Kiesingers?

Womit ich weiterhin nicht klarkomme: Inwieweit ist es eine Flucht aus der Geschichte, wenn eine Generation ihre Vorgängergeneration mit deren Verfehlungen offen konfrontiert? Man kann über die Wahl der Mittel natürlich trefflich streiten, aber, wenn es geheißen hätte: Ach, Herr Bundeskanzler, sie konnten das, was da im Nachhinein alles an Schlimmem herausgekommen ist über die bösen Nazis ja unmöglich überblicken damals. Was geschehen ist, ist schlimmschlimmschlimm, aber machen wir einen Schlussstrich und reden nicht mehr darüber, ja? Wäre das nicht viel eher eine Flucht aus der Geschichte gewesen?

Und genau gegen dieses lauwarme Herauswinden der Eliten und solche Vereinnahmungsversuche der Mitläufer haben sich Klarsfeld und ihre Mitstreiter damals so vehement gewehrt. Obwohl mein neuer Lieblingskolumnist qua Profession eigentlich wissen müsste, dass es dem Wirken Serge und Beate Klarsfelds bei weitem nicht gerecht wird, es auf diese eine Ohrlasche zu reduzieren: Die selige Naivität, in der er sich an Old Silverlock ranschmust, die nachfolgende Generation mal eben mit ins Boot nimmt für die Verbrechen ihrer Väter und die uninformierte Dreistigkeit, mit der er ihnen jedes Recht abspricht, von der Tätergeneration Rechenschaft zu fordern, ist schon verblüffend.

Aber für verblüffende Einsichten sind Kolumnen schließlich da, heißt es.


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