Dienstag, 7. Februar 2012

Steinbachs williger Helfer


„Götz Aly entspricht ziemlich genau dem Typus des Intellektuellen, den Horkheimer schon 1939 beschrieben hat: »Aufatmend werfen sie die unbequeme Waffe weg und kehren zum Neuhumanismus, zu Goethes Persönlichkeit, zum wahren Deutschland und anderem Kulturgut zurück. (…) jetzt preisen die literarischen Gegner der totalitären Gesellschaft den Zustand, dem sie ihr Dasein verdankt und verleugnen die Theorie, die sein Geheimnis aussprach, als es noch Zeit war.«“ (Klaus Bittermann)
Eigentlich wollte ich mich zu Frau Steinbachs kindischer Provokation nicht weiter äußern. Nun reiht sich, wenig überraschend, auch Götz Aly ein in den Chor jener, die Linke mittels der Folie des Totalitarismus in denunziatorischer Absicht zu den wahren Faschisten umlackieren wollen. Seine unerklärlicherweise in der Frankfurter Rundschau erschienene Kolumne ist zu hanebüchen, um unkommentiert bleiben zu können. 

Seine Prämisse: „Nicht wenige Deutsche identifizieren Rechts mit Böse und Links mit Gut. Ihrem geschichtlichen Durchblick hilft das nicht.“ Folgt man dieser Logik, dann kann man per Umkehrschluss den Deutschen erst dann guten Gewissens geschichtlichen Durchblick attestieren, wenn alle Links mit Böse und Rechts mit Gut identifizieren.

Wenden wir uns lieber historischen Fakten zu. Für professionelle Historiker wie Götz Aly und mich zählt schließlich nur, was die Quellenforschung hergibt. Und da wartet er mit zwei echten Krachern auf:
„So belegen zum Beispiel neu entdeckte Foto- und Filmaufnahmen, dass Hitler am 26. Februar 1919 im Trauerzug für den von einem Rechtsradikalen ermordeten bayerischen (zudem jüdischen) Ministerpräsidenten Kurt Eisner mitlief.“

„In den dramatischen Wochen der Münchener Räterepublik war Hitler von der Revolutionsregierung als Wache in den Hauptbahnhof entsandt worden. Seine Kameraden wählten ihn zum stellvertretenden Soldatenrat ihres in die Revolutionsarmee eingegliederten Regiments.“
Zwei einzelne Ereignisse, bei denen ein orientierungsloser Weltkriegsheimkehrer, der nichts Rechtes mit sich anzufangen wusste, aus nicht genau geklärten Gründen in der Nähe von Linken gesichtet wurde, nimmt Aly als Beleg dafür, dass die spätere NSDAP eine linke Partei gewesen sein müsse. Wenn Hitler, der Anfang 1919 alles andere als ein ausgearbeitetes politisches Programm hatte, aus purer Neugierde bei Eisners Begräbnis war und sich von der Revolutionsregierung zum Schmierestehen hat engagieren lassen, weil sie Kost und Logis bot, dann belegen diese beiden Episoden lediglich, wie radikal Menschen ihre politischen Überzeugungen im Laufe ihres Lebens ändern können. Ohne irgendwelche direkten Vergleiche ziehen zu wollen, dürften Aly, früher seines Zeichens Maoist und Mitglied der Roten Hilfe, Saulus-Paulus-Erlebnisse solcher Art nicht ganz fremd sein.

Was soll es übrigens, eigens darauf hinzuweisen, dass Kurt Eisner Jude war? Kommt bald Alys nächstes Buch heraus, in dem er die steile These aufstellt, Hitler sei im Herzen eigentlich Philosemit gewesen und die Shoah sei ihm nachträglich von böswilligen Linken in die Schuhe geschoben worden?

Überhaupt sollten die Linken mal schön stickum sein, meint Aly, denn „[wer] den deutschen Mieter- und Kündigungsschutz, das Kindergeld, die Krankenversicherung für Rentner oder den Naturschutz für fortschrittlich hält, sollte bedenken, dass die Gesetze 1937, 1934, 1937, 1941 und 1938 erlassen oder in ihrer Schutzfunktion erheblich gestärkt wurden.“  Nett, dass er uns den Bau der Autobahnen und den arbeitsfreien 1. Mai erspart. Leider erwähnt Aly ein paar andere Gesetze nicht, wie etwa das Gesetz zum Schutze der Erbgesundheit des deutschen Volkes, das Personenstandsgesetz, das Gesetz über die Änderung von Familiennamen und Vornamen sowie das Ehegesundheitsgesetz. Man sollte bedenken, dass diese Gesetze 1935, 1937, 1938 und 1935 erlassen wurden. Es mag an mir liegen, aber mir fällt niemand ein, den ich als annähernd links bezeichnen würde, der diese Gesetze gut fände.

Zu den intellektuellen Unredlichkeiten nicht weniger Rechter gehört es weiterhin, aus der Tatsache, dass es eine linke Minderheit gibt, die sich für die Palästinenser einsetzt, eine pauschale Nähe Linker zum Antisemitismus zu konstruieren. Damit lässt sich von der Frage ablenken, inwieweit Antisemitismus im konservativen Bürgertum seinerzeit verbreitet war und ist. Wo war der Aufstand der humanistisch Gebildeten, der an Goethe und Kant Sozialisierten angesichts der Demütigungs- und Entrechtungskampagne der Dreißigerjahre?

In der Tat: Wer sich  auf Kosten Israels einseitig stark macht für die Sache der Palästinenser, sie vielleicht zu heldenhaften Kämpfern stilisiert, gerät damit automatisch in eine Position, die Antisemitismus zumindest gefährlich nahe kommt.

Aber: Wenn Antisemitismus für Linke die Gretchenfrage sein soll, dann ist es Rassismus für die Rechten. Wer Linken pauschal Antisemitismus vorwirft, ideologisiert den politischen Diskurs und sollte sich nicht beklagen, wenn ihm so was als Nähe zum Faschismus ausgelegt wird.

Schließlich bleibt eine Frage unbeantwortet: Wenn die NSDAP eine linke Organisation war, warum hat das damals kaum jemand erkannt? Warum ließen sich militärische und gesellschaftliche Honoratioren und Eliten aus Militär und Verwaltung so bereitwillig von Hitler und Konsorten einspannen? Woher kam die Bereitschaft zur Kooperation mit Hitlers Regime, teilweise gar die Bewunderung für ihn bei Teilen der Großindustrie (deren Mehrheit sich später allerdings mehr oder weniger gut arrangierte)? Wenn Nazis und Kommunisten eh fast dasselbe waren, warum musste während der NS-Diktatur kein nichtjüdischer Grundbesitzer und/oder Unternehmer jemals die Verstaatlichung seines Eigentums befürchten?

Eigentlich bleibt nur eines übrig, das sich einigermaßen guten Gewissens aufrecht erhalten lässt: Mit den kommunistischen Regimes hatte die NS-Diktatur das kollektivistische Element gemein. Das hat im übrigen die heutige NPD auch, wie Stefan Sasse bemerkt. Wird die NPD damit auch zu einer linken Partei?

Man muss kein Anhänger von Verschwörungstheorien sein, um zu der Einschätzung zu gelangen, dass Aly eifrig daran strickt, einen politischer Gegner mit allen Mitteln der Propaganda und der aus der politischen Landschaft zu tilgen. Einen Gegner, der es wagt, den herrschenden kapitalistisch-neoliberalen Mainstream, der Banken mit Milliarden Steuergeldern rettet, gleichzeitig aber Millionen von Menschen immer mehr in Armut fallen lässt, auch nur in Frage zu stellen.


Kommentare :

  1. O-Ton Goebbels:

    “Der Idee der NSDAP entsprechend sind wir deutsche Linke! Nichts ist uns verhaßter als der rechtsstehende nationale Bürgerblock” (Dr. Goebbels, Der Angriff vom 6.12.1931 – zitiert aus: Radnitzky, Das verdammte 20. Jahrhundert, S. 162)

    Und nun?

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  2. Ach Gottchen! Sind Sie wirklich so naiv, den Tricks des Reichspropagandaministers a.D. auf den Leim zu gehen?

    Wenn Frau Steinbach meint, die NSDAP sei links gewesen, weil sie die Vokabel 'sozialistisch' im Namen trug, dann müsste die DDR nach derselben Logik doch ein demokratischer Staat gewesen sein, oder?

    Das mit dem 'Nationalen Sozialismus' war in erster Linie ein Propagandatrick, um sich an die Arbeiterschaft heranzuschmeißen, die damals traditionell in SPD und KPD organisiert war. Das war für das NS-Regime nötig, weil es den Anspruch hatte, alle Schichten und Gruppen der Bevölkerung unter einem Einparteiensystem zu versammeln; im Gegensatz zu den damals etablierten Parteien, die sich immer nur für einzelne Bevölkerungsgruppen zuständig fühlten. Also umwarb man die Arbeiterschaft mit Sozialismusgerede, die Kirchen mit dem Konkordat und machte auch prima Deals mit dem Großkapital.

    Auch die heutige NPD gibt sich antikapitalistisch/globalisierungskritisch, um bei den Unzufriedenen zu punkten. Ist sie deswegen auch eine linke Partei?

    "Zu Steinbachs Äußerung sagt [Heinrich August] Winkler, es handle sich um eine "taktisch durchaus geschickte Übernahme von Parolen, mit denen sich die NSDAP von den etablierten Rechten distanzierte." Denn natürlich habe Hitler mit der Namensgebung im Arbeiter-Milieu nach Stimmen gesucht.

    Ähnlich beurteilt Michael Kohlstruck vom Zentrum für Antisemitismusforschung Steinbachs Argumentation: "Natürlich hatte die NSDAP einen 'deutschen Sozialismus' im Programm, aber keinen internationalistischen, sondern einen, der auf Exklusion, Verfolgung und Vernichtung basierte." Ganz sicher habe die NSDAP kein linkes System gewollt. Der Begriff "sozialistisch" habe damals eine andere Bedeutung gehabt als heute; die NSDAP wegen ihrer Selbstbezeichnung deswegen an der heutigen Bedeutung zu messen, sei ein "historischer Taschenspielertrick": "Zu sagen, die NSDAP war links, ist Unsinn." [...]

    Der Historiker Herfried Münkler meint: "Es gab natürlich linke Elemente in der NSDAP. Es ist also etwas Richtiges dran, aber in der politischen Einordnung ist es trotzdem schief. Denn im politischen Spektrum der Zeit kann es keinen Zweifel geben, dass die NSDAP zur Rechten gehörte."
    (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,812950,00.html)

    Also bitte etwas differenzierter!

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  3. Wenn man Vergangenes als: "war nicht so schlecht" und damit: "lohnt sich möglicherweise zu wiederholen, oder doch auf bestimmte Elemente zurückzugreifen", ergo: aus der Vergangenheit nicht zu lernen bereit ist, interpretiert man am einfachste die Geschichte um ... neu ist das nicht ...

    Und Sie haben Recht, werter Herr Rose, es löst schon Widerwillen aus, sich erneut damit befassen zu müssen. Und dass man es muss, darüber darf man ungehalten sein. Doch man kann es nicht einfach ignorieren, egal, wie gerne man das auch möchte. Dass Steinbach, Aya, Sarrazin (u.d.v.a.) überhaupt passieren, ist schon schlimm genug.

    Weiterhin hat es sich nicht selten als nützlich erwiesen, schon mit den Begrifflichkeiten und Definitionen zu spielen, um den Fokus darauf zu verlegen, wie bspw.: "War jetzt nun etwas dabei, was man als sozial deuten könnte ...?", bis hin zu: "was ist sozial?"

    So wendet sich der Blick vom Ergebnis hinfort, vom Gesamten über die Einzelheiten, bis man sich in den Details verliert, die sich u.U. bis in Richtung der Teilchen-Physik (Wortdefinitionen/Haarspaltereien) bewegen ... Das soll verwirren, das soll den Boden der Gegenargumentation zum Minenfeld auf nicht völlig ausgekühlten Lavagrund werden lassen.

    Letztlich ist es völlig irrelevant, wie viele Pünktchen sozial zu finden gewesen wären, das Ergebnis war alles andere als sozial (oder von mir aus auch links). Dass liegt daran, dass eben die anderen "Pünktchen" in der rechten Masse überwiegen (ist in der Physik auch nicht wirklich anders) und das dürfte wohl faktisch unstrittig sein.

    Manchmal muss man sich echt bemühen, nicht den Glauben an die Menschheit zu verlieren. Viel mehr scheinen destruktive Kräfte stets darum bemüht, vom Ergebnis abzulenken. Nicht weil es ein anderes Ergebnis sei, sondern weil jenen, die das wünschen, das Ergebnis nicht gefällt bzw. doch eigentlich mehr gefallen würde (je nachdem, wie man das sieht ... Beweggrund steht diametral zu den Aussagen).

    Und mit solchen Problemen scheinen wir immer genau dann uns auseinandersetzen zu müssen, wenn uns die Felle von Wohlstand und Zufriedenheit weg schwimmen.

    Ach nee, eigentlich mag ich gar nicht mehr darüber nachdenken... immer dasselbe mit der Menschheit, eigentlich recht phantasielos, diese Spezies.

    Gruss
    rosi

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