Sonntag, 19. Februar 2012

Super-Gauck in Lauerstellung


Es kommt eher selten vor, dass ich mit der für mich zuständigen Bundeskanzlerin einer Meinung bin. Daher wollen wir diesen Tag zünftig begehen. Angela Merkel ist nämlich mit mir der Meinung, dass Joachim Gauck für das Amt des Bundespräsidenten ungeeignet ist. Er soll gern weiter durch die Republik tingeln und, ganz ergriffen von sich, seine Vita verticken, so lange er Schloss Bellevue dabei nicht zu nahe kommt.

Gaucks Nominierung durch SPD und Grüne im Sommer 2010 war vor allem ein parteipolitischer Winkelzug. Nach dem überraschenden Rücktritt Horst Köhlers knallte Merkel den Oppositionsfraktionen, die angeboten hatte, sich an der Suche nach einem geeigneten Kandidaten zu beteiligen, die Tür vor der Nase zu. Also zauberten sie den Pastek von Rostock aus dem Hut. Der genoss, parteipolitisch unverbraucht, in weiten Teilen der Bevölkerung hohes Ansehen. Gauck war beim Wahlvolk und beim Großteil der Medien, vor allem im Hause Springer, erklärter Favorit, während Merkels Kandidat Wulff eher mit höflichem Respekt betrachtet wurde.

Mit alledem lieferten SPD und Grüne 2010 ein Lehrbuchbeispiel ab dafür, wie man einen politischen Gegner vor sich hertreibt. Damit hätte es auch gut sein müssen. Im Lichte der Äußerungen, die seither zu verschiedenen Anlässen von Gauck zu hören waren, muss man rückblickend sagen: Schwein gehabt, dass er es nicht geworden ist! Umso unverständlicher, dass Rotgrün jetzt erneut versucht, ihn auf den Schild zu heben.

Seine, vornehm ausgedrückt, diffuse politische Selbstverortung macht ihn für das politische Establishment unberechenbar. Er selbst hat sich einmal als „linken, liberalen Konservativen“ und „aufgeklärten Patrioten“ bezeichnet. Was irgendwie alles und nichts bedeutet. Man könnte auch sagen: Wer für alles offen ist, ist meistens nicht ganz dicht. So unklar seine politischen Positionen, so schlicht sind seine Kernbotschaften. Sie lauten: Freiheit über alles. Wir hatten ja nichts. Ich weiß, was es heißt, in einer Diktatur zu leben. Weil die DDR nicht mehr ist, gibt es auch keinen Grund mehr, sich irgendwie zu beschweren. Und: Ich war im Widerstand!

Mehr und mehr erhärtet sich der Verdacht zur Gewissheit, dass Joachim Gaucks Wahrnehmung für politische Entwicklungen im Jahr 1991 stehen geblieben ist. In welchem Maße sich zum Beispiel, ausgelöst durch die Bankenkrise 2008, seit einigen Jahren vor unser aller Augen gerade Fundamentales abspielt, zentrale Fragen völlig neu gestellt werden, scheint er nicht einmal ansatzweise zu durchschauen. Im Gegenteil. Vor allem mit seinen Äußerungen, die er in diesem Zusammenhang getan hat, und seiner kritiklosen Bewunderung für die unselige 'Agenda 2010' erweist er sich als ein Verfechter des Prinzips: Spalten statt versöhnen.

Es gibt gewisse gesellschaftliche Gruppen, denen das nur Recht wäre. Weil sie am liebsten eine Art ganzjährigen Knecht Ruprecht als Bundespräsidenten hätten, bekommen sie beim Gedanken an einen professionellen Prediger mit Berufserfahrung feuchte Hände. Einen eisernen Zuchtmeister sehnen sie sich herbei, der den kleinmütigen Deutschen den Marsch bläst, und zwar möglichst täglich. Das ist kein Masochismus, denn mit den kleinmütigen Deutschen sind selbstverständlich immer die anderen gemeint. Los, Jockel, gib's den linken Occupy-Spinnern tüchtig! Erzähl' den ganzen Arbeitslosen, was für faule Säcke sie sind! Fester, jaaa! Sag es ihnen, trichtere ihnen ein, wie undankbar sie sind, dass sie in einem freien Land leben dürfen. Und wo du schon dabei bist, prügele ihnen noch ein, dass der Sozialstaat immer noch viel zu aufgebläht ist und die falschen Anreize setzt!

Bei allem gebotenen Respekt vor Gaucks Lebensgeschichte: So etwas ist nicht Aufgabe eines Bundespräsidenten. Kaum auszudenken, was hätte passieren können, wenn 1968 nicht der besonnene, tolerante Gustav Heinemann, sondern ein polarisierender, obrigkeitsstaatlicher Scharfmacher Präsident gewesen wäre. Es ist legitim, ein Lebensthema zu haben und sich den Rest seiner Tage daran abzuarbeiten. Aber auch dafür ist Schloss Bellevue der falsche Ort und das Bundespräsidialamt die falsche Behörde.

Das Dramolett um den Schnäppchenjäger von Großburgwedel hat zudem gezeigt, dass auch Eitelkeit eine Eigenschaft ist, die sich für einen Bundespräsidenten als problematisch erweisen kann. Das pfauenhafte „Ich bin bereit!“, das Gauck seit letzter Woche dauernd verlauten lässt, lässt auch diesbezüglich nichts Gutes ahnen. Wer sich schon im Voraus zur Idealbesetzung aufplustert, verletzt damit nicht nur politischen Komment, sondern offenbart auch jenes bisschen zu wenig an Zurückhaltung, das sofort die Alarmglocken läuten lässt.

Die 'Bild am Sonntag' jedenfalls ficht so was nicht an und sie mobilisiert schon wieder eifrig Volkes Stimme. Beim Kauf meiner sonntäglichen Brötchen und Berliner - zur Feier des Tages, immerhin war ich mal mit Frau Merkel einer Meinung - sah ich beim Bäcker auf der Titelseite: 78 Prozent der Deutschen für Gauck und eine Mehrheit dagegen, dass Wulff seine Bezüge weiter erhält.

Es mag sein, dass die CDU Gauck als Kandidaten nur deswegen ablehnt, weil seine Nominierung einem Eingeständnis gleichkäme, 2010 einen schweren Fehler gemacht zu haben. Es kann aber auch sein, dass Merkel bewusst ist, wie brandgefährlich so jemand in unruhigen Zeiten wie diesen werden kann und sie deswegen einen Teufel tut.


1 Kommentar :

  1. Jaaa, bitte Herrn Gauck! Der einzige gelernte DDR-Bürger unter Gottes weiter Sonne, der 1989 begriffen hat, was "Freiheit" bedeutet. Vielleicht ist er überhaupt der einzige...

    Und diese eine Rede, die er da in den letzten zwanzig Jahren auswendig gelernt hat - die hör' ich mir gern noch weitere 50 000 Mal an. Kein Ding!

    Und wer weiß, vielleicht fällt diesem famosen Pfarrer sogar mal ein Satz zur Welt nach 1989 ein, der nicht "unerträglich albern" ist. Wer kann das heute schon ausschließen...

    Vielleicht gegen Ende seiner zweiten Amtszeit in Bellevue? Nein? Na, dann aber sicher im zweiten (oder dritten) Aufguß seiner gloriosen Memoiren "Ich und die Freiheit", die dann 2030 erscheinen.

    Hoffentlich postum. Ich kann's kaum erwarten. :-)

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