Samstag, 11. Februar 2012

Türkenwitz reloaded


Zu unseren Pubertätszeiten, Anfang der Achtziger, da waren eine Zeit lang Türkenwitze sehr beliebt und sorgten zuweilen für großes Hallo. Wir wussten allerdings auch, dass so etwas eigentlich nicht geht und vor allem nicht an die Öffentlichkeit gehört. Wir wären daher niemals auf die Idee gekommen, uns damit auf eine Bühne zu stellen, donnerndes Gelächter dafür zu erwarten nebst dem Bundesverdienstkreuz für solch heroische Verteidigung der Meinungsfreiheit. Dieses Bewusstsein mag freilich dadurch entstanden sein, dass wir in der Schule ausschließlich Achtundsechziger-Kuschelpädagogen ausgeliefert waren, die uns zu hoffnungslosen Gutmenschen verzärtelt haben. Diese Politisch Korrekte Gesinnungsmafia hat uns offenbar dahingehend gehirngewaschen, dass wir schon nach kurzer Zeit solche Scherzchen reichlich pubertär fanden und erwachsenen, zivilisierten Menschen eigentlich unwürdig.

Am 2. Februar wurde im Rahmen der Sendung 'Frankfurt Helau' eine Büttenrede von Patricia Lowen ausgestrahlt, in der sie, mit Minirock und Kopftuch angetan, als Ayse vom Sender 'Döner TV' auftrat. Dafür wurden sie und der Hessische Rundfunk scharf kritisiert, unter anderem vom hessischen Landesausländerbeirat. Trotzdem, so lässt der Sender verlauten, soll die Sendung am 19. Februar ungekürzt ausgestrahlt werden.


Ohne sich mit Rassismusdiskussionen aufzuhalten, bleiben zwei Dinge festzuhalten: Erstens haben sich nicht wenige Menschen davon beleidigt gefühlt. So was kann in der Hitze der Fassenacht natürlich passieren, aber man sollte es zumindest zur Kenntnis nehmen und es respektieren. Zweitens ist der Auftritt als solcher einfach grottenschlecht. Eine wirklich gekonnte Parodie auf Kanak Sprak war zum Beispiel vor Jahren bei 'Switch' zu sehen – nur damit niemand denkt, ich würde mich prinzipiell sofort empören, wenn über ethnische Minderheiten gescherzt wird. Nun kann man einwenden, dass Komiker wie Kaya Yanar, Django Asül und Bülent Ceylan auf ähnliche Weise mit Klischees und Vorurteilen spielen würden und alle würden sich darüber amüsieren. Schon richtig, nur teilen die Genannten nach allen Seiten aus, wobei sie sich selbst nicht ausnehmen, und verlangen allen davon Betroffenen die Fähigkeit ab, über sich zu lachen. Der unbeholfene Auftritt einer ambitionierten Laiendarstellerin, der im Kern nur aussagt: Türken alle doof, wolle nich integriere, sitze alle im Knast, fresse nur Döner und trage Kopftuch, hahaha, wird man ja wohl noch sagen dürfen, ist da schon etwas ganz anderes.

Ich will mich, wie gesagt, nicht zum Richter aufspielen über das, was gefälligst lustig zu finden ist und was nicht. Auch nach Verbot zu schreien, ist lächerlich. Aber: Würde ich mich auf einer ähnlichen Frohsinnsveranstaltung hinstellen und, hessischen Dialekt schlecht imitierend, erzählen, wir Frankfurter trönken den ganzen Tag Ebbelwoi, hätten nur Geld im Kopf, hinterzögen kollektiv Steuern und seien auch sonst ein wenig deppert – ich würde damit vielleicht keinen Eklat auslösen, müsste aber damit rechnen, dass das Echo eher aus einem lauen Naja bestünde. Möglicherweise würde ich auch nicht wieder eingeladen.

Buchte man die Ayse-Nummer mit allem Wohlwollen als misslungenen Scherz ab und ließe das im Senderarchiv verschwinden, dann könnte man sagen: Gut, ein Griff ins Klo, die Sache. Nicht schön so was, kommt aber leider vor, sorry. Wer aber, wie der Hessische Rundfunk, nun meint, die Nummer jetzt erst recht erneut ausstrahlen zu müssen, vielleicht gar, um gegen die in den Hirnen der Paranoiden dieser Welt allgegenwärtige Politische Korrektheit und die imaginierte linke Meinungsdiktatur ein Zeichen setzen zu müssen, muss sich die Frage gefallen lassen, noch alle gerade zu haben in der Murmel. Es ist nur schwer vorstellbar, dass der gleiche Hessische Rundfunk mit einer Büttenrede, die auf ähnliche Weise antisemitische Klischees oder solche über Behinderte aufgreift, ähnlich verführe, wenn sich die entsprechenden Verbände beschweren würden. Da ließe sich vermutlich sehr schön sehen, wie es um den Mut der Senderverantwortlichen wirklich bestellt wäre – so sie das überhaupt ausgestrahlt hätten.

Was ist so lustig daran, eine Minderheit mit aller Gewalt vor den Kopf zu stoßen? Sieht so das viel beschworene Niveau aus? Wie klein müssen Egos sein? Was für ein Selbstverständnis muss haben, wer so was als kulturelle Errungenschaft abfeiert? Karneval bedeutet Narrenfreiheit, das ist sogar mir als diesbezüglich eher hüftsteifer Westfale klar. Nur habe ich das als Unbeteiligter eigentlich immer so verstanden, dass Narrenfreiheit bedeutet, den Mächtigen ihre Verfehlungen um die Ohren hauen zu können. Verfilmte Türkenwitze wie auf dem Frankfurter Karneval dagegen sind die gleiche Schublade wie Casting-Sendungen a'la Bohlen und Hartz-IV-Erniedrigungs-TV. Oder wie Schulhofschlägereien, bei denen die Sportskanonen den kleinen Dicken zusammenschlagen und von denen am lautesten angefeuert werden, die erleichtert sind, dass es sie nicht erwischt hat diesmal. Eine emotionale Müllkippe für all jene, die sich andauernd bedroht oder sonstwie vom Leben benachteiligt fühlen, aber zu feige sind, sich dagegen zu wehren. Die unbedingt jemand Schwächeren brauchen zum verhöhnen und kleinmachen, um sich besser zu fühlen.

Natürlich darf Patricia Lowen ihre Jauche loswerden, sogar im Fernsehen. Denn die Denk- und Sprechverbote, die so gern herbeiphantasiert werden, sie existieren nicht. Nein, das Öffentlich-Rechtliche sendet sogar noch eine Wiederholung. Mut braucht es für solche Erbärmlichkeiten also keineswegs. 



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