Mittwoch, 8. Februar 2012

Wenn schon Fahnen, dann bitte etwas kreativer


Als Reaktion auf das Veto Russlands und Chinas gegen die Syrien-Resolution im Weltsicherheitsrat haben aufgebrachte Demonstranten in Syrien Flaggen Russlands und Chinas verbrannt. Abgesehen vom traurigen Anlass, dass diese Länder der Assad-Bande damit Carte Blanche zum fröhlichen Weitermetzeln ausgestellt haben, eine hervorragende Sache! Weniger, weil es die Flaggen Russlands und Chinas erwischt hat, sondern weil damit wieder einige dieser komplett sinnfreien, in vormodernen Zeiten mit Bedeutung überladenen Lappen endgültig von dieser Welt verschwunden sind.
Bravo! Wieder ein paar weniger (via fr-online.de)
Hierzulande hatte man ja lange Zeit ein eher gespaltenes Verhältnis zum örtlichen Nationalfeudel. Man hisste das Teil ohne großes Brimborium dort, wo Protokoll es gebot und wer das darüber hinaus tat, musste durchaus damit rechnen, schief angesehen zu werden. Eine Zeitlang konnte man sich beinahe glücklich schätzen, in einem Land zu leben, dem das Flaggengetue eine sehr untergeordnete, auf das Notwendige reduzierte Rolle spielte.

Mit der Wiedervereinigung, spätestens aber mit der Fußball-WM 2006 brachen dann alle Dämme: Auf einmal hatte das Land Schwarzrotgold im Endstadium, man machte Häuser und Autos damit voll oder wedelte in aggressiver Weise damit herum. Die neubekehrten Patrioten jubelten, Fähnchenschwenken sei nicht mehr nur was für die Rechtsradikalen, sondern nunmehr in der Mitte der Gesellschaft verankert. Blödsinn. Erstens gerät ein aufrechter rechter Recke nicht bei Schwarzrotgold, sondern nur bei Schwarzweißrot in Wallung. Außerdem, was soll bitteschön als Nächstes in der Mitte der Gesellschaft ankommen? Armhochrecken und Sieg-Heil-Bölken? Zweitens verstehe ich nicht, was die Fahnenanbeter so toll daran finden, dass irgendwelche grölenden Besoffskis sich in das angeblich so heilige Tuch wickeln, um es zu vorgerückter Stunde vollzureihern.

Vielleicht liege ich falsch, aber der einzige für mich erkennbare Nutzen von Fahnen liegt darin, dass man durch sie auf einen Blick sieht, mit welchem Land man es gerade zu tun hat. Aber wenn das so sein soll, warum sehen sich dann achtzig Prozent von den Dingern zu achtzig Prozent ähnlich? Kein Witz, ich habe vor einiger Zeit einmal so einen Anklick-Quiz auf einer Internetseite gemacht, bei dem man Nationalflaggen richtig zuordnen sollte. Mein Ergebnis war unterirdisch, obwohl man mir eine durchaus ordentliche Allgemeinbildung nachsagt. Von Ausnahmen wie USA oder Großbritannien abgesehen, sah in den meisten Fällen eine aus wie die andere.

Wie wenig geeignet die gebräuchlichen Fahnen zur schnellen und einfachen Identifizierung der zugehörigen Länder sind, dürfte auch folgendes Experiment belegen: Man zeige einigen durchschnittlich bildungsfernen Jugendlichen einige Nationalflaggen. Wenn man ihnen die hiesige zeigt, werden einige natürlich was von „Schland“ humpfen oder so. Zeigt man ihnen dann aber die belgische, gehe ich jede Wette ein, dass mindestens einer sagen wird: „Öh, auch Deutschland, aber irgendwie voll falschrum, ey!“ Bei den Fahnen Österreichs und Lettlands dürften dann erste körperliche Ausfallerscheinungen zu beobachten sein.

Mein wirkliches Problem ist gar nicht so sehr das quasireligiöse Getue, das ein paar ziemlich Gestrige um ein schlichtes Stück Stoff zu veranstalten sich nicht entblöden. Ein jeder macht sich zum Horst, so gut er kann. Nein, es ist, wie gesagt, die Phantasielosigkeit der meisten Exemplare. Irgendwie scheint es immer nur darum zu gehen, zwei bis drei farbige Streifen zusammenzunähen. Wie wäre es mal mit ein bisschen Kreativität? Die walisische Fahne beweist, dass Zeichnungen erlaubt sind. Die brasilianische, dass auch Text geht. Demnach müssten auch Fotos möglich sein.

Findet sich denn nicht ein Land, das bereit wäre, seine langweilige Bi- oder Trikolore abzuschaffen und statt dessen, sagen wir, ein Foto zu verwenden, auf dem der amtierende Präsident eine Torte ins Gesicht bekommt oder es fröhlich alle mit allen treiben? Dürfte diese Fahne dann noch vor dem UN-Gebäude hängen? Oder satirische Fahnen. Eine auf Stoff gedruckte Karikatur von George W. Bush als neue Nationalflagge des Irak gäbe sicher ein ganz großes Hallo. Für unsere Breiten und die für den Sommer zu befürchtenden Fußball-Horden wäre dagegen eher etwas Schlichtes passend: Warum nicht Schwarzschwarzschwarz und in der Mitte in einer klaren Schrifttype in weiß das Wort „DEPP“?


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