Montag, 20. Februar 2012

Zwei abschließende Gedanken zu Wulff


Eins

Journalismus, so höre ich als Unbeteiligter nicht selten, sei ein hartes Geschäft. Tausende freier Schreiber in diesem Land prügeln sich mit immer mehr Konkurrenten um immer schlechter dotierte Aufträge, sodass sie trotz immer mehr Arbeit am Ende des Monats oft nicht wissen, wo das Geld für die Miete herkommen soll. So viel zum einen Ende der Fahnenstange. Wer jedoch am anderen Ende sitzt, es zum gut dotierten Redakteur, Chefredakteur oder Herausgeber eines großen, überregionalen Mediums gebracht hat, genießt neben immer noch sattem Einkommen eine Reihe von Privilegien, von denen der größte Teil der Arbeitnehmer in diesem Land nicht einmal träumen kann.

Ein Presseausweis, heißt es, sei Gold wert. Wer ihn einmal hat, kann in der Regel das Wort 'Eintritt zahlen' aus seinem aktiven Wortschatz streichen. Außerdem gibt es überall Pressemappen, kleine Aufmerksamkeiten (neudeutsch Giveaways genannt), vielleicht einen Happen zu essen und etwas zu trinken. In vielen Fällen ist das alles weit weniger luxuriös als es sich anhört. Für viele der oben erwähnten Kleinschreiber und Einmann-/-frauunternehmen mit mageren Umsätzen mag das auch überlebenswichtig sein, weil ihre Aufwendungen sonst die Honorare auffressen würden. Den Großkopferten der Branche eröffnet das dagegen, so sie es möchten, ein Saus- und Brausleben, in dem sie nirgends für irgendetwas zahlen müssen (dass es nicht alle tun, steht auf einem anderen Blatt). Die potenziellen Opfer ihrer Tätigkeit machen das mit, manchmal zähneknirschend, weil sie gelernt haben, dass es besser ist, sich mit den Damen und Herren von den Medien gut zu stellen.

Nebenbei bemerkt, dürfte es auch in den Spitzenetagen der Wirtschaft nicht wenige geben, die ab einer gewissen Gehaltsstufe das Ansinnen, Essen, Autos, Reisen und Übernachtungen gefälligst aus eigener Tasche zu bezahlen, als schwere Provokation empfinden.

Die eintrittsgeldbrefreiten Spesenritter und Arbeitsesser aber waren es, die Wulff in den letzten Monaten jede einzelne Übernachtung außerhalb der eigenen vier Wände kleinlichst vorgerechnet haben. Das verleiht ihrer Empörung über Wulffs Gratis-Lebensstil etwas Scheinheiliges. Jetzt, nach dem überfälligen Rücktritt, patscht man sich kollektiv auf die Schultern, wie großartig die Presse in diesem Land ihre Rolle als vierte Gewalt erfüllt hätte. „Fast alles richtig gemacht“, tönt Ulrike Simon in der Berliner Rundschau.

Bitte mich nicht falsch zu verstehen: Wulff ist weder ein Heiliger noch eine verfolgte Unschuld. Die Kungeleien des niedersächsischen Präsidentendarstellers waren und sind aller Kritik würdig und sein Rücktritt war unausweichlich. Vor allem, wenn man bedenkt, dass viele andere aus weit nichtigerem Anlass zurückgetreten sind. Aber das müffelnde Selbstlob der Journaille ist verdächtig. Kaum vorstellbar, dass Wulffs hannöversche Verstrickungen schon lange vor seinem Amtsantritt als Bundespräsident in gut informierten Kreisen nicht wenigstens teilweise bekannt waren. Es war aber nichts zu hören davon. Erst als Kai Diekmann im November den Startschuss gab, hefteten sich alle an Springers Fersen und hüpften eiligst auf den Zug.

Christian Wulff ist nicht allein über seine 'Verfehlungen' - man beachte den moraltheologisch gefärbten Tonfall - gestürzt, sondern auch über seinen überaus ungeschickten, geradezu jämmerlichen Umgang damit. Es ist zwar müßig, aber ein interessantes Gedankenspiel, sich die Frage zu stellen, ob er auch dann hätte zurücktreten müssen, wenn er mit den gegen ihn erhobenen Vorwürfen anders umgegangen wäre: Souverän, ernsthaft, offen, mit richtigem Timing und immer mit breiter Zustimmung, wenn nicht Sympathie der Öffentlichkeit im Rücken. Vermutlich schon, denn spätestens mit dem Antrag der Staatsanwaltschaft, seine Immunität aufzuheben, wäre es in jedem Fall eng geworden.

Fast die gesamte deutsche Presse hat sich von Springer bei der Beseitigung Wulffs und der Installation ihres Wunschkandidaten Gauck willig vor den Karren spannen lassen. Jene Presse, die sonst gern der herrschenden Ideologie das Wort redet anstatt sie infrage zu stellen, schrieb eifrig den vergleichsweise unmächtigen Wulff aus dem Amt und konnte sich so der eigenen Macht und Herrlichkeit versichern. Interessant ist oft der Blick des deutschsprachigen Auslands. Jürg Dedial schreibt heute in der NZZ:
"Und vielleicht könnten jetzt die Moralbuddhas der Medien nach geschlagener Schlacht auch einmal mit ähnlichem Drang darlegen, wie sie sich selbst vom Lockstoff all der Verlockungen und Verführungen betören lassen, denen sie als Journalisten nur allzu oft unterliegen – von Einladungen der tollsten Sorte, Reisen und Rabatten in einem Ausmass, das bei fast allen andern Erwerbszweigen die Schamröte hochtriebe. Wer derart exponiert im Glashaus der Tugend sitzt, sollte sehr vorsichtig mit Anschuldigungen umgehen. Eigenartig, wie viele Augen da plötzlich blind sind."

Zwei

Die Mini-Debatte über die Frage, ob Christian Wulff seine Bezüge ('Ehrensold') weiterhin erhalten soll, ist erbärmlich. Für den Fall, dass die Bezüge ihm tatsächlich verweigert werden sollten, steht sicher nicht zu befürchten, dass er und seine Familie in zwei Jahren beim Jobcenter auf der Matte stehen und Hartz IV werden beantragen müssen. Vermutlich werden sich nicht alle seiner alten Freunde von ihm abwenden und irgendein nettes Pöstchen als Frühstücksdirektor von irgendwas wird sich finden. Aber allein die Art, wie diskutiert wird, zeigt die ganze Verpieftheit, Spießbürgerlichkeit und Missgunst dieses Landes, in dem man so gern was von UNSEREN Steuergeldern krakeelt. Der unbedingte Wille, dem, den die Glamour- und Klatschmagazine noch vor einem halben Jahr gefeiert haben, die Altersbezüge unter dem Hintern wegzuziehen, nimmt langsam Formen eines Exorzismus an.

Wenn Wulff seinen Ehrensold bekommt, dann deswegen, weil dies gesetzlich so vorgesehen ist und er damit nichts unrechtes tut. Dass nun ausgerechnet Walter Scheel, der in einem früheren Leben ohne eigenes Zutun in der NSDAP gelandet sein will, der der bislang mit weitem Abstand teuerste Bundespräsident i.R. ist, und der das amateurhafte Schmettern eines Volksliedes im Fernsehen als nachhaltigsten Eindruck seiner aktiven Zeit hinterlassen hat, sich aufspielt als moralische Instanz („Ich hoffe, er ist klug genug, zu verzichten“ - was für ein Satz!), das hat schon eine gewisse Pikanterie.


1 Kommentar :

  1. Zwei gute und wichtige Gedankengänge hierzu!

    Es ist schon bezeichnend, dass sich die Presse in aller Regel selbst lobt, als sich selbst zu reflektieren. Und damit meine ich nicht zwingend irgendwelche Inhalte, Behauptungen oder Meldungen, die sie übernommen haben und die sich im Nachhinein als Falschmeldungen herausstellen. Nein, ich würde gerne einmal einen Aritkel in einer bürgerlichen Zeitung lesen (SZ, Zeit, Spon, Welt etc.), der von Agenda Setting, Kampagnenjournalismus, Hetze, einseitige Berichterstattung, Abhängigkeit von Anzeigenkunden, Einflussnahme von großen Konzernen auf Presseinhalte usw. im eigenen Hause handelt. Ich vermute, darauf kann ich lange warten.

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