Freitag, 9. März 2012

Begnadete Dreckschleuder


Der politische Diskurs in vielen US-Medien folgt dem Prinzip: Je mehr es knallt, desto besser. Unterzieht man sich der Mühe, sich mit Einlassungen von Leuten wie Bill 'O Reilly, Rush Limbaugh, Glenn Beck oder Ann Coulter zu befassen, wird schnell klar, dass es längst nicht mehr um Debatte geht im Sinne des Austausches von Meinungen und Argumenten. Diese Leute wähnen sich im Krieg. Es geht um Vernichtung des politischen Gegners und jedes Mittel ist recht. So absurd die Anwürfe erscheinen mögen, die zum Beispiel Fox News nach dem Schrotschussprinzip im Minutentakt auf alles einregnen lässt, was irgendwie links oder unamerikanisch erscheint – es gilt das Prinzip: Irgendwas bleibt immer hängen.

Man kann sich in schöner antiamerikanischer Attitüde damit beruhigen, dass der Atlantik groß sei und die Amis ja schon immer einen leichten Knall gehabt hätten. Das ist zwar wohlfeil, doch ebenso falsch wie gefährlich. Wie sehr wir uns diesen Verhältnissen bereits angenähert haben, das aber vielleicht nicht sehen mögen, weil bei uns oft mehr die Form gewahrt wird, zeigt Anne Wills jüngster Versuch einer Talkshow, den man sich online ansehen kann (für diesen Zusammenhang wird es nach ca. einer Stunde interessant).

Das Thema der Sendung ist eigentlich egal – es ging um die weltpolitisch höchst relevante Frage, ob Christian Wulff seine Privilegien verdient – interessanter ist, wie diese Runde selbstgefälliger journalistischer Herrenreiter mit dem ebenfalls anwesenden Politologen Christoph Butterwegge umsprang, allen voran der aufgeblasene Moritz Hunzinger. Nachdem Butterwegge eine Stunde kaum zu Wort gekommen ist, wurde er, als Frau Will sich herabließ, ihn endlich dranzunehmen, bei jedem seiner Anläufe, etwas auszuführen, rüde abgewürgt. Man kann sich den Eindrucks nicht erwehren, dass Butterwegge allein zu dem Zweck eingeladen wurde, um für diese Zierden der Debattierkunst den Watschenmann zu geben. Und Frau Will lächelt brav dazu – sie weiß offenbar, mit wem man es sich verscherzen darf und mit wem nicht.

Regelmäßige Leser/innen zum Beispiel der Nachdenkseiten sollte so ein Schmierentheater eigentlich nicht mehr überraschen, aber die Dreistigkeit, mit der das mittlerweile betrieben wird, lässt einem doch immer wieder den Kamm anschwellen.

Es wird zusehends offensichtlicher, dass man in einer Welt, in der neoliberale Ideologie seit mehr als zwanzig Jahren sich als alternativlos verkauft und man sich auch immer weniger verpflichtet fühlt, sich diesbezüglich mit Argumentation aufzuhalten, mit geschliffener Rhetorik allein nicht immer weiter kommt.

Dass es auch anders gehen kann, zeigt ein neuerlicher Blick über den Großen Teich. Dort gibt es nicht nur Leute wie Jon Stewart und Steven Colbert, sondern auch Doug Stanhope. Der hält sich nicht mit detaillierten Analysen auf, sondern setzt das in die Tat um, was Georg Schramm einmal über den Zorn sagte: Er nimmt den Fehdehandschuh auf, der von rechts geflogen kommt, und pöbelt gnadenlos zurück. Das beginnt damit, dass er stets rauchend und Bier trinkend auftritt. Dabei macht er sich eine Gesetzeslücke in vielen US-Bundesstaaten zunutze, dank derer auf Theaterbühnen geraucht werden darf, wenn andernfalls die künstlerische Aussage eines Werkes gefährdet wäre. Nach dem Motto, wer Krieg will, der kann ihn haben, kübelt er den bigotten Moralpredigern ihren Schmutz eimerweise vor die Füße.

Doug Stanhope: This generation sucks (leider keine Untertitel verfügbar)


Doug Stanhope on nationalism


Wie das meiste Kabarett, wärmt auch das natürlich vor allem die Herzen derer, die eh mit ihm auf einer Linie sind. Aber die Kraft und Energie, die das freisetzen kann, das hat schon was.


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