Samstag, 10. März 2012

Die Frage aller Fragen...


... (wenn man aus der Provinz kommt)

Es ist wohl eine Erscheinung des fortschreitenden Alters, dass man sich manchmal vorkommt wie Opa, der vom Krieg erzählt. Wer von so was genervt ist, sei gewarnt und möge die nun folgenden Ausführungen tunlichst überspringen. Nicht, dass es noch böse Kommentare gibt.

In Zeiten vor dem Internet, da konnte es passieren, dass man als Kind einer Randständigen Mittelgroßen Ruhrgebietsstadt (R.M.R.) angesichts neuer Dienstleistungen und Angebote, die mit fünf- bis zehnjähriger Verspätung ihren Weg aus den pulsierenden Metropolen der Welt herfanden, zuweilen stand wie der sprichwörtliche Ochs vorm Berg. Man darf sich nicht täuschen lassen: An Rhein und Ruhr wird zwar traditionell sozialdemokratisch gewählt, aber das bedeutet keineswegs, dass hier ein besonders progressiver oder weltoffener Menschenschlag haust. Das Ruhrgebiet ist nur rein zahlenmäßig einer der größten Ballungsräume Europas und sieht nur auf der Karte aus wie Klein-London. In Wirklichkeit handelt es sich um einen notdürftig zusammen getackerten Flickenteppich aus Provinzkaffs.

In so einer Gegend lösten unter anderem Neuheiten aus den Bereichen Erotik und Essen leicht ein gewisses Befremden aus. Als mir beispielsweise bei der Lektüre eines Bochumer Stadtblattes zum ersten Mal der Begriff 'Escort-Service' begegnete, da dämmerte es mir schon irgendwie, dass es sich dabei wohl nicht um eine Autowerkstatt handeln würde, die ausschließlich auf ein bestimmtes Modell eines amerikanischen Herstellers spezialisiert war. Was sich tatsächlich dahinter verbarg, bekam ich erst viel später heraus, weil ich mir nicht die Blöße geben wollte, den großmäuligen Klassentrottel zu fragen und für die nächsten Monate als kompletter Depp dazustehen.

Die Frage aller Fragen, die einem als so Sozialisiertem bei so was oft durch den Kopf ging, lautet: Was machen die eigentlich als nächstes? Zum Beispiel bei neuen Trends in der Gastronomie. In einer R.M.R. lebte man mehrheitlich nach dem Prinzip: Watt der Bauer nich kennt, datt frisst er auch nich. Man fühlte sich rundum versorgt, wenn folgende Läden am Ort waren: Pommesbude (gern auch griechisch - Fleiiisch!), Dönerbude, Pizzeria, Chinese, Jugoslawe, Eisdiele, normales Café (für Ommas), gutbürgerliches Restaurant/Kneipe und, für alle, die noch nicht mit dem Leben abgeschlossen hatten: eine Szenekneipe. Menschen, die mal in Berlin, München oder Hamburg waren, wussten da natürlich von weit Exotischerem zu berichten, aber die hiesige Reaktion darauf war meist ein kurzes „Watt? Blödsinn!“. Daher staunte man in meinem Sprengel nicht schlecht, als plötzlich roher Fisch mit kaltem Reis unter der Bezeichnung Sushi als kulinarisch letzter Schrei gehandelt wurde.

Endgültig hielt die große weite Welt Einzug in die R.M.R., als das Privatfernsehen begann, die betuliche Fernsehlandschaft aufzumischen. In meist spätabendlichen Sendungen wurden auf einmal Dinge gezeigt und besprochen, die einen noch eine Weile beschäftigten. Lebhaft erinnere ich mich an eine Ausgabe von Alfred Bioleks Talkshow aus den frühen Neunzigern, in der zum ersten Mal im deutschen Fernsehen Zeichnungen von Intimpiercings gezeigt wurden. Die bloße Erinnerung daran löste bei mir und bei Freunden, die das auch gesehen hatten, noch Tage später Phantomschmerzen in Körperregionen aus, in denen man als Otto Normalbürger Schmerzen noch weniger schätzt als anderswo.

Pizzaservice fanden wir als unreife Menschen ja noch irgendwie cool, weil das die Amis in den Amifilmen auch hatten. Aber als im Fernsehen zum ersten Mal über einen Nacktputzservice berichtet wurde, wurde es dann doch zu bunt. Was machen die eigentlich als Nächstes?, fragte ich mich auch da. Einen Service für Klospülen und Hintern abwischen, oder was? Kurz darauf sah ich die ersten Kleinwagen der damals gerade aufkommenden privaten Pflegedienste, und mir wurde klar, dass mein Sarkasmus bereits von der Realität eingeholt worden war.

Das alles, liebe Kinder, ist natürlich lange her. Dank Internet gibt es mittlerweile sofort eine Antwort auf die meisten brennenden Fragen und wir gehen viel abgeklärter durchs Leben, im vollen Bewusstsein, dass einen so schnell nichts mehr erschüttern kann. Dachte ich zumindest. Ich wurde eines Besseren belehrt, als ich vor kurzem nach längerer Zeit mal wieder einen jener Läden betrat, wo Menschen hingehen, die fälschlicherweise von sich behaupten, nicht blöd zu sein. Eigentlich brauchte ich nur einen Chinch-Adapter für einsfuffzich und wollte schnell wieder raus. Aber einer alten Gewohnheit gehorchend, bummelte ich noch einmal kurz durch die Abteilung Computerspiele. Und was ich da sah, das versetzte mich schlagartig in alte Zeiten zurück. Flugsimulatoren, Rennsimulatoren und Eisenbahnsimulatoren kannte ich ja. Letztere habe ich als alter Modelleisenbahner tatsächlich mal eine Zeit lang gespielt, muss ich zugeben.

Mir war aber nicht klar, dass es inzwischen Simulatoren für so ziemlich alles und jedes zu geben scheint. Mit wachsenem Unverständnis stöberte ich durch das Angebot und fand folgendes feilgeboten: Einen Baumaschinen-Simulator (ok, nach Feierabend ein Häuschen einreißen könnte Spaß machen), einen Gabelstapler-Simulator, einen Schiffs-Simulator (stelle ich mir außerhalb von Sturmtiefs und Hafenbecken eher meditativ vor), einen Landwirtschafts-Simulator (am Computer sitzend, zwei Stunden lang auf dem Acker mit Traktor und Mähdrescher im Schritttempo hin und her tuckern? Huiii!), einen LKW-Simulator (mit 90 km/h Kilometer fressen und den Liefertermin nicht einhalten können? Spannend!), einen Bus-Simulator (links blinken, losfahren, rechts ran, anhalten, Tür auf, warten, Tür wieder zu, links blinken, losfahren, rechts ran, anhalten,...), einen Autobahn-Simulator (für alle, denen der tägliche Weg zur Arbeit noch nicht reicht) und, als Krönung des Ganzen: einen Müllabfuhr-Simulator.

Da war es auf einmal wieder, das Gefühl von damals. Und auch die Frage aller Fragen, sie stand wieder im Raume: Was machen die eigentlich als nächstes? Einen Waschmaschinen-Simulator? Einen Grill-Simulator? Einen Tapezier- und Anstreich-Simulator? Einen Sanitär-Simulator? Hintern abputzen und Klo spülen am Computer, oder was?

Ups, Obacht!, dachte ich. Die Erfahrung lehrt, dass da möglicherweise schon dran gearbeitet wird.

Kommentare :

  1. Hihi. Wirklich schön geschrieben. Mein stärkster Kulturschock in Sachen Modernisierung war, ( da lebte ich auch noch in einer RMR, heute lebe ich in einer SLM (Süddeutsche Land-Mission), - als man begann, Pommes rot-weiß zu mischen und umzurühren ;-) Entsprechende Simulatoren, hab ich aber noch nicht entdeckt.

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  2. Nee, Pommes Schranke war nie so meins. Eher Currywurst Pommes Mayo...
    Was Simulatoren angeht, I am not making this up:
    http://www.simulatorworld.de/

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  3. In einem schweizer Bergdörfchen lebend frage ich mich schon, wie eines Entwicklers Geist beschaffen sein muss, um auf solche Ideen zu kommen ...

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