Freitag, 16. März 2012

Lasset die Kindlein...


„Sowas kann nur RTL. Nur der Kölner Privatsender wagt es, die perversesten Ausformungen des Neoliberalismus in alle Winkel der Gesellschaft zu blasen und hat sich damit ein publizistisches Monopol in Deutschland gesichert. Jeder Mensch ist ein Produkt, das es zu positionieren gilt.“ (Rabea Weihser)
Man kann zu Sendungen wie Deutschland sucht den Superstar (DSDS) sagen, was man will: Man kann sagen, diese Sendungen transportierten ein diskutables Verständnis von Stars, geschweige denn Superstars. Superstar wird dort nur, wer durch das Stahlbad der Bohlenschen Erniedrigungsmaschinerie gegangen und auch sonst signalisiert, sich bis zum Anschlag verbiegen bzw. verbiegen lassen zu wollen. Man kann sagen, diese Sendungen erhöben es zum Prinzip, Menschen, die teilweise eine problematische Selbstwahrnehmung haben und sich nicht vielleicht nicht so recht wehren können, dem Gespött der Menge preiszugeben. Man kann auch einwenden, in diesen Sendungen werde das neoliberale Selbstausbeutungsgebot absolut gesetzt.

Das alles kann man mit Recht sagen. Eines aber musste man letztendlich bislang immer einräumen: Es sind erwachsene Menschen, die sich dem, warum auch immer, aussetzen. Diese Menschen haben das Wahlrecht, dürfen Ehen eingehen, per Auto die Gegend unsicher machen, sich bei Polizei oder Militär an Waffen ausbilden lassen und sich eben auch in aller Öffentlichkeit zum Horst machen. Man muss ihnen zugestehen, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen und ihre Gründe dafür zu haben, auch wenn man das ums Verrecken nicht nachvollziehen kann. Man muss ihnen aber auch zumuten, mit den möglichen Folgen klar zu kommen.

Jetzt gehen sie bei RTL einen Schritt weiter. In Kürze wird es DSDS auch in einer Version geben, bei der 4- bis 14-jährige Kinder und Jugendliche teilnehmen dürfen. Beim Sender heißt es, wie immer in solchen Fällen, man reagiere nur auf die Bedürfnisse der Fans. Zuchtmeister Bohlen höchstpersönlich ließ verlauten, er sei von Kindern und Jugendlichen förmlich bedrängt worden, so eine Sendung zu machen.

Man kann davon ausgehen, dass man sich in Köln sehr wohl der möglichen Kritik bewusst ist. Daher werden sie wie immer, wenn ein kontroverses Sendeformat etabliert werden soll, vermutlich erst einmal die nette Tour fahren: Sie werden sich einsichtig geben, die Sorgen ernst nehmen. Sie werden uns zeigen, wie sehr ihnen am Wohl der Kinder gelegen ist und wie viel Spaß die Kleinen an der Sache hätten. Pädagogen und Psychologen werden dazu sprechen. Die Eltern werden sie zeigen und wie wichtig es ihnen ist, die Kinder nicht unter Druck zu setzen, sie zu nichts zu zwingen und so weiter. Wie immer wird das Perfide des Formats sich erst nach und nach heranschleichen, wenn die Zielgruppe genügend angefixt ist, die ewigen Kritikaster ausreichend sediert sind und es allgemein heißt: Ach, guck mal, gar nicht sooo schlimm wie befürchtet.

Nein, sie werden dramaturgische Mittel wie kindliche Kloppereien, die Nöte, die Kämpfe zunächst sparsam und möglicherweise auch unter dem Ausdruck großer Betroffenheit einsetzen. Und in ein paar Jahren kann man dann das weiter ausbeuten, indem man rührselige Berichte sendet über das, was aus den Kindern so geworden ist. Die mittlerweile pubertierende Interpretin des unsäglichen Schnischnaschnappi-Songs liefert da ein schönes Beispiel.

Immerhin sind sie bei RTL konsequent. Nicht genug, dass sie ein Erfolgsrezept gnadenlos auf die Spitze treiben. Nicht genug, dass sie nach dem Abgang von Supernanny Saalfrank endlich wieder etwas gefunden haben für die Kinder-gehen-immer-Schiene. Nein, sie geben sich auch traditionsbewusst, indem sie sich auf seine eigenen Anfänge besinnen. Mit der Mini-Playback-Show hatte man damals in den Kindertagen des Privatfernsehens schließlich Maßstäbe gesetzt.

„Was für Eltern muss man haben,...?“, fragten die Toten Hosen in ihrem Song über den FC Bayern. Zeit für eine Neuauflage.


1 Kommentar :

  1. Es sind erwachsene Menschen,....

    Dass ist immer der Punkt, wo ich immer ganz bescheiden werde und die Menschen liebe. Wobei ich mir nicht mehr ganz sicher bin, ob ich das aus echter Liebe mache oder um den ständig aufsteigenen Zynismus zu bekämpfen, denn in diesem Satz;
    Man muss ihnen aber auch zumuten, mit den möglichen Folgen klar zu kommen.
    liegt ja immerhin auch die Logik, dass die möglichen Folgen i.d.R. von allen verkraftet werden müssen. Also auch von mir. Und wenn man dann; "erwachsene", Menschen trifft, die den Kids dann vorschlagen, - es doch mal bei "Deutschland sucht den Superstar" zu versuchen, dann muss ich mich fragen, - ob da nicht schon was zu spät ist, - für etwas, - was man bereits verkraften muss. Macht die Unterteilung zwischen Jugendlichen, Pubertierenden und Erwachsenen eigentlich noch Sinn, - oder heißt erwachsen werden lediglich, - man ist ausgewachsen? Ich tippe auf letzteres.

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