Montag, 19. März 2012

Marie Antoinette von Damaskus


Es soll Mütter geben, die ihre Töchter irgendwann beiseite nehmen und ihnen zuraunen: „Kind, sieh zu, dass du einen anständigen Mann kriegst, der dich auch versorgen kann. So ein Hungerleider und Habenichts, das ist doch nichts fürs Leben.“ In so genannten besseren Kreisen führt man in diesem Zusammenhang gern noch die Vokabel 'standesgemäß' im Munde. Oder man greift zu subtileren Mitteln: Entweder, das Töchterlein wildert bei der Partnerwahl in der erwünschten Zielgruppe oder es werden ihr die Annehmlichkeiten, die ein Leben als höhere Tochter so schön sorgenfrei machen, kurzerhand entzogen. Verbunden mit dem Hinweis: „Du musst wissen, was du tust, mein Kind. Wir würden dir natürlich niemals Vorschriften machen.“

So betrachtet, ist Asma al-Assad, geborene Fawaz-al-Akhras, eine vorbildliche Tochter. In London geboren als Tochter eines Kardiologen, hat sie, obwohl aus sunnitischer Familie stammend, eine Privatschule der Church Of England besucht, später am King's College Informatik studiert. Eine Zeitlang arbeitete sie als Finanzanalystin in der Londoner City. 2000 heiratete sie den studierten Augenarzt Baschar al-Assad, der zu diesem Zeitpunkt gerade von seinem Vater die Regierungsgeschäfte in Syrien übernommen hatte. Besser, er hätte beizeiten eine nette Praxis in London eröffnet.

Seit letztem Jahr hat man im Hause Assad bekanntlich ein kleines Problem: Das Volk muckt auf und will mehr Demokratie. Wie ernst es dem Volk damit ist, lässt sich daran ermessen, wie sehr es bereit ist, Kopf und Kragen zu riskieren. Dadurch hat das Assad-Regime sich in den letzten Monaten zwischen Fünf- und Siebentausend Tote aufs Kerbholz geschafft. Der so westlich und aufgeklärt sich gebende Baschar al-Assad und seine Mischpoke stehen seitdem da als das, was sie sind: Eine ganz gewöhnliche Bande brutaler Schweinediktatoren.

Der britische Guardian hat jetzt mehrere Tausend E-Mails aus dem engeren Kreis des syrischen Assad-Clans abgefangen. Nach erster Durchsicht offenbaren sie im wesentlichen das, was zu vermuten war: Dass die Sippe, abgeschottet von der Welt da draußen, ein Leben in Luxus führt, vor allem am Erhalt ihrer Macht interessiert ist und dabei eine gehörige Portion Zynismus und Kälte an den Tag legt. Die First Lady tut sich hervor als modebessessenes, konsumgeiles Püppi: Ihr ist, den Mails nach zu urteilen, die Frage, in welche Tonne sie ihre teuren Pumps dem Recycling zuführen soll, deutlich wichtiger als die, wie viele Tote zum Beispiell die Kämpfe um Homs gefordet haben. Die Geschichte lehrt, dass so was in brenzligen Zeiten – Marie Antoinette lässt grüßen – eher weniger gut ankommt beim aufgebrachten Volke.

Geradezu rührend in ihrer Naivität fallen aber die Reaktionen einiger boulevardnaher Medien hierzulande auf das Gebaren der Lady aus: Nein, wundert man sich da, so eine hübsche junge Frau. Und so gebildet! Guck mal, Abitur hatse auch. Und immer so schick gekleidet ist sie. Wie kann so eine nur?

Über so was können sich eigentlich nur drei Sorten von Menschen ernsthaft wundern: Erstens diejenigen, die Frauen immer noch für automatisch moralisch höher stehende Wesen halten, zweitens diejenigen, die immer noch glauben, menschliche Qualitäten ließen sich daran ablesen, welche Schule ein Mensch besucht hat und drittens diejenigen, die die Manipulationen der Mode- und Luxusindustrie ernst nehmen. Die laufen im Kern darauf hinaus, zu suggerieren, dass Menschen, die sich Kram leisten können, der gezielt für diejenigen hergestellt wird, die nicht wissen, wohin mit der Kohle, dadurch zu wertvolleren Bewohnern des Planeten werden.

Abgesehen davon, dass das Staunen bildungsbürgerlich Beseelter darüber, wie ein so gebildeter Mensch es dulden kann, das so schlimme Dinge in seinem Namen geschehen, allenfalls davon zeugt, nicht begriffen zu haben, dass Bildung längst zur x-beliebigen Ware mutiert ist, zum reinen Asset für die Karriere, erweisen sich vor allem die Letztgenannten als besonders deppert. Deren Erstaunen rührt von einem höchst naiven Weltbild, in dem Menschen, die sich exquisit zu kleiden und einzurichten verstehen, unmöglich schlechte Menschen sein können und in dem man umgekehrt gewalttätige Diktatoren und ähnliche Großkriminelle schon von weitem an ihrem inferioren Ölscheich-Geschmack erkennen könne.

Auch ein Abschluss an irgendeiner weltweit renommierten Großkopferten-Anstalt bedeutet im Zweifel überhaupt nichts. Unter Schwerverbrechern wie den Assads und ihnen nahe stehenden gehört es zum guten Ton, ihren Nachwuchs in der Schweiz, in Großbritannien und in den USA auf die besten Schulen und Universitäten zu schicken und ihn mit allen Finessen des luxuriösen Lebens vertraut zu machen. Das alles dient einzig dem Renommée und der Pflege von Netzwerken. Die Eliteklitschen der Welt verdienen prächtig daran und haben diese zahlungskräftige Klientel als festen Posten in ihre Kalkulationen eingepreist. Mit Bildung im Sinne von Wertevermittlung hat das alles so viel zu tun wie Investmentbanking mit Anstand.

Asma al-Assad ist ein weiteres schönes bzw. hübsches Beispiel dafür, dass weder die Tatsache, eine Frau zu sein noch beste Bildungsabschlüsse nebst einem ebenso ausgeprägten wie kostspieligen Sinn für Erlesenes niemanden davor bewahren, eine oberflächliche, ignorante und eitle Blitzbirne zu sein. Man sollte, wie Catherine Bennett es ausdrückte, eine Vorliebe für sündteure Schuhe von Christian Louboutin nicht verwechseln mit einer Vorliebe für westliche Werte. 


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